{"id":5823,"date":"2016-09-14T12:05:27","date_gmt":"2016-09-14T10:05:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/?p=5823"},"modified":"2024-12-16T11:19:30","modified_gmt":"2024-12-16T09:19:30","slug":"work-out-in-antananarivo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/work-out-in-antananarivo\/","title":{"rendered":"Work-out in Antananarivo"},"content":{"rendered":"<p>16h30, Feierabend, Nachhauseweg. Ich gehe schnellen Schrittes bergauf, \u00fcberhole langsamere Menschen auf dem schmalen, staubigen B\u00fcrgersteig indem ich st\u00fcckchenweise auf der Stra\u00dfe laufe und gleichzeitig aufpasse, nicht von Taxi-B, Autos oder Rollern \u00fcberfahren zu werden. <!--more--><\/p>\n<p>Ich passe auf, nicht in das gut einen halben Meter tiefe Loch zu fallen, das sich jeden Tag aufs Neue an derselben Stelle auftut. Meine F\u00fc\u00dfe finden nach f\u00fcnf Wochen Eingew\u00f6hnung ihren Weg fast alleine \u00fcber die unregelm\u00e4\u00dfigen Gehwege, mein Kopf darf mittlerweile gr\u00f6\u00dftenteils aufschauen und die Umgebung wahrnehmen. Ziemlich schnell bin ich ein bisschen au\u00dfer Atem, mein K\u00f6rper kommt wohl immer noch nicht auf die gut 1.400 H\u00f6henmeter klar. &#8220;Manahoana!&#8221; ruft da ein Automechaniker, der mich bestimmt jeden Tag zweimal &#8211; auf dem Weg zur Arbeit und auf dem Nachhauseweg \u2013 sieht. Ich nehme ihn zum ersten Mal wahr, gr\u00fc\u00dfe freundlich l\u00e4chelnd zur\u00fcck und setze meinen Weg fort. Mir kommen viele Menschen entgegen. Ein junges, h\u00e4ndchenhaltendes P\u00e4rchen. Eine Oma, die einen Korb mit Orangen auf ihrem Kopf balanciert. Eine mit knielangem Rock schick gekleidete Frau, die schnelle, melodische Worte in ihr Smartphone spricht. Ein Vater, der seine kleine Tochter im Arm tr\u00e4gt. Zwei bl\u00f6delnde Jungs. Ein mittelalter Mann, der mich nach meiner Handynummer fragt.<\/p>\n<p>Als ich an der Taxi-B Station vorbeilaufe, h\u00e4lt gerade eines an. Der Fahrkartenkontrolleur springt heraus und k\u00fcndigt in einem kn\u00f6deligen Singsang die n\u00e4chsten Haltestellen an. Ich schl\u00e4ngele mich durch die Menschentraube und setze meinen Weg bergauf fort. Jemand hupt, ich drehe mich um, ein Taxifahrer, der mir seine Dienste anbietet. Ich sch\u00fcttele freundlich l\u00e4chelnd den Kopf, sage &#8220;Misaotra&#8221; und gehe weiter. Jetzt muss ich schnell die Stra\u00dfe \u00fcberqueren, hier, wo sie noch zweispurig ist. Weiter oben, vor dem abgasverseuchten Tunnel, den ich sehr oft und immer ungern in Richtung Innenstadt durchquere, ist die Stra\u00dfe vierspurig. Ohne aufgemalte Spuren, ohne Ampel, ohne Stra\u00dfenschilder, mit Verkehrspolizist. Die zu \u00fcberqueren ist etwas f\u00fcr Fortgeschrittene. Dazu z\u00e4hle ich mich noch nicht. Also jetzt schnell r\u00fcber, dabei gegen Ende einen schnellen Laufschritt einnehmen, um gerade noch einem beschleunigenden Jeep zu entwischen. Dasselbe noch einmal, und schon stehe ich vor&#8217;m &#8220;Score&#8221;, einem, meinem, Supermarkt. Dort drinnen f\u00fchle ich mich fast wie in Frankreich, wegen der vielen Importprodukte. Aber auch, weil die Preise feststehen und denen der Heimat \u00e4hneln, alles ordentlich im Regal steht. Nach ein paar Wochen habe ich meine Standard-Produkte gefunden, bei denen ich nicht mehr jedes Mal \u00fcberlegen muss, ob ich sie nun kaufe, oder nicht. Nudeln, Joghurt, Chips, Bier, K\u00e4se, Reis, alles aus Madagaskar, landen in meinem Einkaufskorb. Das regelm\u00e4\u00dfige Einkaufen in Superm\u00e4rkten ist Luxus und bleibt nur einem kleinen Bruchteil der Madagassen vorbehalten. &#8220;Veloma!&#8221; verabschiede ich mich von der Kassiererin, die ich mittlerweile schon kenne.<\/p>\n<p>Ich trete aus dem Supermarkt in die fr\u00fchabendliche Stimmung, wende mich nach rechts und gehe die sanft bergaufsteigende Stra\u00dfe entlang in Richtung meiner Wohnung. Obst und Gem\u00fcse kaufe ich an einem der vielen St\u00e4nde am Stra\u00dfenrand, mehr oder weniger robust aus Holz gezimmert. So sicher ich mich im Supermarkt bewege, so unsicher f\u00fchle ich mich hier. Verhandeln soll man die Preise, es f\u00e4llt mir schwer: Weil ich mit der W\u00e4hrung, dem Ariary, \u00fcberfordert bin, der Kurs liegt meist bei 1 \u20ac zu 3200 Ariary. Die Bev\u00f6lkerung rechnet jedoch trotz der W\u00e4hrungsreform vor knapp 15 Jahren oft, aber nicht immer, in der alten W\u00e4hrung, den Francs Malagasy. Das sind die Ariary-Preise mal f\u00fcnf. Aus 15.000 FM werden so 3000 Ariary, was etwas \u00fcber 90 ct entspricht. Das sorgt bei mir f\u00fcr Kopfzerbrechen, Stra\u00dfenmathematik war noch nie meine St\u00e4rke. Auch habe ich keinerlei Preisvorstellung: Wieviel Ariary sind f\u00fcr ein Kilo Bananen normal? Und ich tue mich schwer mit dem Verhandeln, weil man, in Euro umgerechnet, oft um 6 Cent feilscht. F\u00fcr mich eine mikroskopische Summe, jedoch nicht in einem Land, in dem der Mindestlohn bei umgerechnet ca. 40 \u20ac liegt. Ich lasse das Verhandeln bleiben, heute jedenfalls, verabschiede mich &#8220;Amin&#8217;ny manaraka&#8221; \u2013 &#8220;Bis bald!&#8221; freundlich von der Gem\u00fcseh\u00e4ndlerin. F\u00fcr umgerechnet 1 \u20ac habe ich 1 kg Kartoffeln, eine Gurke, drei Tomaten, \u00bd kg Zwiebeln, drei kleine Zucchini und \u00bd kg Bananen in bester Bioqualit\u00e4t, da ungespritzt, bekommen. Das sind \u00fcberteuerte Preise f\u00fcr &#8220;vazaha&#8221;, Ausl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Zwei M\u00e4nner schieben ein liegen gebliebenes Taxi die Stra\u00dfe hoch, in der Hoffnung, dass der Motor wieder anspringt. Auf der rechten Stra\u00dfenseite arbeitet ganz vertieft, in seinem ca. 4 m\u00b2 gro\u00dfen Laden, &#8220;mein&#8221; Schuhmacher, in zwei Tagen werde ich die neuen Sandalen abholen k\u00f6nnen. Ich gehe weiter. Ich sehe einen jungen Hahn, der neben dem Gehweg im Sand scharrt. Ich passiere den Kiosk, der von einem immer nachdenklich schauenden riesigen Hund bewacht wird. In der Biegung hinter der Pizzeria, bei der ich abends manchmal noch etwas esse, zweigt ein schmaler Weg mit Treppen ab, der f\u00fchrt zu unserem Haus. Vor allem nachts bei Dunkelheit muss man hier aufpassen nicht in den kleinen offenen Kanalisationsgraben zu fallen, der \u2013 meist stark verm\u00fcllt \u2013 das Abwasser der anliegenden H\u00e4user aufnimmt. Die Dame, die immer neben dem riesigen Stra\u00dfenm\u00fcllcontainer sitzt, gr\u00fc\u00dft mich freundlich \u2013 was sie den ganze Tag \u00fcber macht bleibt ihr Geheimnis, jedoch habe ich die Vermutung, dass sie den M\u00fcll nach brauchbaren \u00dcberresten durchsucht. Mein Stadtteil geh\u00f6rt schlie\u00dflich zu den privilegierteren, und was Abfall ist, liegt schlie\u00dflich im Auge des Betrachters. Ich schleppe meine Einkaufstaschen die unregelm\u00e4\u00dfig gepflasterten Treppenstufen hoch und stehe vor meiner Haust\u00fcr. Das Haus ist mit einer hohen Mauer und einem Stacheldraht ziemlich gut gesichert. Ich sperre die Pforte auf und bin endlich in meinem Garten angelangt, der \u2013 nach dem ganzen Rummel drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe \u2013 ein sehr erholsamer Platz ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16h30, Feierabend, Nachhauseweg. Ich gehe schnellen Schrittes bergauf, \u00fcberhole langsamere Menschen auf dem schmalen, staubigen B\u00fcrgersteig indem ich st\u00fcckchenweise auf der Stra\u00dfe laufe und gleichzeitig aufpasse, nicht von Taxi-B, Autos oder Rollern \u00fcberfahren zu werden.<\/p>\n","protected":false},"author":282,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1260,1296],"tags":[646,9,647,492],"class_list":["post-5823","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-afrika","category-madagaskar","tag-antananarivo","tag-auslandspraktikum","tag-madagaskar","tag-promos"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5823"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/282"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5823"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5823\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5853,"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5823\/revisions\/5853"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5823"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5823"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5823"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}