{"id":7324,"date":"2017-05-09T08:02:00","date_gmt":"2017-05-09T06:02:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/?p=7324"},"modified":"2024-12-09T13:24:15","modified_gmt":"2024-12-09T11:24:15","slug":"freundschaft-in-usbekistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/freundschaft-in-usbekistan\/","title":{"rendered":"Freundschaft in Usbekistan"},"content":{"rendered":"<p class=\"Text\">\u201eWollen Sie mein Freund sein?\u201c ist eine Frage, mit der man in Usbekistan rechnen muss und man wird mit ihr nicht etwa wie bei uns in Deutschland von Kindern \u00fcberfallen, sondern von erwachsenen Studenten im Alter von rund 20 Jahren. Gerne wird diese Frage auch bereits beim ersten Treffen gestellt, so dass man sich mit der heiklen Situation konfrontiert sieht, den anderen nicht vor den Kopf sto\u00dfen zu wollen, w\u00e4hrend man sich als Deutscher denkt, dass man den anderen doch noch gar nicht ausreichend kennt, um diese Frage tats\u00e4chlich beantworten zu k\u00f6nnen \u2013 vorausgesetzt, man br\u00e4chte es \u00fcberhaupt \u00fcber sich, dem erwartungsvoll l\u00e4chelnden Studenten einen negative Antwort zu geben.<\/p>\n<p class=\"Text\"><!--more--><\/p>\n<p class=\"Text\">Dann bleibt nat\u00fcrlich immer noch der Punkt der expliziten Freundschaftsbekundung an sich, etwas, das wir als Deutsche nur aus Kindestagen kennen, w\u00e4hrend wir sp\u00e4ter einfach zusammen rumh\u00e4ngen und uns verabreden, daraus dann eine Freundschaft im stillschweigenden Einvernehmen aller Beteiligten entsteht, was jedoch nie explizit verbalisiert wird. Dieses Ph\u00e4nomen der expliziten Freundschaftsbekundung begegnet einem jedoch nicht nur bei Usbeken, sondern auch bei Russen und Chinesen im Land habe ich dies beobachtet. Schnell wird man hier zu \u201ebest friends\u201c oder ist \u201ewie eine Familie\u201c (diese Aussage kam immerhin erst nach knapp f\u00fcnf Wochen).<\/p>\n<p class=\"Text\">Es ist noch darauf hinzuweisen, dass nur deutsche M\u00e4nner im Kontakt mit M\u00e4nnern in Usbekistan diesem Ph\u00e4nomen begegnen werden; mir ist diese Frage mehrfach gestellt worden, aber niemals von einer Frau, ebenso wenig ist den Praktikantinnen, mit denen ich nach Usbekistan gereist bin, diese Frage gestellt worden. Es scheint sich also um ein rein m\u00e4nnliches Ph\u00e4nomen zu handeln (weswegen die bisherige Verwendung maskuliner Formen nicht das generalisierende Maskulinum bezeichnet).<\/p>\n<p class=\"Text\">\u00dcber die Gr\u00fcnde, warum dies ein exklusiv m\u00e4nnliches Ph\u00e4nomen zu sein scheint, l\u00e4sst sich nur spekulieren; m\u00f6glicherweise hat es etwas damit zu tun, dass in der noch immer stark patriarchalen usbekischen Gesellschaft der engere Kontakt zwischen M\u00e4nnern und Frauen auf die Zeit nach der durch die Eltern arrangierten Hochzeit beschr\u00e4nkt ist. Zwar haben sie (nat\u00fcrlich) auch schon vorher Kontakt miteinander, da beispielsweise die Gruppen an der Universit\u00e4t gemischt-geschlechtlich sind, jedoch findet man auch hier eine klare Geschlechtertrennung: auf der einen Seite des Raumes sitzen die Frauen, auf der anderen die M\u00e4nner. Es kommt nicht vor, dass Frauen und M\u00e4nner im Unterricht zusammen an einem Tisch sitzen. Dies kann man bereits in der Schule bei den Kindern beobachten und es zieht sich durch bis an die Universit\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"Text\">Dies ist nat\u00fcrlich nur ein m\u00f6glicher, spekulativer Erkl\u00e4rungsansatz und ebenso gut kann es m\u00f6glich sein, dass es diese expliziten Freundschaftsbekundungen auch zwischen Frauen und M\u00e4nnern sowie zwischen Frauen gibt, es uns nur noch nicht begegnet ist.<\/p>\n<p class=\"Text\">Mit der Freundschaft in Usbekistan ist auch die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, bisweilen auch Distanzlosigkeit der usbekischen Bev\u00f6lkerung anzusprechen. Es ist leicht, hier Kontakte zu kn\u00fcpfen \u2013 es ist geradezu schwierig, wollte man sie vermeiden! Von den Studierenden werden uns einige zur Seite gestellt, die uns bei einigen wichtigen Angelegenheiten helfen (wie dem Umtauschen von Euro in Sum in der Bank oder \u2013 noch viel wichtiger \u2013 dem Erlangen unserer usbekischen SIM-Karte) und uns Taschkent zeigen. Au\u00dferhalb des geplanten Programms treffen wir uns auch mit den Studierenden, werden auch zu ihnen nach Hause eingeladen und verbringen eine angenehme Zeit mit ihnen. Wir k\u00f6nnen sie um Hilfe bei verschiedenen Angelegenheiten bitten wie beim Buchen unserer Flugtickets nach Urgench, treffen aber auch unterwegs hilfsbereite Usbeken wie am Bahnhof, als wir Zugtickets buchen wollten, wo wir das Gl\u00fcck hatten, eine Usbekin zu treffen, die Deutsch spricht, und einen Usbeken, der Englisch spricht, (\u00e4hnlich wie bei Fl\u00fcgen muss man die Tickets vorher buchen und rechtzeitig zum Einchecken und den Sicherheitskontrollen am Bahnhof erscheinen). Wir h\u00e4tten es sicherlich auch ohne sie geschafft, aber mit ihrer Hilfe ging es schneller \u2013 was immer noch bedeutete, dass wir eine Stunde am Bahnhof verbracht haben, Wartezeit in der Schlange vor dem Schalter inklusive, doch die Usbeken scheint so etwas nicht zu st\u00f6ren, vielleicht, weil sie es gewohnt sind, vielleicht, weil sie Ausl\u00e4nder kennen lernen und sich auf Deutsch oder Englisch mit ihnen unterhalten k\u00f6nnen. Auch bei anderen Gelegenheiten treffen wir Usbeken, freunden uns mit ihnen an und sehen sie sp\u00e4ter wieder, teilweise auch in den gro\u00dfen Reisest\u00e4dten auf der Seidenstra\u00dfe (Chiwa, Samarkand, Buchara), und sie zeigen uns dann ihre Heimatst\u00e4dte \u2013 bei denen es sich nat\u00fcrlich um die sch\u00f6nsten Orte in Usbekistan handelt, wie man gerne betont. Insgesamt ist man uns Fremden gegen\u00fcber aufgeschlossener, als man es in Deutschland gegen\u00fcber Fremden w\u00e4re, was f\u00fcr uns aufgrund unseres kulturellen Hintergrunds etwas ungew\u00f6hnlich gewesen ist, wird mittlerweile aber als angenehm empfinden. Dass viele der Usbeken, mit denen wir uns anfreunden und die uns hilfsbereit zur Seite stehen, dann auch bei der einen oder der anderen Gelegenheit unsere Hilfe erfragen, ist kaum der Anmerkung wert \u2013 es ist eben gut, viele Leute zu kennen, die einem bei verschiedenen Anl\u00e4ssen weiterhelfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"Text\">Etwas anstrengend kann die f\u00fcr uns Deutsche empfundene Distanzlosigkeit der Usbeken sein. Einige der ersten Fragen beim Kennenlernen sind stets \u201eWie alt sind Sie?\u201c und \u201eSind sie verheiratet?\u201c Sagt man, wie in meinem Fall, dass man 28 und ledig ist, muss man mit einem mitleidigen \u201eOh\u201c rechnen, gefolgt von der Frage nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr den eigenen Singlestatus (es macht allerdings sehr viel Spa\u00df, diesen Spie\u00df irgendwann umzudrehen, wenn man einen 25-j\u00e4hrigen Usbeken trifft, der noch unverheiratet ist, und ihm die gleiche Frage stellt). W\u00e4hrend man bei uns eher nach dem Beruf oder der Ausbildung fragt, fragt man hier nach Alter und Beziehungsstatus. Dies kann insbesondere bei Familienfesten sowohl eine Herausforderung als auch einen Spa\u00df darstellen, denn dann bekommt man gleich Einblicke in das Arrangieren von Ehen, da immer jemand jemanden kennt, der noch eine Tochter oder einen Sohn zu verheiraten hat und dann anfragt, ob man Interesse h\u00e4tte. Schwierig kann es bisweilen auch sein, sich aus Gespr\u00e4chen mit Usbeken zu l\u00f6sen oder einfach einmal etwas Zeit f\u00fcr sich alleine zu finden, da dieses Konzept in Usbekistan fremd zu sein scheint, da man hier immer mit der Familie oder den Freunden zusammen ist. Ebenso strapazi\u00f6s kann es sein, wenn man unterwegs ungewollt neue Bekanntschaften kn\u00fcpft, denn alleine schon weil wir Ausl\u00e4nder sind \u2013 blonde Europ\u00e4er fallen eben auf \u2013, werden wir immer mal wieder angesprochen.<\/p>\n<p class=\"Text\">Abschlie\u00dfend l\u00e4sst sich noch ein weiterer Grund anf\u00fchren, warum man in Usbekistan gerne Freundschaften kn\u00fcpft und neue Leute kennenlernt \u2013 und diese Information stammt von einem Usbeken selbst: um Kontakte zu haben. Vitamin B. Es ist wichtig, die richtigen Leute zu kennen. Nicht so sehr mit Geld kann man bessere Angebote bekommen, Vorg\u00e4nge beschleunigen oder zu seinen Gunsten neigen, sondern dadurch, dass man die richtigen Leute kennt, gleiche Bekannte und Freunde hat. Entsprechend ist eine der ersten Fragen im Gesch\u00e4ftlichen, wen man kennt.<\/p>\n<p class=\"Text\">Insgesamt habe ich mich in Usbekistan sehr gut aufgehoben gef\u00fchlt. Die Menschen habe ich als freundlich und hilfsbereit erlebt, man findet schnell Anschluss und lernt neue Leute kennen, mit denen man Zeit verbringen kann, die einem bei vielen Dingen, die einem Westeurop\u00e4er fremd sein m\u00f6gen, weiterhelfen k\u00f6nnen, so dass man sich trotz der tausende Kilometer Entfernung zur Heimat nie einsam oder alleine gelassen f\u00fchlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWollen Sie mein Freund sein?\u201c ist eine Frage, mit der man in Usbekistan rechnen muss und man wird mit ihr nicht etwa wie bei uns in Deutschland von Kindern \u00fcberfallen, sondern von erwachsenen Studenten im Alter von rund 20 Jahren. 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