Alles, was wir sind, sind Zellen
„Cells in Motion“ macht Zellbiologie und molekulare Bildgebung international sichtbar

Foto: Schober
Das war eine überwältigende Freude“, erinnert sich Prof. Lydia Sorokin an den entscheidenden Moment am Nachmittag des 15. Juni. Rektorin Prof. Ursula Nelles hatte soeben im Senatssaal der WWU verkündet, dass die Universität von nun an zwei statt ein Exzellenzcluster hat. Eine richtungsweisende Entscheidung: Mit de m Fördergeld – knapp 48 Millionen Euro sind für fünf Jahre beantragt – haben die mehr als 80 beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des neuen Clusters „Cells in Motion“ – kurz „CiM“ – nun die finanziellen Mittel, um in Münster ein weltweit sichtbares Forschungszentrum aufzubauen und zu etablieren.
Die Bereiche „Zellbiologie“ und „molekulare Bildgebung“ sind die tragenden Säulen des Clusters, der Forscher aus vielen Disziplinen vereint, darunter auch Wissenschaftler des münsterschen Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin. „Wir sind breiter aufgestellt als ähnliche, bereits existierende Projekte weltweit“, betont CiM-Sprecherin Lydia Sorokin. Die Biochemikerin weiß, dass Fachkollegen aus anderen Ländern die Entscheidung des Bewilligungsausschusses in Deutschland aufmerksam verfolgt haben. Unter den Hunderten von Glückwünschen, die sie in den Tagen nach dem „Go“ aus Bonn erhalten hat, waren auch solche aus den USA und aus ihrer Heimat Australien. „Wir überwinden die Barriere zwischen den Fächern. Wir sind der einzige Forscherverbund, der das Thema Zellbewegung von der einzelnen Zelle bis zum gesamten Organismus, von der Grundlagenforschung zur klinischen Anwendung bearbeitet“, unterstreicht sie.
Die Bedeutung des Cluster-Themas bringt Lydia Sorokin auf den Punkt: „Alles, was wir sind, sind Zellen.“ Die Zellen eines jeden Organismus sind in Bewegung, nicht nur während der Entwicklung des Embryos, wo jede Körperzelle ihren Platz im Gewebe finden muss, Organe gebildet werden und Nervenbahnen sich verknüpfen. Ein Beispiel für besonders aktive Zellen sind weiße Blutkörperchen, die sich auf der Jagd nach Krankheitserregern und Entzündungsherden durch den Körper bewegen. Auch innerhalb der Zellen ist Bewegung, beispielsweise durch Umformungen des Zellskelettes. „Diese Zellbewegungen sind wichtig, damit unser Körper funktionieren kann“, stellt die Cluster-Sprecherin klar. Ändern die Zellen ihr normales Verhalten, können Krankheiten wie Herzinfarkt, Krebs oder Alzheimer entstehen.
Damit die Wissenschaftler das Verhalten von Zellen verstehen können, müssen sie es mit bildgebenden Verfahren sichtbar machen. Zu dieser Technologie zählen klassische Methoden wie Ultraschall und Röntgen, aber auch moderne Verfahren wie die Positronenemissions-Tomografie. Die Entwicklung und Anwendung moderner bildgebender Verfahren ist für CiM von zentraler Bedeutung – und nur mit umfassender Expertise zu bewältigen.
Warum die Interdisziplinarität der Trumpf des Clusters ist, beschreibt Lydia Sorokin so: „Unsere Forscher bilden eine Kette.“ Die Biologen und Mediziner müssen zum Beispiel genau bestimmen, welche Zellen und Fragestellungen untersucht werden sollen. Die Biochemiker legen die Moleküle fest, mit deren Hilfe die Zellen sichtbar gemacht werden können. Die Chemiker und Pharmazeuten können die passenden Sonden produzieren – also Markierungen, mit deren Hilfe die Forscher die Zellen beobachten können, ohne deren Verhalten zu stören. Physiker bringen ihr Wissen ein, um die Zellen mikroskopisch sichtbar zu machen und einzelne Zellen gezielt festzuhalten oder zu manipulieren. Mathematiker und Informatiker machen es erst möglich, aus den vielen Daten, die durch die bildgebenden Verfahren gesammelt werden, die wichtigen Informationen herauszufiltern und die Bilder zu erzeugen, mit denen Mediziner und Biologen arbeiten können.

Foto: Wolf
Das Konzept des Clusters beruht auf dem Antrag "Zelldynamik und Erkrankung", der in der vorherigen Runde der Exzellenzinitiative zwar fachlich gut beurteilt worden war, aber 2007 dennoch nicht bewilligt wurde. Dieser Antrag war die Basis des Erfolgs von CiM. Dennoch: „Strukturell hat sich danach noch enorm viel getan“, betont Prof. Michael Schäfers, der gemeinsam mit Prof. Volker Gerke und Lydia Sorokin den Cluster koordiniert. „Für den neuen Antrag haben sich Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen gefunden und zusammengeschlossen, die vor zwei Jahren noch nichts voneinander wussten.“
In die Erweiterung und Verbesserung des Vorgängerkonzeptes hat das CiM-Team viel Arbeit investiert. „Die vergangenen Monate waren hart. Der Antrag kam zu unserer regulären Arbeit im Universitätsbetrieb dazu – das normale Leben geht ja weiter“, erklärt Lydia Sorokin, die auch sonntags arbeitet und für die 80-Stunden-Wochen während der Antragsvorbereitung keine Seltenheit waren. „Das war manchmal schwer durchzuhalten“, räumt sie ein. Den Wissenschaftlern ist es gelungen, die Projekte des Antrags zu definieren und bereits im Vorfeld zwei neue Professorenstellen auszuschreiben, um den Antrag auf noch solidere Füße zu stellen. Außerdem hat das Team bereits im vergangenen Jahr das „Cells in Motion Interfaculty Centre“ an der WWU eröffnet, das nun als „virtueller Überbau“ von CiM dient. Und nicht zuletzt: Durch die Sonderforschungsbereiche 656 Molekulare kardiovaskuläre Bildgebung und 629 Molekulare Zelldynamik ist das Forschungsfeld „Bildgebung“ an der Universität Münster bereits als ein Schwerpunktthema etabliert.
„Mit dem Geld aus der Exzellenzinitiative haben wir nun die Möglichkeit, das Forschungsumfeld in Münster strukturell weiter zu verbessern“, betont Lydia Sorokin. Dazu gehören acht neue Professoren- und vier neue Juniorprofessorenstellen, die in den kommenden Jahren eingerichtet werden. Sie sollen die Forschung stärken und dabei speziell die naturwissenschaftliche Forschung und die Praxis in der Klinik enger verzahnen. Medizinstudenten werden im Cluster erstmals die Möglichkeit haben, über den neuen Masterstudiengang „Experimental Medicine“ und ein daran anschließendes systematisch angelegtes Forschungsprogramm einen naturwissenschaftlichen Doktorgrad zu erlangen. Der Masterstudiengang soll es den Studierenden ermöglichen, bereits sehr früh Erfahrungen in der Forschung zu sammeln. „Er richtet sich an die Studierenden, die auch gut in Physik, Mathe oder Chemie sind“, erklärt die Cluster-Sprecherin. „Wir bilden so eine neue Generation von Medizinern aus, die eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und Klinik schlagen kann.“
Der Masterstudiengang und die Doktorandenausbildung sind einem „Careers in Motion Centre“ angegliedert. Unter diesem Überbau wird CiM die Karriere seiner Doktoranden und Jungwissenschaftler fördern. So sollen zum Beispiel junge Forscher Unterstützung erhalten – unter Gleichstellungsaspekten besonders auch Frauen. Um Familien die Berufstätigkeit zu erleichtern, sieht das CiM-Konzept eine eigene Kinderbetreuung für den Nachwuchs der Mitarbeiter vor. „Dabei hoffen wir, dass wir irgendwann auch ein eigenes Gebäude beziehen können“, betont Lydia Sorokin.
Die räumliche Nähe soll den wissenschaftlichen Austausch zwischen den beteiligten Arbeitsgruppen erleichtern. „Ich wünsche mir, dass wir eine eigene Cafeteria haben und die Kindergruppe direkt vor Ort untergebracht ist.“ Nicht nur das wissenschaftliche, sondern auch das soziale Miteinander soll so gefördert werden. Denn das ist wichtig, wie die Wissenschaftlerin, die hin und wieder in ihre Muttersprache Englisch fällt, betont: „We work as a team.“
Christina Heimken
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