Pfingstliches Gegenbild

Pfingstmontag A: Gen 11, 1-9

I
Gestern haben wir die Pfingsterzählung aus der Apostelgeschichte gehört. Sie ist gefüllt mit tiefreichenden Sinnbildern: Der Sturmesbraus, das Feuer von oben, das sich in Zungen auf den Jüngern und Maria niederlässt, und – natürlich – das Sprachenwunder.

II
Da waren jüdische Pilger aus vielen Ländern in Jerusalem zum Chawuot-Fest – zu deutsch: Wochenfest – zusammengekommen. Mit diesem Fest feierte man und feiern die Juden bis heute das Geschenk des Gottesbundes am Sinai und die Gabe der zehn Gebote. Vermutlich in der Nähe des Tempelberges lagerten sich die Pilger nach Landsmannschaften und in Sprachgruppen: Parter, Meder, Elamiter, Leute aus Ägypten und Libyen waren da, und noch andere mehr – obwohl alles Juden, so doch in Kultur und Sprache tief verschieden je nach der Diaspora, aus der sie kamen.

III
Aber auf einmal hören sie alle die Jesusleute, also die Apostel, in je ihrer eigenen Sprache die österlichen Wundertaten Gottes an Jesus von Nazareth verkünden. Diese Apostel waren aber keine Multi-Kulti-Profis, sie waren keinen Rhetoriker und mehrsprachliche Akademiker. Sie waren zumeist Analphabeten vom See Genesareth, also Leute, die weder lesen noch schreiben konnten. Später – und manchmal noch heute – sagte man über sie mit einem gewissen Stolz: piscatorie, non aristotelice verkünden sie das Evangelium – nach Art der Fischer, nicht nach Art der Philosophen richten sie die gute Nachricht aus.

Und dennoch: Im Zeichen des Gottes Jesu Christi kann offenkundig Eigenes zum Gemeinsamen werden, und das Gemeinsame kann als je Eigenes anerkannt und empfangen werden. Schon die Kirchenväter der ersten christlichen Jahrhunderte waren darum überzeugt: Diese katholische – also weltumspannende – Kommunikation ist das Gegenbild zu einem anderen Sprachereignis, von dem die Bibel erzählt: dem babylonischen Sprachenchaos.

Da hatten sich, so erzählt die Urgeschichte im Buch Genesis, Menschen zusammengetan, um einen Turm zu bauen, dessen Spitze an den Himmel rühren sollte. Sie wollten sich damit einen Namen machen, heißt es – will sagen: Sie wollten sich zu etwas machen, wollten mit ihrem Reichtum, ihrer Macht und Potenz protzen. Mit einem Wort: Sie wollten – obwohl kleine Menschlein – Gott spielen.

Dafür wurden die Schätze der Erde vergeudet, wurden Menschen durch Zwangsarbeit ausgebeutet, wurde aufgerüstet ohne Ende – denn solche Türme, die es im Zweistromland damals wirklich gab, waren das Rückgrat der militärischen Verteidigung gegen die Fremden, die man als Feinde empfand. Und das alles wurde betrieben um jeden Preis, koste es, was es wolle.

Die Leute von Babel dachten sich: Scheißegal! Babylon first. Make Babylon great again! Was derzeit der Irre im Weißen Haus – der amerikanische Präsident Trump Nacht für Nacht twittert und tagtäglich in die Welt hinausbläst, ist überhaupt nichts Neues. Es steht bereits im 11. Kapitel der Genesis. Und immer wiederholt sich seither das Gleiche, wo Menschen sich als Götter aufspielen und den wahren Gott vergessen: Desaster, Wirrwarr, Zerstörung der Schöpfung, Gewalt – gerade so wie es sich momentan wieder vor unseren Augen abspielt. Das politische und menschliche Chaos lässt nicht auf sich warten. Es hat bereits eingesetzt – zuletzt dergestalt, dass Trump das Klimaabkommen von Paris rücksichtslos aufkündigte und damit das Leben von Millionen Menschen und den Fortbestand ganzer Länder auf kurz oder lang dem Untergang aussetzt.

IV
Aufhalten lässt sich solcher Irrsinn nur noch dort, wo Menschen sich dem Geist des Gottes Jesu Christ öffnen, der ein Geist der Menschlichkeit und Barmherzigkeit ist, ein Geist der Behutsamkeit und der mitfühlenden Liebe. Dafür muss eine oder einer nicht Katholik, ja nicht einmal Christ oder Christin sein. Dafür genügt schon, dass jemand seinem wachen Gewissen folgt, gerade so, wie der Philosoph Immanuel Kant das in seinem kategorischen Imperativ formuliert hat: Handle so, dass die Maxime, also die Richtschnur, deines Handelns allgemeines Gesetz werde könnte. Und wenn ein Mensch zudem religiös sensibel ist und sich auf der geistlichen Suche nach Gott befindet, wird er den Gedanken hinzunehmen, dass er sein Dasein samt der Kraft seiner Vernunft nicht sich selbst verdankt.

V
Vielleicht bestünde der wichtigste Dienst der Kirche heute darin, Menschen, Gesellschaften, ganze Kulturen daran zu erinnern, dass sie nicht von eigenen Gnaden leben, sondern sich der Gnade, also der zuvorkommenden Zuwendung dessen verdanken, über den hinaus größeres nicht gedacht werden kann, wie einmal Anselm von Canterbury formulierte, um angemessen von Gott zu sprechen. Und der Kirchenvater Augustinus hat von diesem je größeren Gott gesagt: Superior summo meo, interior intimo meo: Höher als mein Höchstes, Innerlicher als mein Innerstes. Wo Menschen es wagen, aus einer solchen Nähe zu Gott zu leben, Gott in ihnen selbst wohnen zu wissen und entsprechend ihr Leben zu gestalten, bestünde Hoffnung, das sich die Welt anti-babylonisch trotz allem zum Guten wendet.