Das Markusevangelium beginnt mit den Worten „Evangelium von Jesus Christus …“ (Mk 1,1). Für unsere Ohren ist das ganz normal. Für die Hörer im 1. Jh. und erst recht für die Hörer um das Jahr 70 n. Chr., also zur Zeit der Entstehung des Markusevangeliums, war das höchst befremdlich: „Evangelium“ von griech. euanggelion =gute Nachricht, ist eigentlich eine mündliche Botschaft, die von einem Herold ausgerufen wird. Und kurz vor 70 n. Chr. wurden ganz besondere „Evangelien“ von Stadt zu Stadt weitergesagt: die Evangelien vom Herrschaftsantritt des Kaisers Vespasian. Nach dem Dreikaiserjahr 68/69 n. Chr. und den bürgerkriegsähnlichen Wirren überall im Reich hat endlich einer das Ruder wieder fest in die Hand genommen. Auf Vespasian konnte man sich verlassen: Mit eiserner Hand hatte er den jüdischen Aufstand niedergeschlagen, in diesem Land der ewigen Unruhestifter endlich gezeigt, wer „Herr im Haus“ ist. Sein Sohn hatte sich mit der Einnahme Jerusalems und der Zerstörung des dortigen Tempels einen Namen gemacht. Zusammen mit Titus und seinem anderen Sohn namens Domitian ist Vespasian sozusagen als Trio der Macht im Triumphzug durch Rom gezogen. Ein unbeachteter General, aus dem niederen Adel stammend, war zur allerhöchsten Position aufgestiegen. Zu Recht, dachten viele – und jubelten ihm zu.
In diesem Klima der Aufsteigergeschichte des Kaisers Vespasian beginnt Markus seine Erzählung von Jesus mit „Evangelium von Jesus Christus …“ Auch da ist von einem Herrschaftswechsel die Rede. Die Herrschaft Gottes beginnt. Aber die besteht nicht darin, dass die Welt durch militärische Unterwerfung „befriedet“ wird, sondern darin, dass Menschen von allem, was sie unterdrückt, befreit werden. Auch Markus erzählt von einem Mann, der bis zum Tag seines Auftretens unbekannt geblieben ist: von Jesus von Nazaret, und von seiner ganz besonderen Karriere, die ihn in die Königsstadt Jerusalem führt, wo er wie ein Messias einzieht, aber gekreuzigt wird …

Vespasian

Vespasian, Quelle: Wikimedia/cc


Wenn Sie mehr darüber lesen möchten:
M. EBNER, Evangelium contra Evangelium. Das Markusevangelium und der Aufstieg der Flavier, in: BN 116 (2003) 28–42.