Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Strukturen von Recht und Herrschaft

6.Politische Theorie und moderne Naturrechtslehre
6.5 Bürgerhumanismus und Tugendlehren

6.5.3 NEOSTOIZISMUS (LIPSIUS)

von Tim Neu
 

Ein aufschlußreiches ‘Symptom’ für Transformationen des Politischen ist die wechselnde Bevorzugung antiker Autoren durch die politischen Denker der FNZ: Favorisierte der verwandte Themen ‘Bürgerhumanismus’ noch den Republikaner Cicero, so wurde dieser in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch Tacitus, den Historiker der Kaiserzeit, verdrängt, was die "Verwandlung des Bürgers in den Untertanen im Europa des 16. Jahrhunderts" (Literatur Münkler, Staatsraison, 61) illustriert. Es entstand der sog. Glossar ‘Tacitismus’, eine Art indirekter und abgemilderter Machiavellismus, der zwar wesentliche Einsichten der verpönten verwandte Themen Politischen Klugheitslehre des Florentiners vortrug, aber dies im unverfänglichen Gewand einer moralisierenden Lektüre der Werke des Tacitus. Es war somit nicht zu übersehen, daß sich die Eigenlogik des Politischen immer weiter durchsetzte. Lehrte der Tacitismus Herrschaftstechnik für den Fürsten, so stellte sich andererseits die Frage, wie man sich - nun als Untertan - gegenüber dem werdenden Staat verhalten sollte. Diese Frage beantwortete in der Aneignung der antiken philosophischen Lehren der Glossar Stoa, vor allem derjenigen Senecas, der Neostoizismus: "Aus Tacitus war zu erfahren, zu welchen Taten Könige und Tyrannen fähig sind, aber bei Seneca konnte man lesen, wie man sich unter diesen Bedingungen zu verhalten hatte" (Literatur Münkler, Staatsraison, 62).

Beide Strömungen vereinigte das Werk des niederländischen Philologen und Philosophen Glossar Justus Lipsius (1547-1606), dessen enorme Wirksamkeit für die politische Theorie und Praxis des 17. Jhs. lange unterschätzt wurde. Dieser Einfluß resultierte aus der Tatsache, daß Lipsius’ "epochenspezifisch perfektionierte Kombination stoischer Tugend- und taciteischer Herrschaftslehre einem zentralen Bedürfnis der zeitgenössischen Führungsschichten" (Literatur Weber, Vorwort, XIV) entsprach.

Der Kern der (neo-)stoischen Tugendlehre ist dabei die angestrebte Selbstkontrolle der Triebe und Leidenschaften durch die sittliche Vernunft. Diese Selbstdisziplinierung zielt auf einen Zustand der constantia (Beständigkeit, Standhaftigkeit), in dem die Zufälle und Widrigkeiten des Lebens keinen Einfluß mehr auf die Lebensführung ausüben können. Das bedeutet auch eine Ablehnung einer (z.B. republikanischen) Vaterlandsliebe und eines emotionalen politischen Engagements, zugunsten eines abgeklärten, disziplinierten Dienstes für die Herrschaft, wohingegen Widerstand gegen diese kategorisch ausgeschlossen wird. Der taciteische Aspekt stellt hingegen auf herrschaftliche Fremdkontrolle der ‘Masse’ bzw. des ‘Pöbels’ ab. Zur Herrschaft selbst, von Lipsius definiert als ‘Ordnung im Befehlen und Gehorchen’, befähigt und legitimiert nur die vollkommene sittliche Selbstbeherrschung. Allerdings darf der Fürst - der Neostoizismus votiert eindeutig für die konfessionell einheitliche Erbmonarchie - im Interesse des Staates in Notsituationen unmoralisch handeln.

Insgesamt stellte der Neostoizismus "ein konstruktives Element des politischen Denkens im ausgehenden 16. Jahrhundert dar: Leistungs- und Machtsteigerung des Staates, Bejahung von Gewalt und Heerbildung, aber auch Selbstdisziplin des Herrschers und Erhöhung seiner Pflichten, moralische Erziehung des Volkes, des Beamtentums und des Heeres zu Arbeit, Askese, Pflichterfüllung und Unterordnung" (Literatur Oestreich, Neustoizismus, 186).

Quelle: Justus Lipsius

 

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