Die Bibel zählt zum ‚Weltkulturerbe’. AUch in einer multikulturellen Gesellschaft ist sie für beispielhafte Ethik ebenso geschätzt wie als Grunddokument des Judentums und des Christentums. Wir widmen uns dem ‚christlichen’ Teil der Bibel, dem Neuen Testament. Dort lauern allerdings befremdliche und höchst erklärungsbedürftige Texte.

Nehmen wir ein Beispiel: die Schweinevernichtungsgeschichte in Mk 5,1–20. Da wird erzählt, dass Jesus im Land der Gerasener einen Besessenen von seinen Dämonen befreit – aber mit üblen Folgen für die Schweinezüchter. Jesus lässt die Dämonen nämlich – auf deren ausdrückliche Bitten hin – in eine Schweineherde einfahren, die in der Nähe weidet. Kaum haben die aber von den Schweinen Besitz ergriffen, rasen sie auch schon auf den Abgrund zu und stürzen sich ins Meer. Der Besessene ist zwar geheilt. Aber das kümmert die Bewohner jener Gegend und insbesondere die geschädigten Schweinezüchter wenig. Sie verweisen Jesus des Landes. Jesus zieht ab. Jedoch nimmt er den geheilten Gerasener nicht mit, obwohl der darum bittet. Vielmehr schickt er ihn zurück ins sein Haus: Dort soll er erzählen, was er erlebt hat.

Ikone

Heilung des Besessenen von Gerasa. Mittelalterliche Buchillustration,
Quelle: Healing_of_the_demon-posessed.jpg, Wikimedia Commons

Was soll das? Jesus, der als erfolgreicher Exorzist tüchtige Schweinezüchter um ihre Herde bringt?

Schauen wir in die Zeitgeschichte, ist das Rätsel so groß nicht. Ab 66 n. Chr. tobt in Palästina, der Heimat Jesu, ein Aufstand gegen die Römer, die seit mehreren Generationen das Land fest im Griff haben, d. h. kräftig Steuern eintreiben. Vespasian, der spätere Kaiser, durchkämmt mit drei Legionen das Land von Norden bis Süden und reinigt es von Aufstandsherden. Eine dieser Legionen, die nach der Niederwerfung des Aufstandes auch in Palästina stationiert wird, ist die sogenannte Legio Decima Fretensis. Als Wappentier zeigt sie in ihren Standarten einen Eber. Der ist auch ihr Siegel auf den Tonziegeln (vgl. Abbildung), auf Steinen, und eigentlich allem, was diese Legion benutzt und während ihrer Eroberungs- und Belagerungszeit in Palästina gebaut hat.

Muenze

Münze der Legio X Fretensis, Quelle : www.livius.org

Jetzt ergeben sich neue Schlaglichter auf unseren Text: Jesus lässt die römischen Schweine im Meer ersaufen.

Unsere Erzählung bereitet diese Sinnspitze sorgfältig vor: Die Dämonen bitten Jesus, nicht außer Landes geschickt zu werden. Nach ihrem Namen gefragt, sagen sie unisono: Legion. So nennt man die größte römische Militäreinheit, die in ihrer Vollform 6000 Soldaten zählt, aber auch in kleinerer Form auftreten kann. Die Anzahl der Schweine, die sich – von den Dämonen getrieben – ins Meer stürzt, wird mit 2000 angegeben. Die Verben, mit denen der Endspurt ins Meer erzählt wird, sind samt und sonders aus der Sprache des Militärs genommen. So bezeichnet, um nur ein Beispiel zu nennen, das von Markus für den „Schweinsgalopp“ verwendete Verb „rasen“ (griech. hormao), auf Soldaten bezogen, eigentlich den kämpferischen Ansturm gegen den Feind.

Galopp

Römische Legionäre, Quelle: Wikimedia Commons

Diese Vernetzung der Schweinevernichtungsgeschichte mit zeitgeschichtlichen Daten hat verschiedene Konsequenzen:

– für die Entstehungszeit der Erzählung
– für den historischen Jesus
– für das Markusevangelium
– für die Christologie