Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Strukturen von Recht und Herrschaft

6.Politische Theorie und moderne Naturrechtslehre
6.4 Staatsräsonlehren

6.4.1 POLITISCHE KLUGHEITSLEHRE (MACHIAVELLI)

von Tim Neu
 

Der Begriff der ‘Staatsräson’ wurde im Italien des frühen 16. Jhs. von Francesco Guicciardini erfunden, der in seinem Dialogo del Reggimento di Firenze (1526) von "ragione e uso degli stati" (Literatur Guicciardini, Dialogo, 163) sprach. Der Begriff verbreitete sich danach schnell und wurde zuerst 1589 von Giovanni Botero in seinem Werk Della Ragion di Stato ausdrücklich zu einem eigenen Gegenstand des politischen Denkens gemacht und umfassend behandelt. Allerdings wird zumeist nicht der Name Guicciardinis mit dem Begriff der Staatsräson und der dahinter stehenden Lehre verbunden, sondern der seines Florentiner Landmannes und Zeitgenossen Glossar Niccolò Machiavelli (1469-1527).

Die Entstehung einer politischen Klugheitslehre unter dem Leitbegriff der ‘Staatsräson’ fiel dabei in eine Zeit vielfältiger politischer Wirren im Italien der Renaissance. 1494 war Karl VIII. von Frankreich in Italien einmarschiert, hatte dadurch das Eingreifen der spanisch-habsburgischen Partei provoziert und so eine über vierzigjährige relative Stabilität der fünf italienischen Mächte (Mailand, Venedig, Florenz, Neapel und der Kirchenstaat) beendet. Hatte schon die Philosophie der Glossar Renaissance die Vorstellung einer der Natur immanenten Sinnhaftigkeit erschüttert und eine säkulare Geschichtskonzeption entworfen, so bildete sich nun durch die zusätzlichen politischen Wirren eine Situation, in der das politische Denken radikal neue Wege gehen mußte.

Gegen die normativ aufgeladenen Lehren des christlichen Herrschaftsethos, wie sie z. B. die Fürstenspiegel kundtaten, kam es zum Durchbruch eines neuartigen ‘politischen Realismus’, der unter Absehung der Ansprüche von Moral und Religion das Funktionieren von praktischer Politik beschreiben und aus konkreten Beispielen anstatt abstrakten Normen Nutzen ziehen wollte.

Der zentrale Erkenntnisgewinn für die Politische Theorie war daher die ‘Entdeckung’ der Eigengesetzlichkeit des Politischen, dessen interne Logik sich eben nicht mit der von Moral oder Religion zur Deckung bringen lies. Ins Zentrum rückten nun die konkreten Machtmechanismen und die "Universalethik der Scholastik und des Humanismus wird aufgelöst in eine situationsadäquate Technik der Politik" (Literatur Münkler, Staatsraison, 39). Die Tatsache, daß die damit ‘entdeckte’ Staatsräson durchaus unmoralische Handlungen rechtfertigte, brachte die politischen Klugheitslehren gleichwohl unter dem Schlagwort ‘Machiavellismus’ über Jahrhunderte in Verruf.

Allerdings glichen die so entstehenden Staatsräsonlehren eher zusammengestellten Rezeptbüchern als systematischen Anleitungen; sie präsentierten jeweils eine ganze Reihe von Mitteln der Machtgewinnung und -erhaltung; dazu zählten "Herrschertugenden, die richtige (!) Behandlung der Untertanen, Befestigungen und Intrigen gegen äußere Feinde, Geld und eine blühende Wirtschaft, schließlich der sachgerecht geführte Krieg." (Literatur Reinhard, Humanismus, 252).

Quelle: Niccolò Machiavelli

 

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