{"id":10434,"date":"2018-05-04T11:23:42","date_gmt":"2018-05-04T09:23:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/?p=10434"},"modified":"2026-04-01T11:31:40","modified_gmt":"2026-04-01T09:31:40","slug":"mein-neuer-alltag-in-argentinien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.uni-muenster.de\/CareerService\/blog-erasmus\/mein-neuer-alltag-in-argentinien\/","title":{"rendered":"Mein neuer Alltag in Argentinien"},"content":{"rendered":"<p>Seit einigen Wochen bin ich nun in Argentinien. W\u00e4hrend ich zun\u00e4chst gl\u00fccklicherweise die Zeit hatte, das Land zu bereisen, habe ich mir inzwischen einen Alltag in Buenos Aires aufgebaut. Hier verbringe ich einige Wochen meines universit\u00e4ren Pflichtpraktikums bei der Menschenrechtsorganisation CELS.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das lateinamerikanische Land hat mich mit einer Wucht an neuen Eindr\u00fccken empfangen. W\u00e4hrend ich einen Gro\u00dfteil S\u00fcdamerikas und einige L\u00e4nder Mittelamerikas bereits als Reisende kennenlernen durfte, bin ich froh, nun auch Teil des allt\u00e4glichen Geschehens dieser anderen Welt zu sein.<\/p>\n<p>Eine erste Herausforderung f\u00fcr meine deutsche Denkweise bereitete mir die Wohnungssuche in Buenos Aires. In einer Millionenstadt ist es sicherlich nie einfach eine geeignete und vor allem auch arbeitsnahe, Unterkunft zu finden. Schwieriger wird dies noch, wenn man die Wohnungssuche einige Wochen oder gar zwei Monate vor dem gew\u00fcnschten Einzugsdatum beginnt. Die Uhren ticken hier einfach ein bisschen anders. So wurde ich immer wieder hingehalten und gar f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt, dass ich meine Suche so weit im Voraus plante, denn hier sucht man seine neue Unterkunft maximal eine Woche im Voraus (und das ist schon viel). Mit meinem Drang zur Vorausplanung hat sich dies nicht gedeckt. Letztlich wurde ich dann aber doch, wie alle Einheimischen auch, im letzten Moment f\u00fcndig. Eine tolle, gro\u00dfe Wohnung, welche ich mir mit meiner Vermieterin, zwei weiteren Studentinnen und einer Katze teile, darf ich nun die n\u00e4chsten Wochen mein Zuhause nennen. Und bis hierhin f\u00fchle ich mich pudelwohl.<\/p>\n<p>Dieses Wohlbefinden bezieht sich jedoch nicht immer auf alle Lebenslagen in meinem neugewonnen argentinischen Alltag. So manche Kuriosit\u00e4ten bereiten mir bis heute Kopfsch\u00fctteln und bringen meinen deutschen Sinn f\u00fcr Ordnung und P\u00fcnktlichkeit an seine Grenzen. Einige dieser Besonderheiten m\u00f6chte ich im Folgenden gerne ausf\u00fchren.<\/p>\n<p>Auf meinem t\u00e4glichen Weg zu und von der Arbeit bin ich dazu gezwungen, die Metro zu nutzen. Bis hierhin ist es erst einmal lobens- und nennenswert, dass Buenos Aires \u00fcber ein U-Bahn-System verf\u00fcgt und sich darunter auch die erste Linie S\u00fcdamerikas befindet. Jedoch ist dieses System leider nicht f\u00fcr den Andrang der hier ans\u00e4ssigen rund drei Millionen Menschen ausgelegt. Bei einer Fahrt mit der Bahn muss man sich auf viel K\u00f6rperkontakt und Gedr\u00e4nge einstellen. Und wenn man tats\u00e4chlich auch seinen Platz in einem Waggon finden m\u00f6chte, bleibt einem letztlich nichts anderes \u00fcbrig, als sich dem Geschehen anzupassen und die Ellbogen auszupacken. So viel Freundlichkeit die Argentinier einem sonst auch entgegenbringen und so oft sich die M\u00e4nner hier als Gentlemen beweisen, bei einer Fahrt mit der Metro ist all dies vergessen. So kam es auch schon \u00f6fters vor, dass ich Augenzeugin von verbalen als auch physischen Auseinandersetzungen wurde.<\/p>\n<p>Eine weitere allt\u00e4gliche Umgew\u00f6hnung ergibt sich f\u00fcr mich bei meinem w\u00f6chentlichen Besuch im Supermarkt. W\u00e4hrend das Angebot \u00e4u\u00dferst gro\u00df ist und man viele gew\u00f6hnliche Produkte erh\u00e4lt, bleibt einem bei den Preisen hier der Atem so manches Mal stehen. Ein kleines Brot kostet knapp 4 Euro, 1 Liter Limonade 1,50 Euro, eine kleine Portion K\u00e4se ist ebenfalls um ein Vielfaches unserer deutschen Preise teurer. Mir war die steigende Inflation Argentiniens bereits vor meiner Anreise bewusst und auch, dass ich mich auf hohe Preise einstellen muss, was ich hier jedoch erlebe, hat meine Vorstellungen \u00fcberstiegen. Nicht zuletzt wenn ich daran denke, dass ein durchschnittlicher Mensch in Argentinien umgerechnet rund 4 Euro in der Stunde verdient.<\/p>\n<p>Neben diesem \u201ePreisschock\u201c erwartet einen eine weitere Kuriosit\u00e4t im argentinischen Supermarkt. W\u00e4hrend wir es in Deutschland gewohnt sind mit der Kassiererin\/ dem Kassierer ein Rennen zu bestreiten, wer schneller ist \u2013 sie\/er beim Abscannen oder wir K\u00e4ufer\/innen beim Einpacken der Ware \u2013 l\u00e4uft die argentinische Uhr um einiges langsamer. Man verbringt gerne mal eine Stunde an der Kasse, weil sich die Kassiererinnen\/ der Kassierer nicht scheut auch bei einer langen Schlange zwischendurch ihr\/sein Handy zu benutzen, gem\u00fctlich ein Schw\u00e4tzchen zu halten oder einfach mal kurz ohne ein Wort zu sagen von ihrem\/seinen Arbeitsplatz verschwindet. Auch hier findet die sonst so verbreitete Freundlichkeit ihre Grenzen.<\/p>\n<p>All diese Gelassenheit spiegelt sich auch im argentinischen Nationalgetr\u00e4nk wieder \u2013 Mate. Es handelt sich hierbei um ein Aufgussgetr\u00e4nk, welches mit vielen verschiedenen getrockneten Kr\u00e4utern zubereitet wird und nie fehlen darf. Auch nicht bei einem Supermarktbesuch. Dies d\u00fcrfte wohl auch ein Erkl\u00e4rungsversuch darstellen, weshalb die Argentinier immer so ruhig und unber\u00fchrt bleiben, egal wie lange man in irgendeiner Schlange steht.<\/p>\n<p>Eine weitere witzige Kuriosit\u00e4t, die mich hier immer wieder des Neuen aufsucht, bezieht sich auf den Fu\u00dfball. Bis heute ist den Argentiniern nat\u00fcrlich das Weltmeisterschaftsfinale 2014 im Kopf geblieben. Es stellt f\u00fcr diese jedoch nat\u00fcrlich keine freudige Erinnerung dar (Deutschland hat Argentinien damals nach Verl\u00e4ngerung 1:0 besiegt). Wenn ich im Gespr\u00e4ch meine Nationalit\u00e4t preisgebe, bekomme ich dann in aller Regel dieselbe Antwort: \u201eWir k\u00f6nnen uns \u00fcber alles unterhalten, aber nicht \u00fcber Fu\u00dfball, sonst muss ich weinen!\u201c. So findet das Gespr\u00e4ch aber schnell einen humorvollen Einstieg und man kann Sympathien sammeln, wenn man ihnen versichert, dass es bereits in diesem Jahr ganz anders enden kann.<\/p>\n<p>Neben diesem Alltag, der sich gr\u00f6\u00dftenteils auf Buenos Aires bezieht, hatte ich die M\u00f6glichkeit, den S\u00fcden Argentiniens zu bereisen. Die Region Patagonien hat mich verzaubert. Man lernt unendliche Landschaften, Tiere, die es so nicht in Europa gibt und ein l\u00e4ndlich gepr\u00e4gtes Leben, kennen. Diese Region stellt f\u00fcr mich ein positives Kontrastprogramm zum hektischen Gro\u00dfstadtalltag dar. Um in Patagonien von einer Stadt\/ einem Ort zur\/m n\u00e4chsten zu reisen, ben\u00f6tigt man Stunden. Und auch wenn man sich in einer Stadt befindet, ist die Natur nie fern \u2013 man riecht sie, sp\u00fcrt sie und man hat in aller Regel auch die M\u00f6glichkeit, Berge zu sehen. Letztbenanntes fehlt mir in der Metropole Buenos Aires, in deren Gro\u00dfraum rund 15 Millionen Menschen leben, sehr &#8211; von Natur gibt es hier keine Spur, man hat hier nicht die M\u00f6glichkeit \u201emal eben\u201c f\u00fcr einen Spaziergang im Gr\u00fcnen das Haus zu verlassen.<\/p>\n<p>Im Gro\u00dfen und Ganzen lassen sich die benannten und die auch vielen weiteren Besonderheiten sicherlich als positive und interessante neue Eindr\u00fccke zusammenfassen. Letztlich f\u00fchlt man sich von den Argentiniern willkommen gehei\u00dfen. Sicherlich darf man trotz aller Freundlichkeit nicht jedem trauen und sollte auf der Stra\u00dfe immer ein Auge auf seine Umgebung werfen und vor allem die eigene Tasche fest in der Hand behalten. Denn letztlich befinde ich mich hier in einem Land, in dem das allt\u00e4gliche Leben eine (finanzielle) Herausforderung darstellt, in dem Armut und Drogen zum Alltag geh\u00f6ren und in dem eine politische und wirtschaftliche Unzufriedenheit den Alltag begleiten. All diese Probleme und vor allem auch die autorit\u00e4re Vergangenheit des Landes, lassen die Menschen jedoch stark erscheinen. Hier wird gesagt, was man denkt, die Leute treten selbstbewusst auf, gehen auf die Stra\u00dfen zum Protest und erheben ihre Stimmen. All dies best\u00e4rkt meine Bewunderung f\u00fcr diese Menschen und lassen auch mir Selbstbewusstsein zukommen und umso gl\u00fccklicher bin ich auch, Teil dieses \u201eProtests\u201c zu sein und f\u00fcr die bereits angesprochene Menschenrechtsorganisation CELS arbeiten zu d\u00fcrfen. \u00dcber meinen Arbeitsalltag beim <em>Centro de Estudios Legales y Sociales<\/em> werde ich dann in einem weiteren Beitrag ausf\u00fchrlich berichten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Wochen bin ich nun in Argentinien. W\u00e4hrend ich zun\u00e4chst gl\u00fccklicherweise die Zeit hatte, das Land zu bereisen, habe ich mir inzwischen einen Alltag in Buenos Aires aufgebaut. 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