Laila Prager erhält den Forschungsförderungspreis der Frobenius-Gesellschaft

Laila Prager erhält den Forschungsförderungspreis der Frobenius-Gesellschaft Dr. Laila Prager wurde für ihre Dissertation "Die 'Gemeinschaft des Hauses': Religion, Heiratsstrategien und transnationale Identität türkischer Alawi-/Nusairi-Migranten in Deutschland" (Betreuer: Prof. Platenkamp) der Forschungsförderungspreis 2010 der Frobenius-Gesellschaft verliehen. Ihre unlängst beim LIT Verlag erschienene Studie beschäftigt sich mit dem viel diskutierten Thema der türkisch/arabischen Migranten in Deutschland und den damit verbundenen Problemfeldern der Integration, der Heiratspraktiken (u.a. arrangierte Ehen und Zwangsehen) und dem sozial-kulturellen Wandel der rituellen und verwandtschaftlichen Konzepte und Praktiken.

Die mit dem Forschungsförderungspreis der Frobenius-Gesellschaft ausgezeichnete Dissertation "Die 'Gemeinschaft des Hauses': Religion, Heiratsstrategien und transnationale Identität türkischer Alawi-/Nusairi-Migranten in Deutschland" (2010, LIT) von Dr. Laila Prager beschäftigt sich mit der weitgehend unbekannt gebliebenen ethnischreligiösen Gruppe der Alawiten/Nusairi (nicht zu verwechseln mit den bekannteren Aleviten), von denen ca. 70000 heute in Deutschland leben. Die Herkunftsregionen der in Deutschland eingewanderten Alawiten sind in der Südost-Türkei, insbesondere in der Hatayund Çukorova-Region lokalisiert. Die Alawiten verstehen sich als Nachfahren der von Ali, dem Schwiegersohn und Cousin Muhammads, und Fatima begründeten Linie der ahl al-bayt, der "Gemeinschaft des Hauses" und werden der so genannten Zwölferschia zugeordnet.

Mit Laila Pragers Studie wird erstmals ein umfassender ethnographischer Einblick in die Lebenswelt der türkischstämmigen Alawi-Migranten in Deutschland eröffnet, die Außenstehenden bisher gänzlich verschlossen war. Im Fokus der Untersuchung stehen die Wandlungsprozesse, die sich durch das Zusammenleben mit der "deutschen" Mehrheitsgesellschaft und durch transnationale Beziehungsgeflechte im Bereich der religiösen Praxis, der Lebenszyklusrituale und der Heiratsstrategien ergeben haben. So wird u.a. gezeigt, wie von den aufeinander folgenden Migranten-Generationen unterschiedliche Formen der Heiratspartnerwahl verfolgt wurden, die jeweils mit den sich verändernden historischen Gegebenheiten der Migrationssituation korrespondierten.

Darüber hinaus werden auch die inter-generationalen Konflikte thematisiert, die aus dem Spannungsfeld zwischen dem modernen Konzept der "romantischen Liebe" und der traditionellen Praxis der "arrangierten Ehen" resultieren. In diesem Zusammenhang erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit dem viel diskutierten Thema der "Zwangsehe", wobei stereotypisierende und pauschalisierende Darstellungen wie im Falle von Necla Keleks "Die fremde Braut" empirisch widerlegt werden. Schließlich werden auch die vielfältigen Integrationsleistungen der in Deutschland lebenden Alawiten beleuchtet, die den gängigen Klischees der "Parallelgesellschaften" und dem Vorwurf einer mangelnden Integrationsbereitschaft türkischstämmiger Migranten grundlegend widersprechen.

Die Forschungsergebnisse dieser Studie basieren auf einer dreijährigen Forschung unter alawitischen Migranten in Deutschland und auf einem 18 Monate umfassenden, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Feldforschungsaufenthaltes in der Hatay- und Çukurova-Region der Südosttürkei.

Synopsis der Laudatio von Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl

am 9. Oktober 2010 bei der Verleihung des Frobenius-Forschungsförderungspreises an Frau Dr. Laila Prager (im Gästehaus der Goethe-Universität, Frankfurt am Main)

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Wie Professor Karl-Heinz Kohl in seiner Laudatio betonte, wurde der Frobenius- Forschungsförderungspreis der Arbeit von Frau Dr. Laila Prager nicht zuletzt auch deswegen verliehen, weil durch ihre Forschungsergebnisse den umstrittenen und weitgehend auf pseudowissenschaftlichen Quellen beruhenden Thesen von Thilo Sarrazin fundierte empirische Daten über Heiratspraktiken und die Lebenswelten von gegenwärtigen türkischstämmigen Migranten in Deutschland entgegengehalten werden.

Hervorgehoben wurde auch, dass es Frau Prager gelungen sei, mit Hilfe klassischer ethnologischer Forschungsmethoden kontemporäre Forschungsfragen zu beleuchten, die gerade im Lichte der gegenwärtigen Diskussion um Migration und Integration von zentraler Bedeutung sind. So zeige die Arbeit, wie durch die Anwendung verwandtschaftsethnologischer Analysen Veränderungsprozesse in den Heiratspraktiken der Migranten aufgedeckt werden können und wie moderne biomedizinische Konzepte - beispielsweise "Gene" - von den Migranten übernommen, aber kulturspezifisch reinterpretiert werden.

Zudem wurde Frau Pragers kritische Auseinandersetzung mit dem viel diskutierten Thema der Zwangsehe betont. In diesem Zusammenhang zeige die Autorin, wie unlängst von der Bundesregierung verabschiedete Familiengesetze, die Zwangsehen unter Migranten verhindern sollen, paradoxerweise das genaue Gegenteil hervorrufen können, da die sozialökonomischen Gegebenheiten in den Herkunftsregionen hierbei oftmals von den politischen Entscheidungsträgern völlig außer Acht gelassen werden.

Schließlich wurde auch die Praxisrelevanz von Frau Pragers Forschungsarbeit akzentuiert, da aufgezeigt werde, wie sich durch die moderne Ethnologie mit Hilfe fundierter empirischer Grundlagenforschung unmittelbare Einsichten in die Migrations- und Integrationsproblematik gewinnen lassen, von denen zukünftige gesellschaftspolitische Entscheidungen im Bereich der Migration profitieren können.