{"id":7917,"date":"2017-09-26T14:30:36","date_gmt":"2017-09-26T12:30:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/?p=7917"},"modified":"2024-12-06T11:39:59","modified_gmt":"2024-12-06T09:39:59","slug":"rush-hour-in-new-york","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/rush-hour-in-new-york\/","title":{"rendered":"Rush Hour in New York"},"content":{"rendered":"<p>Hoffen, dass eine Dusche frei ist. Dass der Aufzug schnell kommt, nicht zu voll ist und man hineinpasst und er dann nicht auch noch auf jeder Etage h\u00e4lt. Dass beim Fr\u00fchst\u00fcck keine Schlange ist. Dass man eine gr\u00fcne Ampelphase (hier also eine wei\u00dfe Ampel-M\u00e4nnchen-Phase) erwischt und sich mit Erfolg durch die str\u00f6menden Menschenmassen, ohne einen gr\u00f6\u00dferen\u00a0Zusammensto\u00df oder ein Auf-Die-F\u00fc\u00dfe-Treten, wuseln kann. Wobei New Yorker aber keinesfalls aufgrund der Ampel stehen bleiben &#8211; sobald es m\u00f6glich ist, l\u00e4uft jeder einfach \u00fcber die Stra\u00dfe. Wer bei rot stehen bleibt obwohl kein Auto kommt, ist definitiv Tourist.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nDann ist hoffentlich auf der Metro Karte noch Geld drauf und die Subway f\u00e4hrt nicht gerade vor den eigenen Augen weg. Wenn dann die n\u00e4chste kommt, ist im besten Fall noch ein wenig Platz, sodass man sich gerade so herein quetschen kann.<\/p>\n<p>Ich arbeite Downtown in der Kanzlei Lansner &amp; Kubitschek, etwa 10 Minuten zu Fu\u00df entfernt vom World Trade Center.\u00a0Die Zeit, die ich brauche, um dorthin zu gelangen, variiert sehr stark von den gerade genannten Faktoren.<br \/>\nJe nachdem, zu welcher Zeit man anf\u00e4ngt zu arbeiten, muss man jedoch einige Geduld mitbringen. Die meisten Arbeitnehmer in New York beginnen zwar nicht allzu fr\u00fch morgens, arbeiten jedoch meist daf\u00fcr bis sp\u00e4t am\u00a0Abend. Mir ist es auch schon passiert, dass ich morgens um halb neun zwei\u00a0Bahnen abwarten musste weil diese bereits komplett \u00fcberf\u00fcllt waren, bis ich mich endlich mit ein wenig Durchsetzungsverm\u00f6gen und Ellebogeneinsatz in die dritte Bahn herein quetschen konnte. Noch vollkommen verschwitzt von den gef\u00fchlten 40 Grad Celsius an der U-Bahn Station, steht man dann zwar mit etwa 100 Menschen in einem Waggon, f\u00e4ngt jedoch aufgrund des Air Conditioning trotzdem an zu frieren. Die Bahnen werden aufs Extremste runtergek\u00fchlt. Bei diesen Temperaturwechseln nicht krank zu werden ist schon ein Kunstst\u00fcck.<br \/>\nIch habe jedoch meistens das Gl\u00fcck, erst um 9:30 Uhr an meinem Arbeitsplatz sein zu m\u00fcssen. Zu dieser Zeit hat sich die Rush Hour am morgen schon ein bisschen gelegt.<\/p>\n<p>So viel zu meiner morgendlichen Anreise. Die Familienrechtskanzlei am Broadway wird von\u00a0Carolyn Kubitschek und David Lansner geleitet. Die Arbeitsatmosph\u00e4re ist sehr entspannt, man spricht\u00a0sich mit Vornamen an und alle sind super freundlich und hilfsbereit. Zudem sind wir insgesamt f\u00fcnf Praktikanten und man kann sich bei Problemen und Fragen gegenseitig helfen.<\/p>\n<p>Die Arbeit von Lansner &amp; Kubitschek kann man in drei gro\u00dfe Bereiche einteilen: Civil Rights, Family Law und Social Security Cases.<br \/>\nDie Kanzlei vertritt also Familien, die durch verfassungswidrige Handlungen der &#8220;New York City Administration for Children&#8217;s Service&#8221; (kurz: ACS) getrennt wurden. In einigen F\u00e4llen wird den Eltern vorgeworfen, ihre Kinder misshandelt zu haben, wobei diese sich lediglich durch einen einfachen Unfall Verletzungen zugezogen haben. Oft ist es in solchen Situationen gerade f\u00fcr nicht so gut gestellte Familien schwierig, sich gegen ACS durchzusetzen und zu beweisen, dass die Verletzungen ihrer Kinder ausschlie\u00dflich von einem Unfall stammen oder evtl. einer Krankheit, die nicht durch die Eltern herbeigef\u00fchrt wurde. Bei einem Verdacht auf Misshandlung ist der Arzt oder das Krankenhaus verpflichtet, die Stadt New York einzuschalten. Best\u00e4tigt sich nach deren Einsch\u00e4tzung der Verdacht, werden die Kinder in Pflegefamilien geschickt. Erstaunlich oft wurden jedoch in der Vergangenheit Fehler bei solchen Einsch\u00e4tzungen gemacht und die Kinder zu Unrecht von ihren Eltern getrennt, oder den Eltern zu Unrecht der Besuch verweigert.<br \/>\nWeiterhin vertritt die Kanzlei\u00a0Kinder, die in ihren Pflegefamilien nicht richtig versorgt oder sogar misshandelt werden. Dabei ist es eigentlich die Aufgabe von\u00a0ACS und deren\u00a0Vermittlungsbeh\u00f6rden, daf\u00fcr zu sorgen, dass die Kids in einer sicheren Umgebung untergebracht werden.<br \/>\nDie Kanzlei\u00a0vertritt Mandanten im Hinblick auf Besucherrechte und bei Sorgerechtsstreitigkeiten vor dem Family Court sowie dem Supreme Court.<br \/>\nAu\u00dferdem vertritt Lansner &amp; Kubischek Menschen, denen die Anerkennung zur Arbeitsunf\u00e4higkeit verwehrt wurde, oder bei denen die\u00a0Zahlung der Rente gef\u00e4hrdet ist. New York hat sehr strenge Vorstellungen bez\u00fcglich des Begriffes der<\/p>\n<figure id=\"attachment_8117\" aria-describedby=\"caption-attachment-8117\" style=\"width: 278px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8117 \" src=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Bild-PNG-300x225.png\" alt=\"\" width=\"278\" height=\"209\" srcset=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Bild-PNG-300x225.png 300w, https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Bild-PNG-1024x768.png 1024w, https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Bild-PNG-768x576.png 768w, https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Bild-PNG-600x450.png 600w, https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Bild-PNG-800x600.png 800w, https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Bild-PNG.png 1280w\" sizes=\"(max-width: 278px) 100vw, 278px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8117\" class=\"wp-caption-text\">NYC Supreme Court<\/figcaption><\/figure>\n<p>Arbeitsunf\u00e4higkeit. Eine Person ist demnach immer noch in der Lage zu arbeiten, &#8220;as long he or she can fill paper cups into paper cups&#8221;. Damit ist gemeint, dass selbst jemand, der nicht mehr stehen oder laufen kann und sogar vielleicht nicht mehr in der Lage ist, zu schreiben oder zu sprechen, nicht zwangsl\u00e4ufig arbeitsunf\u00e4hig ist, solange er\u00a0noch in der Lage ist,\u00a0<em>irgendeiner<\/em> Arbeit nachzugehen.<\/p>\n<p>Viele F\u00e4lle, mit denen ich mich in den letzten Wochen besch\u00e4ftigt habe, sind demnach sehr pers\u00f6nlich und emotional. Das ist nat\u00fcrlich auch nicht verwunderlich, es geht um den Lebensunterhalt oder sogar die eigenen Kinder.<br \/>\nIch konnte schon an mehreren Interviews von potentiellen Mandanten teilnehmen, einige Rechercheaufgaben \u00fcbernehmen und\u00a0Gerichtsverhandlungen im Family Court, im Criminal Court sowie im Supreme Court besuchen. Die Verhandlungen hier unterscheiden sich sehr stark von denen in deutschen Gerichten. Beispielsweise im Criminal Court hat der Angeklagte das Recht auf eine Jury, bestehend aus 12 Menschen, die weder etwas mit dem Fall, noch mit Jura im allgemeinen zu tun haben. Sobald man 18 Jahre alt und US-amerikanischer Staatsb\u00fcrger ist, kann man f\u00fcr den Jury-Dienst vorgeladen werden. Man muss dabei an jedem Tag der Gerichtsverhandlung teilnehmen, diese kann bis zu f\u00fcnf Wochen oder sogar l\u00e4nger andauern. Es ist den Jurymitgliedern nicht gestattet, sich in dieser Zeit untereinander, oder mit jeglichen anderen Personen \u00fcber den Fall auszutauschen. Auch sollten sich diese nicht im Internet oder sonstigen Medien \u00fcber den Fall informieren, sondern komplett unvoreingenommen sein. Die Arbeitgeber der Juroren sind\u00a0dabei nicht verpflichtet weiterhin Lohn zu zahlen, sie bekommen lediglich eine sehr geringe Entsch\u00e4digung.<br \/>\nDie Jury\u00a0entscheidet am Ende der Verhandlung, ob die Staatsanwaltschaft ausreichend bewiesen hat, dass der Angeklagte schuldig ist und zwar\u00a0<em>beyond a reasonable doubt<\/em>. Die Juryentscheidung soll also die Gemeinschaftswerte der Gesellschaft widerspiegeln und eine staatliche Willk\u00fcr verhindern. Jedoch ist es gerade in komplexen F\u00e4llen sehr fraglich, ob diese Menschen mit\u00a0unterschiedlichsten Hintergr\u00fcnden und sehr stark variierenden Konzentrations- und Auffassungsverm\u00f6gen, alle Einzelheiten des Verfahrens richtig verstehen k\u00f6nnen und beispielsweise technische oder \u00f6konomische Fragen \u00fcberhaupt beantworten k\u00f6nnen. Weiterhin beansprucht eine Jury viel Zeitaufwand und damit verbunden sehr hohe Kosten.<\/p>\n<p>Insgesamt kann ich also sagen, dass ich trotz teilweiser stressiger Anfahrten und enormer Unterschiede zu Deutschland, ein interessantes und lehrreiches Praktikum absolvieren darf, welches mir sicherlich vor allem in den F\u00e4chern der Fachspezifischen Fremdsprachen-Ausbildung weiterhelfen wird. Auch Nicht-Juristen kann ich au\u00dferdem empfehlen, falls bei einem Besuch in den USA mal etwas Zeit \u00fcbrig ist, sich einen Jury Trial einfach mal anzuschauen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hoffen, dass eine Dusche frei ist. Dass der Aufzug schnell kommt, nicht zu voll ist und man hineinpasst und er dann nicht auch noch auf jeder Etage h\u00e4lt. Dass beim Fr\u00fchst\u00fcck keine Schlange ist. 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