Arbeiten in der grünen Oase

Was Manfred Voß auch nach 40 Jahren noch an seinem Gärtnerberuf fasziniert

04.07.2012
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Seltener Einsatz für Manfred Voß: Für klassische Gärtnertätigkeiten bleibt dem 59-Jährigen heute bei all seinen Organisationsaufgaben nur noch wenig Zeit.

Foto: Peter Grewer

Vorzeitiger Ruhestand? Altersteilzeit? „Wieso sollte ich denn so etwas machen?“, antwortet Manfred Voß auf die Frage nach seiner beruflichen Zukunft mit einer Gegenfrage. Vor einigen Wochen feierte der Gärtnermeister sein 40-jähriges Dienstjubiläum und ist kein bisschen müde von der Arbeit im Botanischen Garten der Universität Münster. Ganz im Gegenteil: „Ich liebe die Natur, und der Botanische Garten ist meine grüne Oase.“

Nur dreieinhalb Jahre seines Berufslebens verbrachte er nicht an der WWU. Mit 16 Jahren begann er eine Ausbildung zum Gärtner in einer münsterschen Privatgärtnerei. „Ich komme aus einer Gärtnerfamilie und habe mir nie vorstellen können, etwas anderes zu werden“, erinnert sich Manfred Voß, die kräftigen Hände tief in die dunkle Erde eines Beets gegraben. Nach Feierabend half er im elterlichen Gemüseanbaubetrieb, doch diesen einmal zu übernehmen, kam für ihn nicht infrage. „Ich habe mich schon damals mehr für Botanik interessiert.“ Da kam die Stelle im Botanischen Garten der Universität Münster nach der Ausbildung wie gerufen. „Eigentlich wollte ich gar nicht lange bleiben, es sollte ein Zwischenschritt sein“, sagt der Münsteraner und lässt den Blick über den Teich und die angrenzenden Beete schweifen. Er habe noch viel erleben und austesten wollen. 40 Jahre später pflegt er immer noch hingebungsvoll und „mit viel Fingerspitzengefühl“ die Pflanzen des Botanischen Gartens hinter dem Schloss und bereut keineswegs, es nicht irgendwo anders probiert zu haben.

An seinen ersten Arbeitstag erinnert sich Manfred Voß noch gut. „Während der Ausbildung habe ich mitunter vier Wochen lang nur Stiefmütterchen gepflanzt – richtige Fließbandarbeit. Im Botanischen Garten sollte ich an meinem ersten Tag Rasen aussäen und war noch zwei Stunden fertig“, erklärt er. Dann habe er die nächste, neue Aufgabe bekommen und schnell festgestellt, wie abwechslungsreich die Arbeit in einem kleinen Botanischen Garten ist. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat Manfred Voß alle Freilandgebiete durchlaufen, ist seit 1988 Gärtnermeister und für sechs Reviere zuständig. Sie sind sein zweites Zuhause.

„Gärtner ist man 24 Stunden am Tag. Schon auf dem Weg zur Arbeit beobachte ich das Wetter, überlege, welche Arbeiten getan werden können, was wir verschieben müssen oder wie ich die Auszubildenden am besten einsetze“, erklärt er. Das Wetter macht den Gärtnerberuf gleichsam schwierig und interessant. Entscheidungen müssen oft von jetzt auf gleich getroffen werden. „Zwar kann ich mir vornehmen, an einem Tag X Beete zu bepflanzen, aber wenn es dann zu trocken und sonnig ist, muss ich eben umdisponieren“, weiß der zweifache Vater. Er behält auch dann einen kühlen Kopf, wenn Pflanzenlaien über Hitzewellen, Schneechaos oder andere Wetterkapriolen klagen. „Das ist doch alles ganz normal und nichts Außergewöhnliches.“ Manfred Voß war während der Kältewelle im Winter 1985 im Botanischen Garten, ebenso als der Orkan Lothar 1999 wütete und im Jahrhundertsommer 2003, während des Schneechaos‘ im Münsterland 2005 und des Orkans Kyrill 2007. Sein Rezept: „Man muss die Ruhe bewahren, schnell reagieren und immer einen Plan B in der Tasche haben.“

Seine Leidenschaft für die Natur legt der 59-Jährige keineswegs an der Pforte des Botanischen Gartens ab, wenn er abends seinen Dienst beendet. „Unseren Familienurlaub verbringen wir gerne in den Alpen – die dortige Pflanzenwelt hat mich schon immer fasziniert.“ Auf langen Spaziergängen sammelt er, auch in seiner Freizeit, Wildsaatgut.  „Wir versuchen, möglichst viele Pflanzenarten im Garten zu zeigen“, betont er. Auf Touren durch die nähere Umgebung wie die Baumberge, aber auch Richtung Sauerland oder in den Teutoburger Wald sammeln die Gärtner Saatgut, das im Botanischen Garten getrocknet, bestimmt, katalogisiert und letztlich ausgesät wird.

Überhaupt sind die Arbeitsbereiche eines Gärtners im Botanischen Garten vielfältiger geworden. „Wir tauschen mit 450 anderen Gärten weltweit Pflanzensamen, da stecken wir mittlerweile doppelt so viel Zeit rein wie früher“, erklärt Manfred Voß. Hinzu kommt, dass auf die Datenverarbeitung deutlich mehr Wert gelegt wird – der aktuelle „Index Seminum“ des Botanischen Gartens umfasst über 1000 Individuen. Außerdem betreut der 59-Jährige Praktikanten, Auszubildende und Leute, die aufgrund von Wiedereingliederungsmaßnahmen im Botanischen Garten arbeiten. „Ich sehe schon nach kurzer Zeit, wer für den Beruf geeignet ist und wer nicht“, ist Manfred Voß überzeugt. Seine Erfahrung gibt ihm Recht: Manfred Voß hat in seiner Laufbahn über 100 Azubis erfolgreich durch die Ausbildung gebracht. „Darauf bin ich sehr stolz!“ Aber auch Studierende der WWU profitieren von seinem großen botanischen Wissen. Manfred Voß fährt regelmäßig mit angehenden Biologen ins Gelände, um Pflanzen zu bestimmen. „Mit einem Bein stehe ich immer in der Wissenschaft“, erklärt der weißhaarige Mann. Um immer auf dem neuesten Stand zu sein, bildet er sich auch in seiner Freizeit auf dem Gebiet der Botanik fort, denn für ihn gilt: „Stillstand ist Rückschritt!“

Wer mit so viel Herz und Hartnäckigkeit, wie er selbst betont, bei der Arbeit ist, der nimmt auch Überstunden und Wochenenddienste gerne in Kauf. Zum 200-jährigen Jubiläum im Jahr 2003 erneuerte das Team des Botanischen Gartens das komplette Pflanzensystem, einschließlich der Wege und Wasserleitungen – von der Planung bis zur Ausführung begleitete der Gärtnermeister die gewaltigen Veränderungen. „Das war ein Kraftakt, aber dass der Gärtnerberuf körperlich sehr anstrengend ist, wusste ich vorher“, betont Manfred Voß, der wie so viele seiner Zunft immer mal wieder mit Knie- und Rückenbeschwerden zu kämpfen hat. Kleinere Wehwehchen kuriert er aber am liebsten im Garten aus: „Die Arbeit an der frischen Luft heilt, wenn man nur einen kleinen Schnupfen hat. Gerade jetzt im Frühling, wenn sich der Garten täglich verändert, ist die Arbeit eine Art Jungbrunnen.“ Und solange der Körper mitspielt, sieht Manfred Voß keinen Grund, vor seinem 65. Geburtstag den Dienst im Botanischen Garten zu quittieren. „Meine 40 Berufsjahre sind wie im Flug vergangen. Was sind da noch fünf Jahre, solange es Spaß macht?“    

   
Hanna Dieckmann


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