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Europäische Expansion
1. Europäische Expansion im 15. und 16. Jh.
1.4. Der Umgang mit dem Fremden
1.4.2. Europäische Berechtigungsdebatte

 

  Quelle: Sepúlveda über die spanische Eroberung Amerikas (Demokrates secundus)  
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In einem 1544/45 verfassten Streitgespräch rechtfertigt Juan Ginés de Sepúlveda, ein spanischer Humanist im Dienste Karls V., die spanische Eroberung Amerikas.

„[...] Wenn ich ein kurzes Resumee des vorangegangenen Streitgespräches gebe, hast du vier Gründe dargelegt, deren jeder die Gerechtigkeit des Krieges beweist, den die Spanier gegen die barbarischen Indianer führen. Da, so lautet das erste Argument, die Indianer ihrer Natur nach Sklaven, Barbaren, rohe und grausame Gestalten sind, lehnen sie die Herrschaft der Klugen, Mächtigen und Vortrefflichen ab, anstatt sie zu ihrem eigenen Besten zuzulassen, wie es einer natürlichen Gerechtigkeit entspringt, wonach die Materie der Gestalt, der Körper der Seele, die Begierde der Vernunft, die rohen Tiere dem Menschen, das heißt also das Unvollkommene dem Vollkommenen, das Schlechtere dem Besseren unterworfen sein müssen. Denn das ist die natürliche Ordnung, die das göttliche und ewige Gesetz befiehlt, in jedem Augenblick zu bewahren, wie es der Heilige Augustinus schreibt, und zur Unterstützung eines solchen Grundsatzes hast du die Autorität nicht nur des Aristoteles zitiert, dem so sehr die Philosophen wie die bedeutendsten Theologen als dem Lehrmeister der Gerechtigkeit und der übrigen moralischen Tugenden und als weisestem Interpreten der Natur und ihrer Gesetze folgen, sondern auch die Autorität des Heiligen Thomas, des Fürsten der Scholastiker und Kommentators und Nacheiferers des Aristoteles in der Erklärung der Naturgesetze, die, wie du bewiesen hast, alle aus dem ewigen Gesetz Gottes hervorgehen.

Als zweiten Grund hast du angeführt die Ausrottung des entsetzlichen Verbrechens, Menschenfleisch zu verzehren, was ganz besonders der Natur zuwider ist, und weiter die Vermeidung, daß an Stelle Gottes Dämonen angebetet werden, was insbesondere den göttlichen Zorn hervorruft, vor allem in Verbindung mit jenem ungeheuerlichen Ritus, Menschen als Opfer darzubringen. Dann nahmst du auf etwas Bezug, was nach meiner Meinung sehr viel Überzeugungskraft und Gewicht hat, um die Gerechtigkeit dieses Krieges zu behaupten, nämlich die vielen unschuldigen Sterblichen, die die Barbaren alle Jahre opferten, vor ihrem schmählichen Schicksal zu bewahren, und du hast bewiesen, daß alle Menschen durch göttliches Gesetz verpflichtet sind, wenn es ihnen möglich ist, jede Person vor derartigen Untaten zu schützen. An vierter Stelle hast du auf den Umstand hingewiesen, daß die christliche Religion bestimmt ist, sich überallhin, wo sich Gelegenheit bietet, mittels Predigt des Evangeliums zu verbreiten, nachdem der Weg den Predigern und Lehrern der Moral und Religion eröffnet worden ist, und daß diese Missionare in einer Weise geschützt werden, um mit Sicherheit ihrer Personen die Heilslehren verkünden zu können. Zugleich müssen die Barbaren von jeder Furcht vor ihren Fürsten und Priestern befreit werden, damit sie, einmal bekehrt, frei und unbestraft die christliche Religion annehmen können. Kurzum, immer wenn es möglich ist, sollen alle Hindernisse sowie der Götzendienst beseitigt werden [...]. Aber indem du die Gerechtigkeit einer solchen christlichen Oberherrschaft behauptet hast, verurteiltest du entschieden jede Vermessenheit, Grausamkeit und Habgier bei der Eroberung und Herrschaftsausübung und fügtest hinzu, daß die Schuld solcher Verbrechen, die die Soldaten oder die Anführer begangen haben, auf die Fürsten zurückfällt, die durch Gottes Richterspruch verurteilt werden sollen [...].“

Literatur aus: Juan Ginés de Sepúlveda, Democrates segundo o de las justas causas de la guerra contra los Indios. Ausgabe Madrid 1951, S. 83ff, zitiert nach: Richard Konetzke, Lateinamerika seit 1492. Stuttgart 1971, 8-9.

 

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