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Strukturen von Recht und Herrschaft

6.Politische Theorie und moderne Naturrechtslehre
6.7 Modernes Naturrecht

6.7.4 DER MENSCH IM NATURZUSTAND (HOBBES, PUFENDORF)

von Tim Neu
 

In den bisherigen Abschnitten sind Theoriebausteine behandelt worden, die das konzeptionelle (vgl. verwandte Themen 6.7.2) und argumentative (vgl. verwandte Themen 6.7.3) Grundgerüst naturrechtlichen Denkens bildeten und daher in keinem solchen System fehlten. Es stellt sich dann die Frage, was für inhaltliche Positionen die Naturrechtsdenker aus ihrem System ableiteten und innerhalb der Politischen Theorie der FNZ vertraten: Waren sie für souveräne Herrschaft oder ständische ‘Freiheiten’? Für konfessionelle oder säkulare Gemeinwesen? Für absolute Monarchie oder Glossar ‘gemischte Verfassung’? Darauf kann man allerdings nicht eindeutig antworten, da "es kaum einen philosophischen oder politischen Standpunkt gegeben hat, der im Laufe der Jahrhunderte nicht auch naturrechtlich begründet worden wäre" (Literatur Klippel, Naturrecht, 267). Man kann zwei Gründe für diesen Befund angeben. Zum einen rührt diese Heterogenität daher, daß das moderne Naturrecht in erster Linie eine spezifische Methode politischen Denkens darstellt, und zu welchen Ergebnissen man kommt, hängt eben größtenteils davon ab, welche obersten Prinzipien man als Ausgangspunkte setzt. Und diese obersten Prinzipien werden zweitens eben nicht voraussetzungslos durch die Naturzustandsanalyse ‘gefunden’ - auch wenn die Theoretiker dies behaupteten -, sondern hängen immer zusammen mit der politisch-sozialen Lebenswelt, in der sich der Naturrechtler selbst befindet. Daher wird hier und im nächsten Abschnitt ganz grob das Spektrum naturrechtlicher Positionen hinsichtlich des Menschen im Naturzustand bzw. der vertraglichen Struktur des Gemeinwesens abgesteckt.

Für Glossar Thomas Hobbes (1588-1679) ist die Selbsterhaltung das oberste Prinzip, wie für die meisten Naturrechtstheoretiker. Seine Analyse des Naturzustands ergibt aber, daß es sich dabei um einen verheerenden Kriegszustand aller gegen alle handelt, das berühmte bellum omnium contra omes. Auf den ersten Blick erscheint das paradox: Wenn doch alle nur ihre Selbsterhaltung sichern wollen, wie kommt es dann zu einem Zustand, in dem selbst diese gefährdet ist? Hobbes meint, daß die Menschen auch im Naturzustand um knappe Güter konkurrieren müssen. Da es aber kein Gemeinwesen gibt, kein geschütztes Eigentum, faktisch überhaupt keine Pflichten außer der Selbsterhaltung, ist jeder dazu auf seine eigene Glossar Macht angewiesen. Akteur A kann also seine Güter nur sichern, wenn er mehr Macht als Akteur B hat. Dies führt natürlich dazu, daß Akteur B sein Machtpotential ebenfalls steigern muß, etc. Es ist also keineswegs eine angeborene Schlechtigkeit des Menschen, sondern "die Interaktionsstruktur des Naturzustandes selbst, die bei je individuell optimierenden Akteuren eine Eskalation wechselseitiger Schädigungen und Übergriffe in Gang setzt, die am Ende die Sicherung des nackten Überlebens zur ultima ratio machen." (Literatur Nida-Rümelin, Bellum, 120). Hobbes entwirft eine Konfliktanthropologie: Will der Mensch im Naturzustand überleben, muß er Einzelgänger sein, denn die Anwesenheit anderer führt immer zu einer destruktiven Eskalation. Dieser miserable Zustand kann nur durch die Errichtung des Gemeinwesens überwunden werden.

Obwohl Glossar Samuel von Pufendorf (1632-1694) ebenfalls vom Selbsterhaltungstrieb des Menschen ausgeht, liest sich seine Erörterung des Menschen im Naturzustand erheblich anders. Geht es Hobbes primär um die zur Sicherung der Selbsterhaltung notwendige und so konfliktreiche individuelle Machtsteigerung angesichts relativ gleicher Individuen, so betont Pufendorf die kooperative Seite der Selbsterhaltung, denn das "Individuum, auf sich allein gestellt, ist von Natur aus hilflos und bedarf […] des Lebens in der Gemeinschaft; aus der imbecillitas folgt die socialitas als Grundbestimmung des Menschen" (Literatur Denzer, Spätaristotelismus, 254). Die natürliche Sozialität des Menschen kompensiert dessen ebenso natürliche Schwäche und ermöglicht so überhaupt erst seine Selbsterhaltung: Daher besteht für Pufendorf schon im Naturzustand die Pflicht, alles zu tun, "was für das Leben in der Gemeinschaft notwendig und nützlich ist" (Literatur Pufendorf, Pflicht, 48), er stellt eine Kooperationsanthropologie vor: Im Naturzustand herrscht prinzipiell eine Friedensordnung. Diese ist jedoch unsicher und brüchig, da wegen des Fehlens des staatlichen Gemeinwesens keine allgemeine Pflichterfüllung garantiert und gegebenenfalls erzwungen werden kann.

Wird bei Hobbes also mit dem Glossar Gesellschaftsvertrag aus einem natürlichen Kriegs- ein gesellschaftlicher Friedenszustand, so treten bei Pufendorf die Individuen mit dem gleichen Vorgang von einem brüchigen in einen gesicherten Friedenszustand über.

Quellen: Hobbes und Pufendorf

 

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