Probelauf für den großen Ansturm

55 000 Bewerber: Hochbetrieb im „StudSek“

04.07.2012
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Platzte früher aus allen Nähten: der Briefkasten am Schloss, wo kurz vor Ablauf der Frist noch tausende schriftliche Bewerbungen eingingen. Heute bewerben sich die meisten potenziellen Studierenden im Netz.

Foto: Hanna Dieckmann

Kann ich Psychologie und islamische Theologie auf Zwei-Fach-Bachelor studieren?“ „Wie hoch ist der Numerus Clausus in Physik?“ „Bis wann muss ich meine Bewerbung einreichen?“ Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Studierendensekretariats brauchen starke Nerven und Geduld in diesen Tagen - das Ende der Bewerbungsfrist (15. Juli) naht, tausende potenzielle „Erstis“ löchern die Experten mit ihren Fragen. „Psychologie kann man bei uns nur als Einzelfach studieren, Sie müssen sich entscheiden“, erklärt Studienberaterin Dana Welsch am Telefon.

Mit geröteten Wangen und zitternden Händen legt Vanessa Burns ihren Antrag auf den Schreibtisch im Studierendensekretariat. Die 22-Jährige möchte eines ihrer Studienfächer und die Schulform wechseln und ist mindestens genauso aufgeregt wie bei ihrer Einschreibung vor zwei Jahren. „Ich kann mir mittlerweile nicht mehr vorstellen, Englisch zu unterrichten, das ist mir in der letzten Zeit klar geworden“, erklärt die Ibbenbürenerin. Sie muss erneut an einem Bewerbungsverfahren der WWU teilnehmen und hofft, dass ihr Notenschnitt reicht, um für das Fach Geschichte aufgenommen zu werden.

Die Bewerbung und Einschreibung an der Universität – für die einen eine Formalie, für die anderen ein aufregender Schritt in die berufliche Zukunft – hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Wo früher angehende Studierende Berge von Formularen ausfüllen mussten, klicken sie sich heute durch ein 19-Schritte-Interview auf der Homepage der jeweiligen Universität. Auch bei der Anzahl der Bewerbungen hat sich einiges getan: Während es vor zehn Jahren noch 4000 waren, sind es heute 55 000 Antragsteller pro Wintersemester.

Und der große Ansturm steht noch bevor. Mehrfachbewerbungen sind mittlerweile üblich, zum Wintersemester 2013/14 werden sich zudem doppelt so viele nordrhein-westfälische Abiturienten wie üblich bewerben. Der Konkurrenzdruck steigt.

Andreas Zirkel, Leiter des Studierendensekretariats, bearbeitet die sogenannten Sonderfälle unter den Bewerbern. Seit sechs Jahren leitet er das „StudSek“, im Ringen um die Studienplätze kennt er alle Tricks und Argumente. „Ein Bewerber argumentierte zum Beispiel, dass seine Eltern für ihn bereits eine Wohnung in Münster gekauft hätten“, erinnert er sich schmunzelnd. Eine Studentin erklärte, in einer anderen Stadt von einem Stalker verfolgt zu werden, und deshalb nach Münster wechseln zu wollen. „Man muss die Anliegen der Bewerber selbstverständlich ernst nehmen und jedes Mal rechtlich neu bewerten, ob es ein Einzel- oder ein Präzedenzfall ist.“ Ansonsten könne es passieren, dass sich „Schlupflöcher“ zum Beispiel bei Facebook und Twitter herumsprechen und einige Bewerber versuchen, sich einen Studienplatz zu erschummeln.

Der Andrang im Studierendensekretariat, das sich im Schloss, dem Hauptsitz der Universität, befindet, ist derzeit immens. Das „Bachelorbüro“ gleicht einem Taubenschlag. Studierende und potenzielle Bewerber geben sich die Klinke in die Hand. Zudem klingeln unablässig die Telefone. „Richtig, Sie müssen den blauen Button ‚Jetzt bewerben‘ anklicken“, erklärt Michael Verspohl in einem Beratungsgespräch am Telefon. „Dafür ist es leider schon zu spät, tut mir leid“, hört man aus einer anderen Ecke: „Sie hätten die Unterlagen bis zum 31. Mai bei uns einreichen müssen“, betont Marion Heines an einem anderen Apparat. „Ich habe die falsche Postleitzahl auf meinen Antrag geschrieben“, stammelt ein Bewerber, der gerade den Raum betreten hat. Doch Dana Welsch beruhigt ihn: „Das ist nicht so schlimm, solange der Name und die Adresse stimmen.“

Bei den meisten Beratungsgesprächen reiche es, zuzuhören und die Nachweise der Bewerber zu verifizieren. Doch auch das ist nicht immer einfach. „Ich hatte schon Zeugnisse aus der ehemaligen DDR. Wie ich damit umgehen muss, schaue ich hier nach“, erzählt Andreas Zirkel und zeigt auf ein dickes Buch, auf dem „Kultusminister-Konferenz-Beschluss Anerkennung“ steht. Das käme durchschnittlich aber nur einmal jährlich vor. Betrugsversuche gibt es in den Bewerbungsverfahren nicht selten. „Ein Bewerber hatte den Beglaubigungsstempel mit dem Füller selbst aufgemalt“, erinnert sich der Leiter des Studierendensekretariats. Bei der großen Konkurrenz untereinander habe auch schon der eine oder andere versucht, seine Abitur-Note eigenhändig zu verbessern.

In diesem Jahr gibt es zwei Neuerungen: Bewerber können bei einem Ablehnungsbescheid nun online mitteilen, ob sie weiterhin an einem Studienplatz an der WWU interessiert sind, um damit ins Nachrückverfahren aufgenommen zu werden. „Das war eine Idee von uns und wurde vom Ministerium erlaubt“, erklärt Andreas Zirkel. Neu ist auch die Benachrichtigungsform, mit der die Bewerber über ihre Einschreibung oder Ablehnung informiert werden. Per Online-Bescheid erfährt der Kandidat, ob die Universität ihn aufnimmt oder nicht. „Wir müssen 40000 Ablehnungsbescheide aussprechen, da ist der Frust groß“, meint Andreas Zirkel.

Man könnte meinen, durch die Einführung der Online-Bewerbung liefe alles automatisch, aber weit gefehlt: Eine Angestellte prüft die ausgedruckte Online-Bewerbung, scannt sie ein und heftet sie mit einer Nummer in einen Ordner. Beim letzten Schritt versendet das Computersystem automatisch eine Empfangsbestätigung per E-Mail. „Früher mussten wir beigelegte Antwort-Postkarten verschicken. Das war ein riesiger Aufwand, vor allem weil nicht auf jeder Karte eine Briefmarke klebte“, erinnert sich Marion Heines, Mitarbeiterin im Studierendensekretariat.

Mit jedem Tag nimmt die Hektik zu. „Wir haben hier im Moment viel Stress, aber unser Team funktioniert gut, und manchmal bringt der Chef sogar Eis vorbei“, erzählt die Studienberaterin und lacht. Die Mitarbeiter drücken aufs Tempo. Aus guten Gründen: Viele Anfragen sind dringend. E-Mails, so lautet die Vorgabe, sollten innerhalb von 24 Stunden bearbeitet werden. „Im vergangenen Jahr“, berichtet Marion Heines, „haben wir wochenlang täglich über zehn Stunden gearbeitet – das ist wie ein kleiner Marathon.“

Drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich um die sogenannten Härtefälle, die den größten zeitlichen Aufwand verursachen. Beispielsweise Bewerber ohne Abitur, Kandidaten für ein Zweitstudium oder Menschen mit schweren Erkrankungen. Pro Fach sind zwei Prozent der Plätze für derartige Sonderfälle reserviert. Besonders in den Fächern Psychologie und Betriebswirtschaftslehre, wo die Konkurrenz am stärksten ist, gibt es auch die meisten Anträge. „Es ist wirklich hart, manchen Kandidaten sagen zu müssen: Es tut mir leid, aber es gibt noch schlimmere Fälle als Ihren“, erzählt Denise Verkerk.

Noch wenige Monate, bis der große Ansturm einsetzt. Aber Andreas Zirkel und sein Team sind gewappnet. 2013 werden sich voraussichtlich bis zu 100 000 Jugendliche an der WWU bewerben. „Dieses Jahr ist ein Probelauf. Das Personal haben wir schon aufgestockt, damit nächstes Jahr alles glatt geht“, betont er.    

          
Kristin Woltering


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