Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
impressum :: feedback :: kontakt ::  
 
 LINKWEG ::: Inhalt / Politische Theorie, Naturrechtslehre / Modernes Naturrecht /
zurück  6.7.1 Vorgänger und Konkurrent. Der Spätaristotelismus
6.7.3 Argumentative Grundfiguren: Naturzustand und Vertrag  vor


Strukturen von Recht und Herrschaft

6.Politische Theorie und moderne Naturrechtslehre
6.7 Modernes Naturrecht

6.7.2 WAS IST MODERNES NATURRECHT?

von Tim Neu
 

Die Idee eines ‘Naturrechts’ (ius naturae) und naturrechtliches Argumentieren sind nicht erst in der FNZ entstanden, sondern können bis in die Antike zurückverfolgt werden. Dennoch ist in der Mitte des 17. Jhs. eine so epochale Veränderung dieses Denkens eingetreten, daß es gerechtfertigt erscheint, die Veröffentlichung des Leviathan von Glossar Thomas Hobbes im Jahre 1651 als Einschnitt zu wählen und erst nachher von modernem Naturrecht zu sprechen. Es ist also zuerst zu klären, was man allgemein unter ‘Naturrecht’ versteht und sodann, was die Spezifik des modernen Naturrechts ausmacht.

 Was ist Naturrecht?  
zum Seitenanfang
 

‘Naturrecht’ meint ein "System rechtlicher Normen, die für alle Menschen (…), auch ohne und im Konfliktfall sogar gegen alle positiven, insbesondere staatlichen Gesetze und Weisungen, überall und jederzeit verbindlich sind" (Literatur Ilting, Naturrecht, 245). Der Begriff wird durch die Gegenüberstellung Naturrecht vs. positives Recht erst verständlich: GlossarPositives Recht gilt kraft menschlicher ‘Setzung’ (lat. ponere = setzen, legen, stellen), also nur in räumlichen und zeitlichen Grenzen. Das Naturrecht hingegen soll sich gerade dadurch auszeichnen, daß es dieser Partikularität entbehrt und eben überall und immer gilt.
Ein solches, gleichsam über-positives Recht kann verschiedene Funktionen erfüllen. Die wichtigste dürfte darin bestehen, daß man damit einen Beurteilungsmaßstab gewinnt, an dem man das positive Recht messen kann: Naturrecht kann also positives Recht kritisieren (bei Nicht-Übereinstimmung) oder legitimieren (bei Übereinstimmung).
Allerdings bedarf ein solches Naturrecht natürlich der Begründung, denn es ist nicht ohne weiteres einsichtig, welche Normen es enthalten soll und womit deren Geltung begründet werden könnte - und der Glossar Rechtspositivismus bestreitet z.B. überhaupt eine solche Möglichkeit. In der Geschichte des Naturrechts kann grob man drei verschiedene Begründungen unterscheiden, deren letzte das moderne Naturrecht darstellt.

  1. Das teleologische Naturrecht: Dieses zuerst in der heidnischen Antike formulierte Konzept führt Inhalt und Geltung des Naturrechts zurück auf das ‘Sein’ der Natur selbst, daher auch der Name Naturrecht. In der Antike stellte man sich die Natur als Kosmos (gr. kosmos = Schmuck, Ordnung) vor: eine ewige Ordnung, deren Teile ihre eigenen Zwecke in sich tragen (vgl. verwandte Themen 6.3.3). → Das Naturrecht gilt, weil die Natur selbst seine Normen enthält.
  2. Das theonome Naturrecht: Im Spätmittelalter wurde die Begründung des Naturrechts in einem nunmehr christlichen Kontext erheblich verändert. Seine Geltung wurde nicht mehr auf ein ‘Sein’, sondern auf ein ‘Wollen’ gegründet - den Willen Gottes als Schöpfer der Natur. → Das Naturrecht gilt, weil Gott es so will und angeordnet hat.
 Was ist modernes Naturrecht?  
zum Seitenanfang
 

Das moderne Naturrecht unterscheidet sich nun in zwei wesentlichen Punkten von diesen älteren Varianten, und zwar sowohl in der Begründung selbst, als auch in der wissenschaftlichen Methode, mit der aus dieser Begründung konkrete Normen abgleitet werden.

Begründung: So unterschiedlich die älteren Naturrechtskonzeptionen im Einzelnen auch sein mögen, ihnen "gemeinsam ist die Berufung auf eine vom menschlichen Willen unabhängige Instanz: die Natur- oder Schöpfungsordnung, der Wille Gottes (…). Th. Hobbes setzt dieser Tradition ein Ende und stellt das N[aturrecht] (…) auf ein neues Fundament: den Willen und die Einsicht des Einzelnen." (Literatur Kühl, Naturrecht, 585). Das ist die revolutionäre Wendung, die das moderne Naturrecht begründet: → Das Naturrecht gilt, weil jeder einzelne Mensch es will bzw. rational einsehen kann, daß er es wollen muß.

Methode: Der Bruch mit der Tradition, den eine solch völlig neue Begründung bedeutete, wurde dadurch noch vertieft, daß man zur Ausarbeitung dieses Ansatzes die neue Methode anwendete, wie sie in der verwandte Themen Wissenschaftlichen Revolution entwickelt worden war. Diese "erkennt nur ein einziges Prinzip an, das die Grundlage des ganzen Rechtssystems bildet" und "leitet durch ein logisches Verfahren alle juristischen Bestimmungen aus dem ersten Grundsatz her und baut ein konsequentes System, dessen Teile sich gegenseitig und folgerichtig bedingen" (Literatur Scattola, Naturrecht, 215).

Zusammenfassend läßt sich daher festhalten: "Das [moderne] Naturrecht ist also rational, methodisch stringent, systematisch und säkular." (Literatur Denzer, Spätaristotelismus, 239).

Da nun das moderne Naturrecht auf diesen Grundlagen aufruht, hat dies folgende Konsequenzen für den Aufbau einer naturrechtlichen Politischen Theorie insgesamt:

Auf welchen konkreten obersten Prinzipien in Bezug auf die Verfaßtheit des Menschen (verwandte Themen 6.7.4) ein solches System jedoch aufgebaut wird, und welche konkreten rechtlich-politischen Normen für das Gemeinwesen (verwandte Themen 6.7.5) daraus abgeleitet werden, das gestaltet sich bei den einzelnen Naturrechtstheoretikern sehr unterschiedlich.

Quellen: Thomas Hobbes und Samuel von Pufendorf

 

zurück  6.7.1 Vorgänger und Konkurrent. Der Spätaristotelismus
6.7.3 Argumentative Grundfiguren: Naturzustand und Vertrag  vor
 
zum Seitenanfang
             © 2003 by Barbara Stollberg-Rilinger • mail:  fnz.online@uni-muenster.de