Für den historischen Jesus ist sicher verbürgt, dass er – erfolgreich – Dämonen ausgetrieben hat. Ja, weil seine Kräfte offensichtlich geradezu unheimlich wirkten, unterstellte man ihm, er würde im Namen eines fremden Gottes diese Macht ausüben: „Mit Hilfe von Beelzebul treibt er die Dämonen aus!“ (Mk 3,22), lautet der Vorwurf, den unsere Evangelien überliefern.
Was genau geschehen ist, wie Jesus das gemacht hat, bei wie vielen Menschen er „Dämonen ausgetrieben“ hat, wissen wir nicht. Um ein wenig Licht in das Dickicht zu bringen, hilft zunächst wieder das Erfahrungswissen der Menschen im 1. Jh. Sie stellten sich vor, dass Krankheiten von Dämonen übertragen werden. Dämonen besetzen sozusagen ein Menschenhaus und stellen dort alles auf den Kopf. Der betroffene Mensch ist nicht mehr Herr seiner selbst. Eine fremde Macht steuert ihn. Nur ein Exorzist kann gegen diese unheimliche Macht vorgehen – und zwar, indem er im Namen einer noch größeren Macht den Dämonen zu Leibe rückt. Normalerweise müssen beim Austreibungskampf bestimmte Beschwörungsformeln gesprochen und die Dämonen symbolisch „gebunden“ werden. Ob Jesus das alles so gemacht hat, wie es in manchen Zauberbüchern aus dieser Zeit zu lesen ist, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass es zur Zeit Jesu in den Dörfern Galiläas auch andere Exorzisten gab. Sonst hätte Jesus, um sich vom Vorwurf des Fremdgottbündnisses zu befreien, nicht zurückfragen können: „Und eure Söhne, mit Hilfe wessen treiben sie die Dämonen aus?“ (Lk 11,22).
Auch darüber, wie Jesus selbst die Tatsache beurteilt, dass in seiner Nähe sich Menschen von Dämonen befreit sehen, sind wir gut informiert. Seine eigene Interpretation des Phänomens ist uns nämlich erhalten: „Wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe, ist das Reich Gottes schon zu euch gelangt“ (Lk 11,20). Jesus sieht überall dort, wo Dämonen weichen, wo Menschen gesund werden, bereits das Reich Gottes mitten auf der Erde angebrochen, seinen großen Traum erfüllt. Gott selbst ist es also, der die Dämonen vertreibt. Jesus ist der Interpret des Wirkens Gottes.

Finger

Detail aus einem mittelalterlichen Fresko, Quelle: Wikimedia Commons


Wenn sie mehr darüber lesen möchten:
Einschlägig ist das Kapitel „Die Dämonen weichen – und der Vorwurf gegen Jesus“ in der Jesusstudie von: MARTIN EBNER, Jesus von Nazaret. Sozialgeschichtliche Zugänge (SBS 196), Stuttgart 22004. oder die Kurzfassung: DERS., Jesus – ein umstrittener Exorzist. Die Dämonenaustreibungen Jesu im Widerstreit der Meinungen, in: BiKi 2 (2006), 73–77.