{"id":5898,"date":"2016-09-20T15:41:01","date_gmt":"2016-09-20T13:41:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/?p=5898"},"modified":"2024-12-16T12:51:58","modified_gmt":"2024-12-16T10:51:58","slug":"madagaskar-zara-be","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/madagaskar-zara-be\/","title":{"rendered":"MADAGASKAR \u2013 ZARA BE"},"content":{"rendered":"<p><strong>STADT \u2013 LAND \u2013 MORA MORA <\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich heute an Madagaskar denke, so denke ich nicht l\u00e4nger an Lemuren, Baobabs und vielleicht den witzigen Film Madagaskar.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich kann es selber fast gar nicht glauben, aber es ist nun schon fast zwei Monate her, dass ich Ende Juli von Amsterdam aus nach Antananarivo geflogen bin. In dieser Zeit hat sich mein Bild von dem, was ich erwartet habe, stetig erweitert und ver\u00e4ndert.<br \/>\nWie ihr vielleicht <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/karte-der-erasmus-praktika\/\">auf der interaktiven Karte<\/a> gesehen habt, war auf Madagaskar bislang kein Punkt \u2013 jetzt vertreten wir die WWU hier in \u00dcbersee sogar in Doppelbesetzung. Marjam und ich arbeiten beide in Antananarivo, kurz Tana genannt, was mir wesentlich leichter f\u00e4llt auszusprechen, geschweige denn zu schreiben. Mit Blick auf die Landkarte Madagaskars habe ich \u00fcbrigens den Eindruck, dass 90% aller St\u00e4dtenamen mit einem \u201eA\u201c beginnen sowie alle Haltestellen in Tana.<\/p>\n<p>Womit wir auch schon mitten im Geschehen w\u00e4ren. Tana in seiner Funktion als Hauptstadt gilt unter den Madagassen als stressig. Vor dem Hintergrund des allgegenw\u00e4rtigen Prinzips \u201emora mora\u201c \u2013 auf das Marjam in ihrem Artikel bereits hingewiesen hat und was ich nur best\u00e4tigen kann \u2013 kann man sich nun vorstellen, wie es in der l\u00e4ndlichen Region ist \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Zurzeit bin ich auf Mission in Tul\u00e9ar (Toliara) im S\u00fcden, rund 928km entfernt von Tana. Mit dem Taxi-brousse, dem \u00dcberlandtaxi, braucht man daf\u00fcr knappe 22 Stunden. Im Vergleich zum Flugzeug, das circa 1h05 braucht, kostet das Taxi-brousse hingegen ganze 10 Euro. Auch hier l\u00e4sst sich die \u201emora mora Kultur\u201c erkennen. Anstatt wie geplant um 12h abzufahren, starten wir um 16h, da sich einige Fahrg\u00e4ste versp\u00e4ten.<br \/>\nIm Vergleich zu Tana zirkulieren im Zentrum Tul\u00e9ars deutlich weniger Taxi-b, da Tul\u00e9ar weniger h\u00fcgelig ist und somit das Fahrradfahren erm\u00f6glicht. Ein beliebtes Verkehrsmittel ist daher das \u201eCyclo-brousse\u201c oder auch \u201epousse-pousse\u201c genannt. Eigentlich ist das Fahrradtaxi auf zwei Personen ausgelegt. Das bedeutet aber nicht, dass man es auch nicht zu viert benutzen kann, wahlweise damit 3 gro\u00dfe S\u00e4cke Reis transportieren kann. Alles eine Frage des Verhandlungsgeschicks \ud83d\ude09<\/p>\n<p><strong>SAKAFO<\/strong><\/p>\n<p>Apropos Reis \u2013 Stichwort Sakafo \u2013 Essen. Umso l\u00e4nger ich hier bin, umso mehr gewinne ich den Eindruck, eine Reispflanze m\u00fcsste bald in mir wachsen. Morgens wird ges\u00fc\u00dfter Reis gegessen, in einer Art Suppe. Mittags gibt es trockenen Reis, mit Gem\u00fcse, Fleisch oder Fisch. Abends \u201evariiert\u201c man und kocht den Reis erneut mit mehr Fl\u00fcssigkeit, im Kontrast zu morgens eher salzig. Reis ist das Grundnahrungsmittel Nummer 1 f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung. In verschiedenen Gespr\u00e4chen, in denen ich gewagt habe, vorsichtig nachzufragen, ob man \u201ereism\u00fcde\u201c sei, wurde der Reis stets vehement verteidigt, bei Jung sowie bei Alt. Vary (Reis) geh\u00f6rt zu jeder Mahlzeit dazu.<br \/>\nLandestypisch ist auch das Reiswasser. Dabei wird die Sud aus dem gekochten Reis mit neuem Wasser noch einmal aufgekocht und zum Essen serviert. Am Anfang etwas befremdlich und ungewohnt, frage ich mittlerweile sogar aktiv danach nach.<br \/>\nBeeindruckend finde ich immer noch, wie und was auf einem kleinen Feuer mit Holzkohle alles gekocht wird. Wohingegen ich teilweise in Deutschland mit vier Herdplatten verzweifle \u2013 entstehen hier mit relativ geringer Ausstattung auf einem H\u00fcgel Holzkohle k\u00f6stliche Mahlzeiten, Geb\u00e4ck etc.<br \/>\nNeben Reis und Reiswasser wird die Reispflanze selbstverst\u00e4ndlich noch anderweitig genutzt, z.B. als Reismehl, woraus dann die angesprochenen s\u00fc\u00dfen K\u00f6stlichkeiten entstehen.<\/p>\n<p><strong>LANDSCHAFTSBILDER \u2013 FLORA UND FAUNA<\/strong><\/p>\n<p>Tana ist umgeben von Reisfeldern. Hier in Tul\u00e9ar gibt es ebenfalls Reisfelder, doch finden sich auch zahlreiche S\u00fc\u00dfkartoffel- wahlweise Zuckerrohrfelder. Umso mehr die RN7 \u2013 die teils betonierte Nationalroute einen in den S\u00fcden f\u00fchrt, umso gr\u00fcner, sandiger und felsiger wird es. Wohingegen Tana weniger gr\u00fcn ist, wachsen hier in Tul\u00e9ar cocotiers, bananiers und viele andere ertragreiche Pflanzen und B\u00e4ume ganz nat\u00fcrlich im Garten \u2013 wovon ich momentan jeden Morgen Gebrauch machen darf. Ich pfl\u00fccke mir meine eigenen Guaven, bevor ich am Stand gegen\u00fcber meine gegrillte S\u00fc\u00dfkartoffel zum Fr\u00fchst\u00fcck aussuche. Paradiesisch!<\/p>\n<p>Auch die Temperaturen sind hier im S\u00fcden \u2013 unterm Capricorne \u2013 wesentlich angenehmer. Da entscheidet man sich f\u00fcr Madagaskar als Praktikumsort und denkt an sommerlich warme Temperaturen, wird man am Abend von der K\u00e4lte \u00fcberrascht, sobald die Sonne um 18h untergeht. Vor allem in Tana, was zum Hochland geh\u00f6rt, wird es abends so kalt, dass ich bislang mit Wolldecke und W\u00e4rmflasche geschlafen habe \u2013 und ich bin nicht die einzige. Unsere bisher ausgekl\u00fcgelte Theorie dazu: Die K\u00e4lte am Abend nimmt man so stark war, da es tags\u00fcber sch\u00f6ne 25 Grad warm ist. Zudem sind die H\u00e4user nahezu gar nicht isoliert \u2013 man ist eher froh, wenn sich Fenster und T\u00fcren schlie\u00dfen lassen. In diesem Kontext gewinne ich oft den Eindruck, dass die Madagassen, was k\u00f6rperliche Resistenz angeht \u2013 uns um einiges voraus sind. Sei es im Barfu\u00dflaufen \u00fcber hei\u00dfe Teerstra\u00dfen, K\u00e4lteempfinden im \u00dcberlandtaxi, in dem ein dauerhafter Durchzug herrscht, weil alle ihr Fenster \u00f6ffnen oder sei es die Magenresistenz \u2013 \u00fcber die sich madagassischen Freunde von mir unter dem Stichwort \u201eVazah belly\u201c oder \u201eventre d\u2019un vazah\u201c pr\u00e4chtig am\u00fcsieren.<\/p>\n<p><strong>GESELLSCHAFT &amp; GEMEINSCHAFTLICHER UMGANG <\/strong><\/p>\n<p>Als \u201eVazah\u201c werden \u00fcbrigens alle \u201eals Ausl\u00e4ndisch geltenden\u201c bezeichnet. Es bezeichnet nicht nur einen m\u00f6glichen Unterschied in Bezug auf die Hautfarbe, sondern meint im urspr\u00fcnglichen Sinne \u201eva\u201c \u2013 neu und \u201ezah\u201c gesehen. Da man sich noch nicht kennt und auch keinen Namen, wird man demnach mit \u201eSalut Vazah\u201c gegr\u00fc\u00dft. Dabei habe ich den Eindruck, dass man als \u201eVazah\u201c \u00fcberdurchschnittlich viel gegr\u00fc\u00dft wird, und gerade die Frauen und Kinder freuen sich sehr, wenn man zur\u00fcckgr\u00fc\u00dft, sei es auf Madagassisch mit einem kurzen \u201eManahoana\u201c oder \u201eSalama\u201c, oder sei es auf Franz\u00f6sisch. Interessant ist dabei, dass die M\u00e4nner, die oft mehr und eindringlicher gr\u00fc\u00dfen, sch\u00fcchtern und verlegen lachen, wenn man antwortet. Im Vergleich zu anderen afrikanischen L\u00e4ndern \u2013 so unsere Theorie der Praktikanten \u2013 ist das vielleicht der asiatische Einfluss, da Madagaskar aus Afrika und Asien hervorgegangen ist.<br \/>\nMit Blick auf verschiedene Situationen, sei es im B\u00fcro oder auf der Stra\u00dfe, w\u00fcrde ich best\u00e4tigen, dass das madagassische Volk eher zur\u00fcckhaltend ist und beispielweise bei Problemen oder Konfrontationen jeder f\u00fcr sich schaut, wo er bleibt.<\/p>\n<p><strong>KURIOSIT\u00c4TEN &amp; HERAUSFORDERUNGEN <\/strong><\/p>\n<p>Als Herausforderung gilt f\u00fcr mich nicht nur die t\u00e4gliche Menge Reis, die pro Mahlzeit ca. 1\/3 die Menge meiner Kollegen ist, zu essen.<br \/>\nAuch die Taxi-b, die in Tana umherfahren, sind eine wahre Herausforderung. Im Vergleich zu einem privaten Taxi, das meist ca. 10000 Ariary (3 Euro) kostet, nehmen die Taxi-b Fahrer f\u00fcr eine Strecke 400 Ariary. Die Herausforderung der Taxi-B besteht jedoch darin, die Nummern der Taxis schnell zu entziffern, sobald sie anrollen, anhand der Farbe zu erkennen, ob sie in die richtige Richtung fahren, und zum Sprint bereit zu sein, falls sie nicht anhalten \u2013 was h\u00e4ufig der Fall ist.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, Termine mit Taxi-B zu vereinbaren. Wohingegen sich Deutsche oft \u00fcber die Unp\u00fcnktlichkeit der DB oder von Bussen beschweren, stellt man sich hier an die Stra\u00dfe und wartet, bis das n\u00e4chste Taxi-B angerollt kommt. Das kann zwei oder 15 oder 30 Minuten dauern. Sitzt man dann mehr oder weniger gedr\u00e4ngt in dem Bulli, ist jedoch noch nicht gesagt, wie lange man f\u00fcr die Strecke von eigentlich 15 Minuten braucht. Busfahrer sind hier \u00e4u\u00dferst gespr\u00e4chig und halten mit den entgegenkommenden Bussen h\u00e4ufig ein kurzes Gepl\u00e4nkel oder ihnen f\u00e4llt ein, dass sie noch was einkaufen m\u00fcssen, weshalb der ganze Bus eine Zwangspause einlegt.<br \/>\nKurios ist der Name eines typisch-madagassischen Standard-Crackers: \u201eCaca Pigeon\u201c zu Deutsch \u201eTaubenkacke\u201c. Wurde ich anfangs knallrot beim Kauf, ist es inzwischen eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit auf dem Markt geworden, nach Taubenkacke in verschiedenen Geschmacksrichtungen wie Knoblauch oder mit Piment zu fragen. Ein witziges Video zum m\u00f6glichen Ursprung dieser Bezeichnung findet ihr von Nirina auf Youtube.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>STADT \u2013 LAND \u2013 MORA MORA Wenn ich heute an Madagaskar denke, so denke ich nicht l\u00e4nger an Lemuren, Baobabs und vielleicht den witzigen Film Madagaskar.<\/p>\n","protected":false},"author":271,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1260,1296,2041],"tags":[646,9,1371,647,492],"class_list":["post-5898","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-afrika","category-madagaskar","category-wirtschaft-und-verwaltung","tag-antananarivo","tag-auslandspraktikum","tag-interkulturelles","tag-madagaskar","tag-promos"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5898"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/271"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5898"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5898\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5911,"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5898\/revisions\/5911"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5898"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5898"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5898"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}