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Strukturen von Recht und Herrschaft

6.Politische Theorie und moderne Naturrechtslehre
6.3 Zentrale Herausforderungen an die Politische Theorie der FNZ

6.3.2 DER VERLUST DER RELIGIÖSEN EINHEIT

von Tim Neu
 

Nicht nur das ‘Wachstum der Staatsgewalt’ stellte eine wichtige Herausforderung an die Politische Theorie der FNZ dar. Daneben ist der zweite ‘Fundamentalprozeß’ (vgl. Literatur Schilling, Profil, 8ff.) der FNZ zu nennen, der so erhebliche politisch-praktische Auswirkungen zeitigte, daß er von den politischen Denkern aufgegriffen werden mußte: Die durch die Reformation ausgelöste ‘Glaubensspaltung’ und im Anschluß daran einsetzende ‘Konfessionalisierung’.

Im Teilabschnitt über die verwandte Themen Ausdifferenzierung des Politischen in der FNZ war schon ganz allgemein davon die Rede gewesen, daß die politische Praxis der Vormoderne als aufs engste verzahnt mit und beeinflußt von nicht-politischen Faktoren verstanden werden muß. Ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste dieser extrapolitischen Wirkmomente war nun die Religion, das (lateinische) Christentum. Seit der in der Spätantike erfolgten innigen Verbindung von römischem Reich und christlichem Glauben war Politik nur mehr als christliche Politik zu denken und zu konzipieren. Das Christentum bildete das unerschütterliche Fundament, von dem her sich weltlich-politische Herrschaft sowohl legitimieren konnte, aber auch beschränken lassen mußte. Konkret bedeutete dies eine fast vollständige Durchsetzung des Politischen mit religiösen Ansprüchen:

  1. Die politische Herrschaft sei göttlichen Ursprungs.
  2. Die politische Herrschaft verfolge ein religiöses Ziel.
  3. Die Mittel der politischen Herrschaft, die Gesetze, dürften den göttlichen Gesetzen nicht widersprechen.

Quelle: Thomas von Aquin

Es kommt hinzu, daß das Christentum als monotheistische Buchreligion einen extremen Absolutheitsanspruch erhebt: Es gibt für den Menschen weder Wahrheit noch Erlösung außerhalb des christlichen Glaubens! Da aber die Politik und ihre Hauptaufgaben ‘Friede und Recht’ als wesentliche Elemente des göttlichen Heilsgeschehens vorgestellt wurden, konnte es mit Glossar Heiden / Häretikern, die ja außerhalb der Kirche standen, im strengen Sinne weder ‘wahren’ Frieden noch ‘echte’ Rechtsbeziehungen geben.

Im Verlaufe der Reformation zerbrach die Einheit der lateinischen Christenheit und aus der Alten Kirche entstanden die drei neuen sog. ‘Konfessionskirchen’ der Lutheraner, Katholiken und Reformierten (GlossarDimensionen der Konfessionalisierung; verwandte Themen 2.2.1. Konzepte). Diese unterschieden sich fundamental in ihrer jeweiligen Auslegung des Christentums und betrachteten und behandelten die Angehörigen der gegnerischen Konfessionen als Ketzer.

Neben vielen anderen Auswirkungen führte der Verlust der Glaubenseinheit in Bezug auf das hier im Mittelpunkt stehende Feld des Politischen zu einer folgenreichen Konstellation: Einerseits standen die meisten Gemeinwesen bald vor der Situation, daß ihre Untertanen unterschiedlichen Konfessionen anhingen. Andererseits galt aber auch nach der Glaubensspaltung für das zentrale Mittel der Politik weiterhin, daß das "Recht […] im katholischen wie im evangelischen Verständnis letztlich durch die Glaubenslehren begründet und begrenzt" wurde. Da aber nunmehr jede Konfession ihrerseits Anspruch auf absolute Wahrheit erhob und ihre Gegner verketzerte, war die Folge unausweichlich: "Die Glaubensspaltung hatte […] eine tiefe innere Spaltung der Rechtsordnung zur Folge" (beide Zitate: Literatur Heckel, Krise, 113).

Die Krise der Religion war somit gleichzeitig eine tiefe Krise des werdenden Staates. Damit wurde ein bisher selbstverständliches Fundament für politische Praxis und Theorie gleichermaßen in höchster Weise problematisch: Das Verhältnis von Religion und Politik!

Für politische Denker, für die Kopplung von Politik und Religion unabdingbar war, und diese waren sicherlich in der Mehrheit, stellten sich dann u. a. Fragen folgender Art: "Konnte ein Katholik mit Lutheranern, ein Calvinist mit Katholiken mehr vereinbaren als momentanen Gewaltverzicht, mehr als die schon immer im Umgang mit Heiden allenfalls mögliche ›pax inquia‹? Ja, war die ›pax iusta‹ nicht letztlich nur durch Krieg wiederzuerringen, einen Krieg, bei dem es nicht um einzelne strittige Rechtspositionen im Rahmen einer alle einenden Rechtsordnung ging, sondern um die Rechtsordnung selbst? Mußte die falsche Rechtsordnung der Ketzer nicht vernichtet werden, ehe wahrer Friede einkehren konnte?" (Literatur Gotthard, Konfessionskrieg, 155f.). Alternativ wurde - wie in der Gruppe der politiques in Frankreich (verwandte ThemenSouveränitätslehre (Bodin)) – auch über eine Trennung von Politik und Religion nachgedacht, wobei diese Lösung zu dem Folgeproblem führte, daß dann offensichtlich "angesichts religiöser Partikularisierung das Gemeinwesen einer eigenen Legitimation bedürfe" (Literatur Bermbach, Widerstandsrecht, 131).

 

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