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Strukturen von Recht und Herrschaft

6.Politische Theorie und moderne Naturrechtslehre
6.7 Modernes Naturrecht

6.7.3 ARGUMENTATIVE GRUNDFIGUREN: NATURZUSTAND, VERTRAG

von Tim Neu
 

Im letzten Abschnitt wurde gezeigt, daß das moderne Naturrecht auf einer wissenschaftlichen Methode beruhte, mittels derer von einem obersten Prinzip ausgehend ein kohärentes System naturrechtlicher Normen entfaltet wird – Glossar ‘more geometrico’. Weiterhin wurde deutlich, daß das oberste Prinzip selbst aus dem Wollen der Menschen erschlossen werden sollte: Ein solches allgemeines Prinzip ist jedoch nicht unmittelbar gegeben, denn die tatsächlichen Menschen befinden sich ja schon in einem konkreten Gemeinwesen und da ihr Wollen damit an einem positiv-rechtlichen Zustand orientiert ist, kann daraus ohne weiteres kein allgemeines, eben ‘natürliches’ Prinzip abgeleitet werden. Die Denkoperation, die die Naturrechtler zu leisten hatten, war also eine doppelte und zugleich gegenläufige: Erst muß die Vielfalt der konkreten Situation so weit reduziert werden, daß ein allgemeines Prinzip des menschlichen Wollens sichtbar wird, um dann von diesem Fundament ausgehend durch die Entfaltung des Systems die Vielfalt der konkreten Situation einzuholen. Man nennt dies die ‘resolutiv-kompositorische Methode’: "Komplexe Sachverhalte werden analytisch in ihre ersten Grundelemente aufgelöst; sind diese erkannt und definiert, wird der komplexe Sachverhalt aus seinen Grundelementen rekonstruiert" (Literatur Euchner, Staatsphilosophie, 26). Diesen beiden Schritten entsprechen nun zwei zentrale Argumentationsfiguren.

Die resolutive Komponente bildet dabei die Lehre vom Naturzustand "im Sinn des außer- oder vorgesellschaftlichen Zustandes, in dem die vereinzelten Einzelnen nur der mechanischen Naturgesetzlichkeit ihrer Triebe, aber keinem positiven, von politischer Gewalt garantierten Gesetzesbefehl unterworfen sind" (Literatur Hofmann, Naturzustand, 654). Dieser wird erzeugt, indem mittels eines Gedankenexperiments das Gemeinwesen und mit ihm alles positive Recht ‘aufgelöst’ (lat. resolvere = auflösen) wird, und seine Ausgestaltung liefert dann die Basis für die Ermittlung des gesuchten obersten Prinzips. Obwohl sich die Vorstellungen bezüglich des Naturzustands, seiner Auswirkungen und des obersten Prinzips innerhalb der naturrechtlichen Tradition erheblich unterschieden (vgl. verwandte Themen 6.7.4), so bestand Einigkeit darüber, daß er ursprünglich geprägt ist von Gleichheit und Freiheit: Nicht in ein hierarchisches Gemeinwesen eingebunden verfügen alle Individuen kraft ihres Mensch-Seins über gleiche Rechte, über die sie frei nach ihrem eigenen Ermessen verfügen können.
Aber die Menschen verbleiben nicht im Naturzustand, sondern errichten das Gemeinwesen. Über die Gründe, die zum Verlassen des Naturzustands führen, und die Struktur des an seine Stelle tretenden Gemeinwesens (vgl. verwandte Themen 6.7.5) waren die Naturrechtler wiederum verschiedener Meinung, das kompositorische Mittel jedoch stand fest: der Vertrag. Der Kern des Vertrags ist die "Idee der Autoritäts- und Herrschaftslegitimation durch freiwillige Selbstbeschränkung aus eigenem Interesse unter […] einer strikten und institutionell garantierten Wechselseitigkeit" (Literatur Kersting, Begründung, 21), d.h. eine jede gesellschaftliche Einrichtung ist dann naturrechtlich gerechtfertigt, wenn sie als auf einem - hypothetischen - Vertrag beruhend rekonstruiert werden kann, den alle Naturzustandsmenschen freiwillig eingehen würden, weil er ihnen nützte. Wie auch der Naturzustand ist der Vertrag allerdings in erster Linie ein Argument in einem Gedankenexperiment und nicht umstandslos zu identifizieren mit konkreten Glossar Herrschaftsverträgen.

Quellen: Pufendorf, Locke, Hobbes und Wolff

 

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