{"id":8654,"date":"2017-11-02T15:37:06","date_gmt":"2017-11-02T13:37:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/?p=8654"},"modified":"2019-08-21T15:27:41","modified_gmt":"2019-08-21T13:27:41","slug":"neue-perspektiven-aus-eigener-anschauung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/neue-perspektiven-aus-eigener-anschauung\/","title":{"rendered":"Neue Perspektiven aus eigener Anschauung"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Wochen nach Beendigung meines Praktikums in Usbekistan bin ich wieder gut im deutschen Alltag angekommen und m\u00f6chte nun aus einiger Entfernung \u00fcberlegen, wie sich meine Weltsicht durch das Praktikum ver\u00e4ndert hat. Zun\u00e4chst habe ich nach meiner R\u00fcckkehr einiges bemerkt, was mir vorher niemals aufgefallen w\u00e4re.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich hatte nach meiner Einreise nach Deutschland, die sich im Vergleich zu Usbekistan sehr unb\u00fcrokratisch darstellte, tats\u00e4chlich ein Gef\u00fchl von Freiheit. Am Flughafen sah ich auf einer Leinwand die Nachrichten. Die Koalitionsverhandlungen f\u00fcr Jamaika werden vorbereitet. Ich bemerkte, dass es eigentlich ein gro\u00dfes Gl\u00fcck ist, dies lesen zu k\u00f6nnen. Unabh\u00e4ngig, was ich von welcher Partei halte, kann ich doch froh sein, in einer funktionierenden Demokratie zu leben. Als ich noch in Taschkent in der deutschen Botschaft die Wahlberichterstattung zur Bundestagswahl sah, wurde ich von einem der eingeladenen usbekischen G\u00e4ste gefragt, wie es sein k\u00f6nne, dass nur 33% f\u00fcr Frau Merkel stimmten. In Usbekistan seien es immer mindestens 90%, die den Pr\u00e4sidenten st\u00fctzen und das seit vielen Jahren, bis zu seinem Tod vor einem Jahr. Aus Verdutzen \u00fcber die Frage und aus Vorsicht habe ich keine Antwort gegeben. R\u00fcckblickend finde ich es noch sonderbarer, wie sehr die Usbeken ihren autorit\u00e4ren Pr\u00e4sidenten verehren. Manche meinen es dabei ganz ernst, wenn sie sagen, dass er gro\u00dfes f\u00fcr das Land getan hat. Da Politik kein g\u00e4ngiges Gespr\u00e4chsthema in Usbekistan ist, wei\u00df ich nat\u00fcrlich, bis auf eine Ausnahme, die ich aber nat\u00fcrlich geheim halte, nicht, was die Usbeken wirklich denken. Diese Menschen kennen kein Leben in Freiheit. Sie kennen entweder das nationalistische Usbekistan nach der Unabh\u00e4ngigkeit oder sie kennen noch die Sowjetunion. Daher ist es aber umso wichtiger, dass ein reger Austausch, grade auch mit Deutschland, das selbst auch keinen leichten Weg zur Freiheit hatte, besteht, damit die Usbeken ihren Fokus erweitern und kennenlernen k\u00f6nnen, wie das Leben auch aussehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Meine Zeit in Usbekistan war der erste Kontakt mit einem Staat, der nicht demokratisch regiert wird. Bei der Vorbereitung zum deutschen Abend, der als gro\u00dfe Veranstaltung der H\u00f6hepunkt zum Abschied von Usbekistan sein sollte, haben meine Komillitonin Vivien und ich nach traditionellen deutschen Liedern gesucht, die wir mit den usbekischen Sch\u00fclern singen k\u00f6nnten. Ziemlich bald kam uns das Lied &#8220;Die Gedanken sind frei&#8221; in den Sinn. Nach einiger Abw\u00e4gung haben wir uns entschieden, es tats\u00e4chlich einzustudieren und aufzuf\u00fchren. M\u00f6glicherweise haben einige Sch\u00fcler verstanden, welche verdeckte Botschaft wir vermitteln wollten. H\u00e4tte uns irgendjemand kritisiert oder gefragt, warum wir grade dieses Lied auff\u00fchren m\u00fcssen, h\u00e4tte wir immer antworten k\u00f6nnen, dass es ein \u00fcber hundert Jahre altes, traditionelles Lied ist und da in Usbekistan die eigene nationale Tradition sehr hoch gesch\u00e4tzt wird und auch aufgrund der riesengro\u00dfen Gastfreundschaft in diesem Land, h\u00e4tte niemand uns mit dieser Begr\u00fcndung etwas vorwerfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Neben der erh\u00f6hten Dankbarkeit, in einer freiheitlichen Gesellschaft leben zu d\u00fcrfen, haben sich aber auch andere Perspektiven ergeben. Wie bereits in meinen anderen Eintr\u00e4gen auf dieser Seite erw\u00e4hnt, ist die Gastfreundschaft in Usbekistan, genau wie in den meisten orientalischen Staaten, sehr ausgepr\u00e4gt und die Hilfsbereitschaft auch gegen Fremde sehr gro\u00df. Ein krasser Kontrast ist es, zu sehen, wie in Deutschland manche Menschen mit Fremden umgehen und wie \u00e4ngstlich sie vor ihnen sind. Nat\u00fcrlich kann man sich in Deutschland allermeistens darauf verlassen, ehrlich und ordentlich behandelt zu werden. Gegen die \u00fcberschwengliche H\u00f6flichkeit und Freundlichkeit der Usbeken erscheint dies allerdings eine Mindestma\u00df an Respekt zu sein und eigentlich eine ziemlich kalte Art. Vielleicht sollte man sich diesen kulturellen Unterschied im Kopf behalten, wenn man \u00fcberlegt, wie es sich anf\u00fchlen muss, neu nach Deutschland gekommen zu sein. Wenn man eine Kultur kennt, in der einem Hilfe angeboten wird, sobald sie erforderlich ist (und schonmal auch, wenn sie gar nicht erforderlich ist) und in eine Kultur kommt, in der einem nur geholfen wird, wenn man fragt, ergibt sich m\u00f6glicherweise schnell das Gef\u00fchl, allein gelassen zu sein.<\/p>\n<p>Als ich von D\u00fcsseldorf Flughafen nach Duisburg gefahren bin, um meine Mutter zu besuchen, sind mir, wie man es ja f\u00fcr Duisburg kennt, sehr viele Ausl\u00e4nder im Stadtbild aufgefallen. Die meisten davon T\u00fcrken. Auch die Usbeken sind ein Turkvolk. Dadurch, dass ich so lange unter ihnen gelebt habe und ihre Hospitalit\u00e4t erfahren durfte, ergibt sich ein Gef\u00fchl von Verbundenheit. Nachdem ich in Usbekistan andauernd von Fremden &#8220;aka&#8221; (usbekisch &#8220;Bruder&#8221;) oder &#8220;brat&#8221; (russisch) genannt wurde, wirkt es ganz anders, wenn man h\u00f6rt, wie sich zwei Deutscht\u00fcrken unterhalten und dauernd &#8220;wallah, Bruder&#8221; sagen. Man ist irgendwie n\u00e4her dran am Menschen.<\/p>\n<p>Eine Episode, die ich auf meiner Reise nach Samarkand erlebte, kommt mir wieder in den Sinn. In Samarkand besichtigen wir das Grab des Propheten Daniel, ein Prophet aus dem alten Testament, der Juden, Christen und Muslimen heilig ist. Die Muslime nennen ihn Doniyor, genau wie meinen besten usbekischen Freund. An solchen Orten, es gibt davon einige in Usbekistan, sitzt in der Regel ein Imam, der mit grade anwesenden Pilgern betet. Aus reinem Interesse habe ich gefragt, ob es in Ordnung ist, wenn ich mitbete, da Doniyor schlie\u00dflich auch von den Christen verehrt wird. Unsere usbekische Begleitung in Samarkand fragt kurz den Imam und nach einem kurzen verwunderten Blick l\u00e4chelt er und winkt mir zu, dass ich kommen sollte. Er freue sich immer, wenn Menschen, &#8220;die an den rechten Gott glauben, den Weg zu ihm finden.&#8221;<\/p>\n<p>\u00dcber einen solchen Akt der Toleranz und gutem Willen von Seiten eines Muslims war ich, ehrlicherweise, \u00fcberrascht, wenn man bedenkt, wie der Islam im Westen bisweilen dargestellt wird. Zum Gl\u00fcck wiegt eine pers\u00f6nliche Erfahrung mehr als unsachliche Verallgemeinerungen und populistische Gemeinplatz-Argumente. Und um eine solche pers\u00f6nliche Erfahrung zu machen, lohnt es sich immer, ins Ausland zu fahren. Ich habe selbst erfahren, was es hei\u00dft in einer Diktatur zu leben, ich habe aber auch selbst erfahren, wie hilfsbereit Menschen sein k\u00f6nnen und dass Muslime manchmal sehr fortschrittlich denken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wer etwas selbst erlebt hat, der weiss es aus eigener Anschauung. Er weiss es besser, als jemand, der alles glauben muss. Daher lohnt es sich immer, neue Sichtweisen kennenzulernen und eigene, m\u00f6glichst fremde, Erfahrungen zu machen. Daf\u00fcr war mein Aufenthalt in Usbekistan erfolgreich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Wochen nach Beendigung meines Praktikums in Usbekistan bin ich wieder gut im deutschen Alltag angekommen und m\u00f6chte nun aus einiger Entfernung \u00fcberlegen, wie sich meine Weltsicht durch das Praktikum ver\u00e4ndert hat. 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