Mit Fingerspitzengefühl

Präparatoren-Azubis lernen alles über Gesteinsbearbeitung
von Hanna Dieckmann

März 2010
Sätze wie: „Die stopfen doch tote Tiere aus oder schnibbeln an Leichen rum“, haben Verena Scheipers, Naeem Ali und Nils Prawitz schon oft gehört. Die drei jungen Leute werden zu geologisch-paläontologischen Präparatoren ausgebildet und kennen die gängigen Vorurteile, Unkenntnisse und Missverständnisse in Bezug auf ihre außergewöhnliche Tätigkeit. Mit der Aufbereitung von toten Tieren oder dem Herstellen anatomischer Präparate haben die drei allerdings herzlich wenig zu tun. Tatsächlich lernen die Azubis im Geologisch-Paläontologischen Institut innerhalb ihrer dreijährigen Ausbildungszeit von Ausbildungsleiter Gerd Schreiber die Standardmethoden der Gesteinsbearbeitung für wissenschaftliche Untersuchungen und zur Exposition in Museen.  

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Präparatoren-Azubis: Naeem Ali, Nils Prawitz und Verena Scheipers.
Fotos: hd

Ein „Kunde“ der Präparatoren ist das Geologisch-Paläontologischen Museum, das die Werkstatt mit Gestein beliefert, aus dem für Ausstellungen Fossile isoliert werden sollen. „Das klappt natürlich am Anfang der Ausbildung noch nicht so reibungslos,“ weiß Gerd Schreiber aus eigener Erfahrung. Deshalb hat die Präparatoren-Ausbildung für die drei Azubis, die in unterschiedlichen Ausbildungsjahren sind, ähnlich begonnen. Genau zuschauen, wie der Ausbildungsleiter die Gesteine bearbeitet und Handlungs- und Bewegungsabläufe exakt einprägen. Bis die Auszubildenden ihr erstes, alleine fertiggestelltes Präparat in den Händen halten, kann eine ganze Weile vergehen.

Denn die Arbeit eines Präparators wird bestimmt durch zahlreiche mechanische Arbeitsschritte, die immer komplexer und diffiziler werden. Am Anfang stehen die großen, fast beängstigend massiven und ohrenbetäubenden Sägen, mit denen das Ausgangsmaterial, die großen Gesteinsbrocken, auf eine für die Weiterverarbeitung handlichere Größe gebracht wird. „Man hat schon etwas Angst, sich zu verletzen“, gibt Verena Scheipers offen zu. Ohne Grund, weiß Gerd Schreiber, denn die Sägen in der Präparatoren-Werkstatt zerlegen nur harte Materialien, wie Steine. Das mit Diamanten besetzte Blatt mit der Hand zu berühren sei dagegen völlig ungefährlich. Auf die Grobbearbeitung des Gesteins folgen die An- und Dünnschliffe, die zumeist für das geologische Institut angefertigt werden.  

Dabei bearbeiten die Präparatoren das Gestein mit speziellen Schleifmaschinen, bis es, aufgeklebt auf einen Objektträger, nur noch eine Dicke von einem Vierzigstel Millimeter aufweist. Diese Dicke, ein Haar wäre in etwa zehnmal dicker, erlaubt es den Wissenschaftlern, unter dem Mikroskop die Mineralien des Gesteins zu bestimmen. „Am meisten Respekt habe ich vor den Schleifmaschinen, wenn man dort nicht richtig aufpasst, oder mit der Maschine zu viel Druck auf den Objektträger ausübt, fliegt einem das Glas um die Ohren“, erläutert Nils Prawitz, der in seinem dritten Ausbildungsjahr kurz vor seinem Abschluss steht, die Schwierigkeiten des Dünnschliffs.  

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Viel Fingerspitzengefühl erfordert die Arbeit mit den Gesteinen. Es hat eine Weile gedauert, bis Naeem Ali, Nils Prawitz und Verena Scheipers (von links) den Umgang mit den Geräten gelernt haben.

Für das Geologisch-Paläontologische Museum müssen die Auszubildenden andere Fertigkeiten erlernen, „weil die Zielsetzung anders ist“, erläutert Gerd Schreiber. Die Museen wollen in ihren Ausstellungen ausgestorbene und in Stein natürlich konservierten Tiere und Pflanzen für die Besucher so gut und präzise wie möglich sichtbar machen. Mit Druckluftstichel und Sandstrahlgerät lernen Nils Prawitz, Naeem Ali und Verena Scheipers die Steine zu bearbeiten. „Der Trick ist, dass der Stein um das Fossil herum abplatzen muss und das erfordert viel Fingerspitzengefühl“, erklärt Gerd Schreiber. Denn der Stein, in dem das Fossil lagert, darf mit der Maschine nicht berührt werden, geschieht dies aus Versehen, ist das Präparat zerstört und unbrauchbar. „Für diese Arbeit braucht man eine genaue Kenntnisse vom Bauplan der ausgestorbenen Pflanzen und Tiere, aber auch eine gute Vorstellungskraft von ihrer Lage im Gestein“, beschreibt Gerd Schreiber die Voraussetzungen für erfolgreiches Präparieren.  

Weitere Methoden des Präparierens werden mit Säuren, Laugen und anderen Chemikalien durchgeführt. Zudem sollen die angehenden Präparatoren auch Modelle der ausgestorbenen Organismen bauen können. Hier ist vor allem auch die künstlerische Ader der Azubis gefragt, da die Herstellung von Formen und die Einfärbung von Abgüssen wesentliche Elemente der öffentlichen Sichtbarkeit präparatorischen Handelns sind. Gestaltung und Dekoration von Ausstellungsvitrinen des Geomuseums gehören mit zum Ausbildungsprogramm.  
Das theoretische Fachwissen erlernen Verena Scheipers, Naeem Ali und Nils Prawitz am Geologisch-Paläontologischen Institut. Dort besuchen sie pro Semester verpflichtend eine Vorlesung und die dazugehörige Übung,  zum Beispiel: „Die Erde“ und „Einführung in die Paläontologie“. Bei Interesse dürfen die Auszubildenden aber so viele Vorlesungen belegen, wie sie wollen. „Die Zeit reicht aber meistens nicht aus“, erklären alle drei einstimmig. Der Arbeitsalltag sei lang und anstrengend genug.  

Dass es wenige geologisch-paläontologische Präparatoren gibt, ist aufgrund des außergewöhnlichen Arbeitsfeldes logisch. Die Aussichten auf einen Job sind dadurch für die drei Azubis der Uni Münster trotzdem nicht gerade rosig. „Die Auszubildenden müssen sich vorher im Klaren darüber sein, dass sie in Münster keine Stelle finden werden“, bedauert Gerd Schreiber. Da die WWU jedoch für die gute Qualifikation ihrer Absolventen bekannt ist, ist sich der Ausbildungsleiter sicher, dass seine Schützlinge „mit etwas Geduld“ in der Branche unterkommen werden. Bei bundesweit fünf freien Stellen pro Jahr müssen die Absolventen äußert flexibel sein oder sich entschließen, freiberuflich zu arbeiten. „Ein Bekannter hat sich gerade selbständig gemacht, eine Goldgrube ist das aber nicht,“ berichtet Naeem Ali  schmunzelnd. Aber Geld ist wohl ohnehin nicht der Grund, warum er sich für diese Ausbildung entschieden hat.



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