{"id":2823,"date":"2015-02-04T09:04:13","date_gmt":"2015-02-04T07:04:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/?p=2823"},"modified":"2019-07-23T09:17:22","modified_gmt":"2019-07-23T07:17:22","slug":"drei-monate-in-barcelona","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/drei-monate-in-barcelona\/","title":{"rendered":"Drei Monate in Barcelona"},"content":{"rendered":"<p>Barcelona \u2013 das ist nicht nur Strand, Party und Gaud\u00ed, sondern auch neben Madrid das wichtigste wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Zentrum Spaniens. F\u00fcr einen romanischen Philologen wie mich ist die Stadt besonders interessant: Sie ist die Hauptstadt des f\u00fcr seinen tief verankerten Regionalismus bekannten Kataloniens und das kulturelle Zentrum der katalanischen Sprache, gleichzeitig aber auch einer der wichtigsten Verlagsstandorte der spanischsprachigen Welt. Es lag also nahe, dort ein Praktikum zu absolvieren.<\/p>\n<p>Das Finden eines Praktikumsplatzes gestaltete sich f\u00fcr mich relativ einfach. Ich hatte neben meinem Spanischstudium schon einige Jahre vorher angefangen, im Rahmen der Zusatzqualifikation Katalanische Sprache und Kultur, die einige deutsche Universit\u00e4ten anbieten, Katalanisch zu lernen. Zu dieser Zusatzqualifikation geh\u00f6rt auch ein Praktikumsprogramm, \u00fcber das man sich nach dem Bestehen aller Kurse ein Praktikum im katalanischen Sprachgebiet (de facto sitzen aber praktisch fast alle beteiligten Beh\u00f6rden und Firmen in Barcelona) vermitteln lassen kann. Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen, und so bewarb ich mich und bekam schlie\u00dflich einen Platz bei TERMCAT in Barcelona angeboten.<!--more--><\/p>\n<p>Anfang Februar fand ich mich im Flugzeug nach Barcelona wieder. Da ich noch die Woche zuvor meine letzten Klausuren geschrieben hatte, hatte ich mich nicht sonderlich intensiv auf den Aufenthalt vorbereiten k\u00f6nnen. Zum Gl\u00fcck war ich erst im Jahr zuvor f\u00fcr elf Monate in Spanien (allerdings in einer anderen Region) gewesen und wusste daher in etwa, was so auf mich zukommen w\u00fcrde. Beispiel Wohnungssuche: Die ist in Spanien erfahrungsgem\u00e4\u00df eher unkompliziert. F\u00fcr die ersten Tage konnte ich bei einer Freundin unterkommen und von dort aus flei\u00dfig Anzeigen im Internet durchst\u00f6bern, Mails schreiben und Anrufe t\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Ich hatte Gl\u00fcck und fand bereits nach drei Tagen die perfekte Wohnung: Altbau, vor einigen Jahren von Grund auf renoviert, mit eigenem Balkon zum Hinterhof und f\u00fcr 325\u20ac im Monat. Und das mitten im Eixample! Das ist das im 19. Jh. auf Schachbrettmuster errichtete Viertel, das zusammen mit der Altstadt das Zentrum Barcelonas bildet, und in dem u. a. die Sagrada Fam\u00edlia steht. Da sich auch der Sitz von TERMCAT in diesem Viertel befindet, hatte ich jeden Morgen nur einen etwa zehnmin\u00fctigen Fu\u00dfweg zur Arbeit und war allgemein relativ unabh\u00e4ngig vom \u00d6PNV (der aber sowieso gut und bezahlbar ist). Meine Mitbewohner waren ein Italiener, der in einer kleinen internationalen Handelsfirma arbeitete, ein Baske, der zur Arbeitssuche aus Bilbao gekommen war, und ein Katalane, der als Barkeeper arbeitete. Insgesamt etwas, was die Spanier als Witz-WG bezeichen: \u201eGehen ein Deutscher, ein Italiener, ein Katalane und ein Baske in die Bar\u2026\u201c Vorteil war, dass ich mit meinem katalanischen Mitbewohner auch au\u00dferhalb der Arbeit Katalanisch sprechen konnte, was meinen Sprachkenntnissen definitiv gutgetan hat.<\/p>\n<p>Doch nun zum eigentlichen Praktikum: Was zum Teufel ist TERMCAT? Es handelt sich um das Terminologiezentrum (<em>Centre de Terminologia<\/em>) der katalanischen Regionalregierung und ist damit beauftragt, die katalanische Fachsprache zu dokumentieren, zu normieren und zu verbreiten. Hauptt\u00e4tigkeitsfeld ist dabei die Erarbeitung von (oft mehrsprachigen) Fachw\u00f6rterb\u00fcchern und Glossaren sowie die Beratung und Unterst\u00fctzung von Beh\u00f6rden, Unternehmen und Einzelpersonen, die Fragen zum spezialisierten Fachwortschatz des Katalanischen haben. Das l\u00e4uft oft darauf hinaus, passende katalanische \u00c4quivalente f\u00fcr neu aufkommende englische W\u00f6rter zu finden. So hat man sich w\u00e4hrend meiner Zeit dort u. a. mit der Frage besch\u00e4ftigt, wie wohl ein katalanisches \u00c4quivalent des Wortes \u201eselfie\u201c am besten lauten und geschrieben werden sollte. Daneben verfassen und edieren die Mitarbeiter des TERMCAT auch terminologische Fachb\u00fccher, in denen die Arbeitsweisen des TERMCAT dargestellt und erl\u00e4utert werden. TERMCAT z\u00e4hlt damit zu den bedeutendsten Institutionen seiner Art und gilt als Vorbild f\u00fcr \u00e4hnliche Bem\u00fchungen in anderen L\u00e4ndern, diskriminierten Minderheitensprachen neue Verwendungsfelder zu er\u00f6ffnen, z. B. Verwaltung und Wissenschaft, indem man den daf\u00fcr n\u00f6tigen Fachwortschatz entwickelt.<\/p>\n<p>Meine Aufgabe bei TERMCAT war haupts\u00e4chlich die Mitarbeit bei der Erstellung mehrsprachiger W\u00f6rterb\u00fccher und Glossare, v. a. durch Ermittlung der englischen, franz\u00f6sischen, spanischen und deutschen \u00c4quivalente katalanischer Begriffe. Inhaltlich ging es dabei um die verschiedensten Themenfelder. Ich habe die meiste Zeit mit der Vorbereitung eines W\u00f6rterbuchs zur Terminologie von Wahlen (das rechtzeitig vor den Europawahlen im Mai 2014 ver\u00f6ffentlicht wurde) verbracht, war aber auch an der Erstellung eines Astrophysikglossars und eines W\u00f6rterbuchs zur Corporate Social Responsibility beteiligt. Daneben habe ich an Beratungen mit externen Experten teilgenommen, in denen es darum ging, geeignete katalanische Begriffe in F\u00e4llen, in denen bisher kein oder kein einheitlicher Terminus existierte, zu finden. Hin und wieder habe ich auch englische \u00dcbersetzungen der oben erw\u00e4hnten terminologischen Fachliteratur korrigiert.<\/p>\n<p>Die Atmosph\u00e4re bei TERMCAT war sehr angenehm, alle waren freundlich und hilfsbereit und nach einer Weile f\u00fchlte ich mich fast wie ein ganz normaler Mitarbeiter. Die regul\u00e4re Arbeitszeit war Mo-Fr 9:00-14:00 Uhr, aber wenn ich z. B. einen Ausflug machen wollte, konnte ich mir einfach einen Tag freinehmen und daf\u00fcr an einem anderen Tag l\u00e4nger bleiben. Ich hatte meinen eigenen Schreibtisch mit PC, konnte sehr selbstst\u00e4ndig arbeiten und mir sogar aussuchen, an welchen Projekten ich mitarbeiten wollte. Neben mir gab es noch eine Handvoll weiterer Praktikanten, von denen die meisten \u00dcbersetzung studierten bzw. studiert hatten und sich auf die \u00dcbersetzung von Fachtexten spezialisieren wollten.<\/p>\n<p>In meiner Freizeit habe ich mir sehr viele Museen und Sehensw\u00fcrdigkeiten sowohl in Barcelona als auch im Umland angeschaut. Dazu geh\u00f6rten Ausfl\u00fcge mit dem Zug in die Provinzhauptst\u00e4dte Girona, Lleida und Tarragona, die als Hochburg der katalanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung bekannte Kleinstadt Vic und die als katalanisches \u201eNationalheiligtum\u201c bekannte Abtei Montserrat, die in einer atemberaubenden Berglandschaft liegt. Auch ein Wochenende in Zaragoza durfte nicht fehlen. Abends war ich oft in den Bars in der Altstadt, und ab Ende April konnte man sich am Strand sonnen und sogar baden, auch wenn es vielen w\u00e4rmeverw\u00f6hnten Katalanen daf\u00fcr noch zu kalt war.<\/p>\n<p>In ganz besonderer Erinnerung ist mir der 23. April geblieben, der Georgstag (<em>Sant Jordi<\/em>). An diesem Tag, der dem Schutzheiligen Kataloniens gewidmet ist, schenken sich seit dem sp\u00e4ten Mittelalter Liebespaare Rosen (daher auch als <em>Dia de la Rosa<\/em> bezeichnet). Seit den 20er-Jahren des 20. Jh. ist er zudem Tag des Buches (<em>Dia del Llibre<\/em>). Traditionell schenken die M\u00e4nner den Frauen Rosen, was diese mit dem Geschenk eines Buches erwidern (diese Konvention wird heute nat\u00fcrlich etwas lockerer gehandhabt). Der Tag ist zudem einer der zwei katalanischen Nationalfeiertage (<em>Festa Nacional de Catalunya<\/em>). Im Zentrum Barcelonas (und allen anderen St\u00e4dten Kataloniens) f\u00fcllen sich die Stra\u00dfen mit St\u00e4nden, an denen Rosen und\/oder B\u00fccher verkauft werden (weshalb der Tag f\u00fcr Floristen und Buchh\u00e4ndler so wichtig ist wie f\u00fcr andere Branchen Weihnachten). Auch Parteien, Vereine, Institutionen etc. sind mit Informationsst\u00e4nden pr\u00e4sent oder veranstalten einen Tag der offenen T\u00fcr. So kann man an diesem Tag auch umsonst und ohne Voranmeldung den Sitz der Regionalregierung (<em>Palau de la Generalitat<\/em>) und das Rathaus (<em>Ajuntament<\/em>) besichtigen (beide sehr sehenswert, da im Kern mittelalterlich). Es handelt sich also insgesamt um eine Art Mischung aus Valentinstag, Tag des Buches und katalanischem Nationalfeiertag, bei dem sich ganz Barcelona in einen Tumult aus Menschen, Rosen, B\u00fcchern und katalanischen Flaggen verwandelt. Wer zu dieser Zeit in Barcelona ist, sollte sich das auf keinen Fall entgehen lassen.<\/p>\n<p>Vielleicht noch ein paar Worte zur Sprache: Das katalanische Bildungssystem ist darauf ausgerichtet, dass die Sch\u00fcler im Moment ihres Abschlusses sowohl Spanisch als auch Katalanisch perfekt beherrschen; im Gro\u00dfen und Ganzen wird dieses Ziel auch erreicht. V. a. in den gro\u00dfen St\u00e4dten mit ihrer starken Einwanderung wird auch im Alltag viel Spanisch gesprochen, w\u00e4hrend es in vielen l\u00e4ndlichen Gebieten durch fast v\u00f6llige Abwesenheit gl\u00e4nzt. Doch auch Katalanen, die in einem praktisch ausschlie\u00dflich katalanischsprachigem Umfeld leben, sprechen ein passables Spanisch, wenn auch oft mit breitem Akzent. Man kommt mit Spanisch also sehr weit (um das Englische steht es dagegen nur unwesentlich besser als im Rest Spaniens). Allerdings w\u00fcrde ich jedem, der sich l\u00e4nger in Katalonien aufhalten will, unbedingt empfehlen, zumindest ein wenig Katalanisch zu lernen. Nicht nur ist es die \u00fcbliche Sprache f\u00fcr Schilder, Durchsagen etc., sondern man erh\u00e4lt auch einen ganz anderen Zugang zu dem Land und und seinen Bewohnern, von denen ca. ein Drittel Katalanisch als einzige Muttersprache spricht und die H\u00e4lfte es im Alltag bevorzugt verwendet. Nicht zuletzt gibt es kaum einen effektiveren Weg, zu zeigen, dass man wegen mehr gekommen ist als <em>sangr\u00eda<\/em> und <em>fiesta<\/em>. Und wirklich schwer ist die Sprache sowieso nicht.<\/p>\n<p>Fazit: Mein Praktikum habe ich insgesamt sehr genossen. Die Arbeit war interessant, die Kollegen nett, und ich hatte genug Zeit, das kulturelle, kulinarische und Freizeitangebot voll zu nutzen. Auch mein Katalanisch, v. a. was freies Sprechen und H\u00f6rverst\u00e4ndnis angeht, hat sich deutlich verbessert. Barcelona ist eine sch\u00f6ne und vielseitige Stadt, wie es sie so wohl nur selten auf der Welt gibt, und bei der n\u00e4chsten Gelegenheit komme ich auf jeden Fall wieder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Barcelona \u2013 das ist nicht nur Strand, Party und Gaud\u00ed, sondern auch neben Madrid das wichtigste wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Zentrum Spaniens. 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