Gefahren von Social Media

Wie Unternehmen meine Daten für sich nutzen

Ein Gastbeitrag von Malte Landwehr, Student an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Soziale Netzwerke und Microblogging-Dienste, oft unter dem Begriff Social Media zusammengefasst, sind aus unserem Alltag kaum noch wegzudenken. Jede Minute werden 100.000 Tweets geschrieben, über 600.000 Nutzer teilen minütlich etwas auf Facebook und 48 Stunden Videomaterial werden in dieser Spanne auf YouTube hochgeladen (Stand 2012). Doch was passiert eigentlich mit dieser Flut an Daten? Birgt das permanente Teilhabenlassen des Internets an unserem Leben auch Risiken?

Digitaler Exhibitionismus

Die wenigstens von uns würden öffentlich vor einer Vielzahl von Zeugen und laufenden Kameras verkünden, dass sie ihren Chef hassen, verkatert sind oder den Konsum von Drogen gutheißen. Ebenso wenig würden wir jedem Fremden unsere Handynummer anvertrauen. Doch wenn man einmal die Website We know what you‘re doing besucht, wird schnell klar, dass das nicht jeder so sieht. Der Dienst zieht öffentliche Statusupdates von Facebook, die in die Kategorien „Wer möchte gefeuert werden?“, „Wer ist verkatert?“, „Wer nimmt Drogen?“ und „Wer hat eine neue Telefonnummer?“ passen. Dabei kommen dann schon mal Status-Updates wie dieses raus:

Abbildung 1: Anastasia R. mag ihren Chef nicht. (Quelle: weknowwhatyouredoing.com)

Die meisten dieser unüberlegten Meldungen wird der entsprechende Chef wohl nie zu Gesicht bekommen; es sind aber auch Fälle bekannt, in denen solches Ablästern auf Facebook zu Kündigungen geführt hat. Siehe zum Beispiel dieser Fall aus den USA in 2009.

Und dies ist kein auf die USA beschränktes Phänomen! Erst 2012 urteilte das Arbeitsgericht Hagen, dass die außerordentliche und fristlose Kündigung eines 52-Jährigen, der seit über 30 Jahren im Betrieb angestellt ist, rechtens ist. Der Mann hatte seine Chefin auf Facebook beleidigt und bedroht. Allerdings weder öffentlich noch für sie sichtbar. Unter den Freunden seiner Freunde war jedoch auch ein Mitglied der Personalabteilung und das reichte bereits für die Kündigung. Auf das Recht auf freie Meinungsäußerung kann man sich übrigens in diesem Fall nicht beziehen, wie bereits das Landesarbeitsgericht Hamm in einem ähnlichen Fall festgestellt hat.

Freunde ruinieren alles

Vermutlich hat jeder schon mal auf Facebook eine Einladung zu einer Geburtstagskalender-Applikation erhalten. Von diesen Apps gibt es Tausende und viele davon haben Hunderttausende, teilweise Millionen aktiver Nutzer.

Abbildung 2: Diese 3 Geburtstagskalender sind nur die Spitze des Eisbergs.

Doch warum bieten Entwickler diese Apps an, wo Facebook selbst mich auf die Geburtstage meiner Freunde hinweist? Dafür lohnt es sich, die von der jeweiligen App geforderten Rechte genauer zu untersuchen. Das geht in folgendem Menü, direkt vor der erstmaligen Benutzung:

Abbildung 3: In diesem Menü können wir sehen, auf welche Daten eine App Zugriff verlangt.

In diesem Fall sind es nur Daten über mich, meine E-Mail Adresse und die Geburtstage meiner Freunde. Auch wenn ich mir unsicher bin, ob mein Geschlecht und mein Profilfoto notwendig sind, um mich an die Geburtstage meiner Freunde zu erinnern, sind es nur meine Daten, die ich preisgebe. Es kann aber noch viel dicker kommen:

Abbildung 4: Die App MyCalendar ist nicht gerade zurückhaltend in ihrer Gier für Daten.

Da bleibt einem erst mal die Spucke weg. Sobald ich die App MyCalendar aktiviere, erfährt sie nicht nur alles über mich, sondern saugt auch alle Daten meiner Freunde! Interessen, Arbeitsplatz und Ausbildung meiner Freunde! Dazu noch ihre religiöse und politische Einstellung sowie den Beziehungsstatus, alle Likes und Aktivitäten! Wozu braucht ein Kalender diese Daten? Die Antwort ist denkbar einfach: Er braucht sie nicht. Aber die Programmierer wollen sie haben. Hier greift die Faustregel „Wenn etwas umsonst ist, bist du nicht der Kunde, sondern das Produkt“. Und in diesem Fall sind es unsere Daten sowie die Daten unserer Freunde, mit denen wir bezahlen. Es reicht schon ein einziger Freund, der meine  Likes sehen kann und MyCalendar benutzt und sofort weiß die Firma hinter dieser App über mich Bescheid.

Die harmloseste Verwendung dieser Daten ist die Auslieferung zielgerichteter Werbung. Theoretisch kann man damit aber auch Identitätsdiebstahl begehen und unter Verwendung meiner Daten bei verschiedenen Versandhäusern auf Rechnung bestellen. Laut Polizei ist Identitätsdiebstahl in Deutschland das am stärksten zunehmende Online-Delikt. Besonders ärgerlich für Betroffene: Wegen des hohen Streitwerts (500.000 Euro und mehr sind keine Seltenheit) greifen die meisten Rechtsschutzversicherungen nicht.

Big Corporate

Laut einer Studie von CareerBuilder.com aus den USA haben bereits im Jahr 2009 45% aller Arbeitgeber ihre Bewerber in sozialen Netzwerken durchleuchtet und 35% haben dabei Inhalte entdeckt, die zu einer Ablehnung des Kandidaten geführt haben. Die häufigsten Gründe, die zu einer Ablehnung führten, waren:

  1. provokative oder unpassende Fotos oder Informationen
  2. Inhalte zu Alkohol & Drogen
  3. über ehemaligen Job gelästert
  4. schlechte kommunikative Fähigkeiten
  5. diskriminierende Kommentare
  6. über Qualifikationen gelogen
  7. Interna aus ehemaligem Job ausgeplaudert

Dies ist ein Trend, der sich seit 2009 fortgesetzt hat und auch in Zukunft nicht aufhören wird. Aktuelle Studien aus 2011 und 2012 kamen zu dem Ergebnis, dass in den USA bereits 73% aller Firmen erfolgreich Social-Media-Recruiting betrieben haben. Das heißt, der Weg über klassische Jobportale wie Stepstone oder gar Zeitungsanzeigen wurde ausgelassen. Stattdessen wurden Bewerber direkt über Werbeanzeigen auf Facebook oder die Suchfunktion von LinkedIn angesprochen. Auf diesem Wege sollen im letzten Jahr bereits 15% aller Jobs vergeben worden sein!

Übrigens besagt eine Studie der Northern Illinois University, dass unser Facebook-Profil ein repräsentatives Bild unserer Leistung ist. In einem Versuch konnte sowohl die Studienleistung von Erstsemestern als auch die Job-Performance von Absolventen durch Experten korrekt hervorgesagt werden, die die Probanden lediglich auf Basis ihrer Facebook-Profile bewertet haben.

George Orwells‘ 1984 in 2012

Auch Polizeibehörden setzen schon seit längerem auf soziale Netzwerke. So hat zum Beispiel die IRS (Steuerbehörde der USA) 2008 festgestellt, dass ein DJ auf MySpace mehr Partys beworben als er in seiner Steuererklärung angegeben hat. Daraufhin musste er 2000 Euro nachlöhnen.

2011 gab es in Deutschland einen Fall, der sich auf Facebook stützt: Ein auf einen Mann zugelassenes Auto wurde wegen zu hoher Geschwindigkeit mit einer Frau am Steuer geblitzt. Der Halter des Fahrzeugs gab an, die Frau nicht identifizieren zu können und konnte sich auch nicht entsinnen, wem er das Auto geliehen hat. Kurze Zeit später bekam seine Ehefrau Post von der Polizei. Ein Beamter hatte sie auf einem Facebook-Foto, welches im Profil ihres Mannes öffentlich einsehbar war, identifiziert.

Fazit

Wer denkt, diesen Problemen mit dem Löschen seines Facebook-Accounts zu entgehen, liegt leider falsch. Denn auch das finden Arbeitgeber verdächtig. Es bleibt also nur eins: Denkt nach, welche Inhalte ihr ins Netz stellt und für wen ihr sie sichtbar macht!

Autor: Malte Landwehr, Student an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Disclaimer: Der Beitrag gibt die Meinung des Gastautors und nicht die Meinung des Career Service wieder.

7 Replies to “Gefahren von Social Media”

  1. schöner Satz „Wenn etwas umsonst ist, bist du nicht der Kunde, sondern das Produkt“ . Kannt ich noch gar nicht.

    1. … auch, wenn Du bezahlst, ist mittlerweile häufig das Produkt der Kunde.

      Wann, wenn ich fragen darf, entscheiden wir noch wirklich etwas selbst aus
      freiem Willen? … brauchen wir eigentlich IRGENDWAS von dem Zeug, das
      uns als „unbedingt notwendig“ angedreht wird (wie KFZ, gesüßte Limonade,
      Sommermode)? … ist das gesund für uns, tut uns das gut? … Fragen über Fragen.

  2. Ich habe in den vergangenen Jahren bereits viele interessante Infos zu mir im Internet gefunden, bis dato kannte ich das alles aber zum Glück bereits :-).
    Diese Einladungen von Geburtstagsapps fand ich auch schon immer etwas merkwürdig, ebenso wie so viele Spielereien, die zuhauf ja angeboten werden. Alle wollen nur Deine Daten. Einer meiner Feunde hat seine komplette Historie auf Facebook gelöscht. Damit hat er sich also verdächtig gemacht. Stimmt schon, er hat keine Freundin, ist dauernd irgendwo unterwegs und wer weiß, was er sonst noch so macht. Soll ich ihn denn nun von meiner Freundesliste streichen, da ich ja auch dann evtl. mithafte, wenn er was anstellt? Wirkt sich das negativ auf mein ach so wichtiges Klout-Nümmerchen aus, wenn ich den als Freund bei FB habe? Wer weiß…in Zukunft ja vielleicht schon.
    Schöne neue Welt.

  3. Ein sehr schöner Artikel und leider sehr treffend. Die meisten Internetnutzer sind sich der Bedeutung ihrer (veröffentlichten) Daten und der entsprechenden Verwendung nicht bewusst. Erst mit dem Problem kommt die Einsicht. Und das jeweils im individuellen Einzelfall, insofern ein Zusammenhang (z.B. Bewerbungsgespräch) festgestellt werden kann.

  4. klm, wie schon auf Facebook gesagt: Ich bin nicht der Dichter hinter diesem sehr treffenden Zitat.

    Mike, Klout ist eigentlich schon wieder einen eigenen Artikel wert. Gerade wenn man die simple Manipulierbarkeit mit der Tatsache gegenüberstellt, dass einige Firmen diesen Wert tatsächlich als Einstellungskriterium nutzen!

  5. Die Inhalte an sich sind ja nicht neu.
    Bemerkenswert an dem Artikel ist, dass dieser von einem bekannten SEO kommt, der das Web kennt, wie seine Westentasche.
    Und den Satz – wenn etwas kostenlos ist, ist der Kunde das Produkt, kann gar nicht oft genug wiederholt werden.

    Danke, Malte, für den guten Artikel

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