"Ein führender arabischer Dichter, der lange fast unbekannt war"
Forscher um den Arabisten Thomas Bauer starten Langzeitprojekt zur digitalen Edition des literarischen Gesamtwerkes von Ibn Nubātah – „Blütezeit der arabischen Literatur entdeckt“

An der WWU startet diese Woche ein digitales Langzeitprojekt zur Edition des Gesamtwerks des zu seiner Zeit führenden arabischen Dichters Ibn Nubātah al-Miṣrī, der bis vor kurzem noch fast unbekannt war. „Er hat sich in unseren jüngsten Forschungen als bekanntester Dichter im Syrien und Ägypten der Mamlukenzeit (1250-1518) erwiesen, die lange als Epoche des Niedergangs galt, sich nun aber als literarische Blütezeit entpuppt hat“, erläutert der Arabist und Leibniz-Preisträger Prof. Dr. Thomas Bauer vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der WWU. Er leitet das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 5,9 Millionen Euro für zwölf Jahre finanzierte Langzeitvorhaben. Damit verknüpft sind Bauers Projekte am Exzellenzcluster zur Diskursvielfalt der Mamlukenzeit und zu schiitisch-sunnitischen Religionskonflikten im 12. Jahrhundert.

Dem Editionsprojekt, das am Freitag in Münster feierlich eröffnet wird, ging ein siebenjähriges Leibnizpreisprojekt zur lange vernachlässigten arabischen Literatur und Rhetorik von 1100-1800 (ALEA) voran. Die Epoche erwies sich als eine der großen Blütezeiten der arabischen Literatur. Das Forscherteam entdeckte eine nie dagewesene Vielfalt an literarischen Formen und Inhalten, die alle Bevölkerungsschichten trugen. Die bisherigen Forschungsergebnisse zu Ibn Nubātah widerlegen nach Bauer das gängige Bild von islamischen Kulturen, in denen Religion angeblich alle Lebensbereiche präge, besonders die Politik. Ob Ibn Nubātahs eher weltlicher Zugang zum Politischen eine Innovation der Mamlukenzeit darstellt oder schon für vorausgehende, religiös aufgeregtere Zeiten gilt, ist Leitfrage im aktuellen Projekt des Arabisten am Exzellenzcluster, das die Religionskonflikte im 12. Jahrhundert und damit die Vorgeschichte der Werke Ibn Nubātahs untersucht.

„Durch digitale Mittel dem Dichter über die Schulter schauen“

Der Dichter, der 1287 in Kairo geboren wurde, 1366 dort starb und den längsten Teil seiner Karriere in Damaskus verbrachte, verfasste neben gut 2.000 Gedichten 30 weitere Werke, die fast alle erhalten sind, aber nur zum Bruchteil in Editionen vorliegen, wie Bauer ausführt. „Wer den wahren Ibn Nubātah, und damit das Vorbild der auf ihn folgenden Literatengenerationen, kennenlernen will, ist bislang auf Handschriften angewiesen.“ Im Langfristprojekt könnten nun zuverlässige Editionen des gesamten erhaltenen Schaffens von Ibn Nubātah erarbeitet werden, die gerade mit der digitalen Version allen Interessierten zugänglich gemacht würden. Eine Herausforderung stellt Bauer zufolge nicht nur der Umfang des Gesamtwerkes dar, sondern auch die Tatsache, dass der Dichter seine Texte immer wieder umgearbeitet hat. Die vielen Autor-Varianten zu dokumentieren, sei komplex. Eine digitale Edition eigne sich da besonders, die Historie der Varianten leicht nachvollziehbar zu machen. „Sie bietet die einmalige Gelegenheit, einem Dichter des 14. Jahrhunderts bei der Arbeit über die Schulter zu schauen.“

Ibn Nubātahs Werk ist nach Bauer zum größten Teil rein säkular, auch seine Lobdichtung auf Herrscher. „Sein Herrscherratgeber in Prosa ist geradezu machiavellistisch.“ Wie die literarischen Vorgänger mit Religion und Politik umgingen, untersucht der Forscher in seinem Cluster-Projekt zu den schiitisch-sunnitischen Religionskonflikten im 12. Jahrhundert anhand der wichtigsten Herrschaftsdiskurse der Umbruchszeit von 1150-1200. In sogenannten Kanzleischreiben und im Herrscherlob untersucht Bauer, inwiefern darin Religionskritik gegen den Gegner eingesetzt wird oder mit Religion eigene Ansprüche propagiert werden. „Wie modifiziert der religiöse Konflikt das Herrschaftsbild und wie beeinflusst der politische Konflikt die Mobilisierung der Religion?“, fragt der Arabist.

Eröffnungsvortrag „Ein goldenes Zeitalter der Arabistik“

Das DFG-Langfristvorhaben trägt den Titel „Edition des Gesamtwerkes von Ibn Nubātah al-Miṣrī“ und wird am Freitag, 6. März 2020, um 18.00 Uhr im Institut für Arabistik und Islamwissenschaft der WWU eröffnet. Die Leiterin des Akademieprojekts „Bibliotheca Arabica. Neue Geschichte der arabischen Literatur“ in Leipzig, Prof. Dr. Verena Klemm, hält einen Vortrag mit dem Titel „Ein goldenes Zeitalter der Arabistik“.
Im Hintergrund der Forschungen steht, wie Bauer erläutert, „die dominante, ursprünglich westlich-kolonialistische, aber von arabischen Eliten rasch übernommene Vorstellung, einem frühen ‚Goldenen Zeitalter‘ im Islam sei eine lange Zeit der Stagnation und des Niedergangs gefolgt, bis im 19. Jahrhundert das islamische Dornröschen von den westlichen Kolonialmächten wachgeküsst wurde.“ Dieses Dekadenzkonzept sei nicht nur unzutreffend, sondern habe bis heute politisch manifeste Folgen in arabischen Ländern. „So macht etwa die Fixierung auf ein ‚Goldenes Zeitalter‘ eine Anknüpfung an die Geschichte problematisch und begünstigt ideologische Verzerrungen verschiedenster Art.“ Vor allem aber stünden diese Vorurteile der Rezeption ganzer literarischer Epochen im Wege, „in denen einige der faszinierendsten literarischen arabischen Texte verfasst wurden. Eine bessere Kenntnis der Literatur und Rhetorik dieser Zeit wird unser Verständnis der arabischen Literaturgeschichte sowie der islamischen Kulturgeschichte wesentlich verändern“, so Prof. Bauer. Er hatte 2013 den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der DFG für seine Forschungen zur arabischen Dichtung, zur Literatur der Mamluken- und Osmanenzeit erhalten. (vvm/maz)

Forschungskolloquium

Die ALEA-Gruppe trifft sich wöchentlich, jeden Mittwoch von 12 bis16 Uhr zu einem Forschungskolloquium.