Biblische Groß- und Kleinschreibung

Palmsonntag C: Systematisch


I
Vorhin zu Beginn der Palmprozession haben wir das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem gehört. Was war das eigentlich? Wenn man es genau nimmt: ein spontaner Karnevalszug. Einzüge in wichtige Städte kannte man im Römerreich sehr genau: Der Kaiser – nach siegreicher Schlacht – hoch zu Ross oder auf einem Streitwagen, am besten durch einen Triumphbogen fahrend, auf einer kostbar geschmückten Straße einziehend und so seinen Machtanspruch demonstrierend. Und dann kommt da dieser abgerissene Wanderprediger aus dem Glasscherbenviertel Galiläa, setzt sich auf einen Esel, Leute breiten ihre Kleider auf die staubige Straße und einige, die mitlaufen, jubeln darüber mit Worten, die sonst in der Tempelliturgie erklingen: Gepriesen sei der König, er kommt im Namen des Herrn! Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe! Das ist eine einzige Karikatur kaiserlicher Triumphzüge – ein Arme-Leute-König auf einem Arme-Leute-Reittier, der nicht Machtansprüche erhebt, sondern Frieden bringt, also versöhnt und Ruhe verschafft allen, die hin und hergerissen sind im Leben. Und so wie dieser Jesus – so ist Gott. In dieser Geschichte vom Einzug in Jerusalem steckt im Grunde ein veritables Stück Atheismus: die Absage an cäsarische Machtfiguren, erbarmungslose Moralprinzipien und unbewegte Beweger – alles Gottesbilder, die auch die christliche Theologie bis heute durchherrschen und verfälschen. Der christliche Gott ist ein Esel-Gott. Kein Wunder, dass eines der ältesten Jesusbilder Christus als einen gekreuzigten Esel karikiert.

II
Genau diese Revolution des Gottesbildes hat Jesus in sein Leiden geführt. Deswegen lesen wir zu Beginn der Heiligen Woche die Passionsgeschichte, diesmal so, wie sie Lukas überliefert hat. Was sie uns sagen will in ihrer scheinbar historischen Erzählung haben oftmals Künstler ungleich genauer zum Ausdruck gebracht als selbst beste exegetische Kommentare. Besonders gilt das für Vertonungen der Passion, weil da in Wort und Melodie die ganze emotionale Wucht dieser Geschichte zur Geltung kommt.

III
Das eigenartigste der einschlägigen Werke steht nicht in der Reihe der zahllosen Passions-Vertonungen von Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach bis Krzysztof Pendercki und Arvo Pärt, sondern stammt von dem dänisch-deutschen Barockkomponisten Dietrich Buxtehude. „Membra Jesu nostri“ ist das Werk betitelt – „Die Glieder unseres Jesus“. Es besteht aus sieben Kantaten, die die Füße, die Knie, die Hände, die Seite, die Brust, das Herz und das Haupt des Gekreuzigten besingen. Jede Kantate setzt ein mit einem Bibelvers, in dem die jeweiligen Gliedmaße des Erlösers vorkommt, um dann dieses Stichwort mit jeweils drei Arien meditativ zu umspielen.

IV
Das mag uns heute im ersten Moment recht gekünstelt vorkommen, in Wirklichkeit verbergen sich dahinter geistliche Schätze. Das merkt man schon an der ersten Kantate, die auf die Füße des Gekreuzigten blickt: Der Eröffnungsvers stammt aus dem Buch des Propheten Nahum:
Ecce super montes
pedes evangelizantis
et annunciantis pacem.
Seht auf den Bergen
Die Füße des Freudenboten,
der den Frieden ankündigt.
Das ist genau das Motiv aus dem Palmsonntagsevangelium von vorhin: der Friede, Friede zwischen Menschen und Völkern und Friede in der Seele – ihn bringt der, der per pedes mit seiner guten Nachricht über die Berge gelaufen kommt und dem deswegen – eben wegen seines frohmachenden Gottesbildes – Nägel durch die Füße getrieben werden.

Oder – anderes Beispiel: Die Kantate über die Knie des Gekreuzigten. Sie macht sich fest an einem der letzten Verse des Jesaja-Buches, dieses tröstenden Propheten in der babylonischen Gefangenschaft, der von der erhofften Endzeit sagt, da werde man die Kinder Israels auf den Armen tragen und auf den Knien schaukeln. Dieses Inbild der Geborgenheit liest der Komponist zusammen mit den zerschlagenen Knien des Gekreuzigten, Mit ihm, diesem Inbild der Gewaltlosigkeit, lassen sich auch noch die mächtigsten Mächte und selbst der babylonische Imperator besiegen und lässt sich der Weg in das gelobte Land der Freiheit und die Heimat wiederfinden.

Wenn Buxtehude dann von der Seite und dem Herzen Jesu singt, kommt er wie von selbst auf das alttestamentliche Hohelied der Liebe zu sprechen, dieses hocherotische Gedicht, in dem das Wort „Gott“ kein einziges Mal vorkommt – weil Sehnsucht und Eros für sich selbst sprechen und aus sich selbst ins Geistliche führen, sofern sie in sich bereits unendlich sind und auf das Unendliche ausgreifen. Und es war doch eben diese Liebe, die Jesus ans Kreuz führte, eine Liebe, die keine Grenze kennt und deswegen ihre Sonne aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte, weil sie darauf setzt, durch Güte zu bestürzen.

Und am Ende Christi Angesicht:
Illustra faciem tuam super servum tuum
salvum me fac in misericordia tua.

Lass leuchten über deinem Knecht dein Antlitz,
hilf mir in deinem Erbarmen! – Psalm 31, 17.

Im dornengekrönten Haupt, das entstellt, verwundet, mit dem Rohr geschlagen, bespien und besudelt ist, wie es in der Passionsgeschichte heißt und von Buxtehude wiederholt wird, leuchtet das wahre Antlitz Gottes auf, von dem der Psalm redet: Ein Gott, der sich das alles antun lässt, von dem kann mich nichts mehr trennen, nicht einmal die schlimmste Schuld. Ich muss sie nur eingestehen.

V
Im Grunde führen die Membra Jesu nostri, deren Ur-Text wohl auf den mittelalterlichen Dichter Arnulf von Leuven zurückgeht, in kühnsten Abkürzungen das Gesamt der alttestamentlichen Gotteshoffnung in der Gestalt des leidenden Jesus zusammen und malen so ein Gottesbild, das auf nachgerade skandalöse Weise quersteht zu allem, was Menschen gewöhnlich von Gott denken. Fast könnte man sagen: Die Passionsgestalt Jesu ist eine bis zum Anschlag verdichtete Miniatur des ganzen Alten Testaments – was umgekehrt aber auch bedeutet: Das Alte Testament ist für Christinnen und Christen ein „Jesus written large“, um es in Anlehnung an ein Wort des Politologen Eric Voegelin zu sagen: ein ins Große ausgeschriebener Jesus. Deswegen auch lesen wir in dieser Heiligen Woche so viele Geschichten aus dem Alten Testament – und die Evangelien, besonders die Passionsgeschichten, sind der erste Kommentar dazu. Jetzt hören wir den Kommentar, den uns Lukas niedergeschrieben hat.