Konzept „Münstersche Kinderrätselkrimis online“


Das Projekt „Münstersche Kinderrätselkrimis online“ ist ein Teilprojekt des Forschungsvorhabens „Faszinationsbasierte Förderung von Lese-, Schreib-, Medien- und Präsentationskompetenzen im Deutschunterricht der Primarstufe und Sekundarstufe I (FabaFö)“ von Prof. Jürgens.[1] Im Kontext von FabaFö wird der Frage nachgegangen, auf welche Weise sich die in den KMK-Bildungsstandards für das Fach Deutsch geforderten Kompetenzen aus den Kompetenzbereichen „Sprechen und Zuhören“, „Schreiben“, „Lesen - mit Texten und Medien umgehen“, „Sprache und Sprachgebrauch untersuchen“[2] durch eine Beschäftigung und Auseinandersetzung mit spezifischen, für Kinder und Jugendliche in besonderem Maße faszinierenden Gegenständen im Deutschunterricht der Primarstufe sowie der frühen Sekundarstufe I wirksam und sowohl den Schülerinnen und Schülern als auch den spezifischen Unterrichtsgegenständen angemessen fördern lassen.[3]

Für die Entwicklung und Realisierung eines auf Münster bezogenen Kinderrätselkrimiprojekts im dargestellten Kontext von FabaFö sprachen vorwiegend drei Gründe:

Erstens gehören Kinderkrimis zu den für Grundschülerinnen und Grundschüler faszinierendsten und bei ihnen beliebtesten Genres.[5] Zweitens hat die Universitätsstadt Münster als „Krimistadt“ eine lange und bundesweit bekannte Tradition.[6] In diesem Zusammenhang ist an den „Münster-Tatort“[7] mit dem „Ermittlerduo“[8] Boerne und Thiel,[9] an die ZDF-Spielfilmreihe um den Münsterschen „Privatdetektiv“ Wilsberg[10] und an die Werke des „münstersche[n] Krimi-Autor[s] Jürgen Kehrer“[11] zu denken. Hinzu kommen die vielgestaltigen Bemühungen diverser Münsterscher Institutionen um das Bedienen dieses Attraktionsmerkmals der „Domstadt“[12] durch Angebote wie „Münstersche Krimi-Tour“[13], „k3 Krimirallye“[14], „Krimidinner“[15], „Krimi-Quiz-Dinner“[16], „Tatort Dinner“[17], „Krimiführer“[18] und die Stadtführung „Krimistadt Münster: Wilsberg, Tatort und wahre Verbrechen“[19].[20] Drittens kann nicht übersehen werden, dass im Kontext „systematischer Leseförderung“[21] die Verwendung von Detektivsmetaphern[22], z.B. beim Lesestrategietraining „Wir werden Lesedetektive“[23], eine prominente, wenn auch nicht in ihrem ganzen didaktischen Potenzial ausgeschöpfte Stellung einnimmt.[24]

Vor diesem Hintergrund wurden im Kontext verschiedener Universitätsseminare unter der Leitung von Prof. Jürgens mit Grundschullehramtsstudierenden, die an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster das Fach Deutsch studieren, leseanimierende, kompetenzfördernde und interaktiv zu lösende Kinderrätselkrimis entwickelt und geschrieben. Diese Krimis spielen in Münster und können von Münstersche Grundschülerinnen und Grundschülern zuhause, im Unterricht, in der Stadtbücherei oder in der Nachmittagsbetreuung der Schulen zum Training zentraler deutschunterrichtlicher und fächerübergreifender (vor allem in den MINT-Fächern benötigter) Fähigkeiten und Fertigkeiten selbstständig gelesen und gelöst werden.

Die Hauptprotagonisten dieser Kinderrätselkrimis sind Münstersche Kinder [30], die eine Detektivbande bilden, bestehend aus zwei Mädchen, zwei Jungen, einem Hund und einem Äffchen sowie einem kleinen Detektiv X[31] mit speziellen Aufgaben bei der Falllösung.[32] Als dieser fünfte Detektiv X fungiert gleichsam das den Krimi lesende Grundschulkind, das durch die Erfüllung der ihm in dem Krimi interaktiv gestellten Aufgaben maßgeblich zur Lösung des Falls beiträgt und gleichzeitig zentrale deutschunterrichtliche Fähigkeiten und Fertigkeiten trainiert (z.B. offensichtlich oder auch nur beiläufig dargebotene Informationen aus fiktionalen und nonfiktionalen Texten ermitteln; verschiedene zu erlesende Informationen miteinander verknüpfen; Bild- und Textlesen kombinieren; eine Internetrecherche durchführen; sich auf einer Straßenkarte von Münster orientierten; ein codiertes Schriftsystem entschlüsseln; aktives Zuhören trainieren; verschiedene Textsorten und Textsortenfunktionen unterscheiden lernen;[33] „Perspektiven literarischer Figuren nachvollziehen“[34]; „lebendige Vorstellungen beim Lesen und Hören literarischer Texte entwickeln“[35] etc.).[36]

Die interaktiven Münstersche Kinderrätselkrimis werden online oder papierbasiert angeboten, machen aber im Lösungsverlauf auf jeden Fall multimediale Zugriffe für die lösenden Kinder notwendig (z.B. kurze Internetrecherche zur Geschichte eines Münsterschen Bauwerks; hypertextstrukturierte Auswahlmöglichkeiten bei Fragebeantwortungen; webbasiert dargebotene Audiomitschnitte von einem "Verhör" oder einer "Zeugenbefragung" etc.).

Letztlich geht es darum, den Kindern wirklich als fiktionale kriminalistische Verwicklungen erfahrbare Kriminalfälle zu bieten, die sie schrittweise und interdisziplinär lösen müssen und bei denen sie zugleich verschiedene, klar benennbare und überprüfbare Kompetenzen aus den KMK-Bildungsstandards[37] schulen, wiederholen und vertiefen.

[1] http://www.uni-muenster.de/Germanistik/Lehrende/juergens_h/forschungsvorhaben/ fabafoe.html (14. August 2013).
[2] Kultusministerkonferenz: Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Primarbereich (Jahrgangsstufe 4). München, Neuwied 2005, S. 7.
[3] http://www.uni-muenster.de/Germanistik/Lehrende/juergens_h/forschungsvorhaben/fabafoe.html (14. August 2013).
[4] Seit drei Semestern bereite ich dieses Teilprojekt vor. In einem Seminar im vergangenen Semester wurde bereits das Anfertigen von derartigen Kinderrätselkrimis mit Studierenden erfolgreich erprobt.
[5] Vgl. Karin Richter u. Monika Plath: Lesemotivation in der Grundschule. Empirische Befunde und Modelle für den Unterricht. Weinheim & München 2005, S. 66. Siehe auch: Andrea Hirn: Lektürepräferenzen XXS bis XL. Zielgruppengerechte Belletristik in der Kinder- und Jugendbücherei, in: Büchereiperspektiven 01/09, S. 27-29, hier S. 28 u. http://www.ph-ludwigsburg.de/uploads/media/Krinderkrimis_08.pdf (14. August 2013) sowie Werner Graf: Literarische Sozialisation, in: Klaus-Michael Bogdal u. Hermann Korte (Hgg.): Grundzüge der Literaturdidaktik, München 2002, S. 49-60, hier S. 52.
[6] http://www.muenster.de/stadt/tourismus/presse/html/krimi-stadt.html (14. August 2013).
[7] Ebd.
[8] http://www.muenster.de/stadt/tourismus/tipps_krimifans.html (14. August 2013).
[9] http://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/tatort/kommissare/die-kommissare-wer-ermittelt-wo-100.html (14. August 2013).
[10] http://wilsberg.zdf.de (14. August 2013).
[11] http://www.muenster.de/stadt/tourismus/presse/html/krimi-stadt.html (14. August 2013). Siehe auch: http://www.juergen-kehrer.de (14. August 2013).
[12] http://www.muenster.de/stadt/tourismus/presse/html/krimi-stadt.html (14. August 2013).
[13] http://www.stadt-lupe.de/stadtfuehrungen-in-muenster/muensteraner-krimitour (14. August 2013).
[14] http://www.stattreisen-muenster.de/unser-programm-2013/muenster-fuer-krimifans.html (14. August 2013).
[15] http://www.krimidinner.de/muenster.html (14. August 2013).
[16] http://www.krimiquizdinner.de/index.php (14. August 2013).
[17] http://www.tatort-dinner.de/home/spielorte/hotel-krautkraemer-muenster.html (14. August 2013).
[18] http://www.muenster.de/stadt/tourismus/pdf/krimifuehrer.pdf (14. August 2013).
[19] http://www.stattreisen-muenster.de/unser-programm-2013/muenster-fuer-krimifans.html (14. August 2013).
[20] http://www.muenster.de/stadt/tourismus/tipps_krimifans.html (14. August 2013).
[21] Cornelia Rosebrock u. Daniel Nix: Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Leseförderung, 2. korrigierte Aufl. Baltmannsweiler 2008, S. 9.
[22] Vgl. Andreas Gold : Lesen kann man lernen. Lesestrategien für das 5. und 6. Schuljahr, Göttingen 2007, S. 69. Siehe auch: Scott G. Paris, David R Cross u. Marjorie Y. Lipson: Informed Strategies for Learning: A program to improve children's reading awareness and comprehension, in: Journal of Educational Psychology, Vol 76(6), Dec 1984, 1239-1252 sowie Marcus Hasselhorn u. Joachim Körkel: Gezielte Förderung der Lernkompetenz am Beispiel der Textverarbeitung, in: Unterrichtswissenschaft 11 (1983), S. 370-382, Stephanie Schreblowski: Training von Lesekompetenz : die Bedeutung von Strategien, Metakognition und Motivation für die Textverarbeitung, Münster u.a. 2004 u. Andreas Gold, Judith Mokhlesgerami, Katja Rühl, Stepahnie Schreblowski u. Elmar Souvignier: Wir werden Textdetektive. Göttingen 2004.
[23] Katja Rühl u. Elmar Souvignier: Wir werden Lesedetektive. Lehrermanuel, Göttingen 2006.
[24] Die Forschungen zum Textverstehen (vgl. Jürgen Grzesik: Texte verstehen lernen. Neurobiologie und Psychologie der Entwicklung von Lesekompetenz durch den Erwerb von textverstehenden Operationen, Münster 2005 u. Rosebrock/Nix 2008, 59-73 u. Cordula Artelt u. a.: Förderung von Lesekompetenz. Expertise. Bonn, Berlin: Bundesministerium für Bildung und Forschung 2007, S. 37-38 u. Kaspar H. Spinner: Lesekompetenz in der Schule. in: Ulrich Schiefele, Cordula Artelt, Wolfgang Schneider, Petra Stanat (Hrsg.): Struktur, Entwicklung und Förderung von Lesekompetenz. Vertiefende Analysen im Rahmen von PISA 2000. Wiesbaden 2004, S. 125-138, insb. S. 131-133) haben gezeigt, wie wichtig der Einsatz von „Lesestrategien“ (Rosebrock/Nix 2008, 59-73) für einen kompetenten Umgang mit Texten im Sinne des „"literacy"-Konzeptes“ (Bettina Hurrelmann: Modelle und Merkmale der Lesekompetenz, in: Andrea Bertschi-Kaufmann (Hrsg.): Lesekompetenz - Leseleistung - Leseförderung. Grundlagen, Modelle und Materialien, Seelze 2005, S. 18-28, hier 21) ist. Zu den berühmtesten Lesestrategieförderverfahren gehört das „Lesestrategieprogramm "Wir werden Textdetektive" […] von der Arbeitsgruppe um Andreas Gold“ (Rosebrock/Nix 2008, 62). Dieses Programm operiert auf geschickte Weise mit der „Metapher vom Textdetektiv“ (Gold 2007, 69).
[25] Rosebrock/Nix 2008, 14-30.
[26] Das Münstersche Kinderrätselkrimi-Projekt ist an dem „Ziel“ ausgerichtet, „an der WWU eine professionsorientierte, qualitativ hochwertige Lehrerbildung zu sichern“, die im Rahmen der Reform der Lehramtsausbildung in Nordrhein-Westfalen „von einer konsequenten Orientierung“ der Lehramtsausbildung „am Berufsfeld Schule ausgeht“. Westfälische Wilhelms-Universität Münster: Ordnung des Zentrums für Lehrerbildung der Westfälischen Wilhelms-Universität von 18. April 2011, in: Westfälische Wilhelms-Universität Münster: Amtliche Bekanntmachungen, Nr. 08 (2011), S. 577-581, hier S. 577.
[27] Vgl. Günter Lange: Krimis für Kinder und Jugendliche, in: Günter Lange u.a. (Hgg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur, Baltmannsweiler 2000, S. 520-594, hier S. 532.
[28] Gabriele von Glasenapp u.a.: Zeit des Eintritts in die Mediengesellschaft. Bürgerliche Bildungstraditionen auf dem Prüfstand: Familienkulturen und familiale Lesekulturen um 1980, in: Bettina Hurrelmann, Becker, Irmgard Nickel-Bacon (Hgg.): Lesekindheiten. Familie und Lesesozialisation im historischen Wandel. Weinheim und München 2006, S. 292-389, hier S. 383. Siehe auch: Graf: 2002, S. 54 u. 57.
[29] Vgl. Lange 2000, 532.
[30] Diese in jedem Kinderrätselkrimi auftretenden Figuren bergen hohes Identifikationspotential für die lesenden Kinder. Sie sind im gleichen Alter (9 bis 12 Jahre), stammen aus verschiedenen Stadtteilen Münsters und bewegen sich für Münsteraner typisch mit dem Fahrrad vorwärts. Ein Kind ist dadurch besonders gekennzeichnet, dass es im Gegensatz zu den anderen nicht gerne Fahrrad fährt. Ein Kind heißt „Anette“. Dieses Kind, das in seiner Freizeit rappt, hegt eine heimliche Leidenschaft für die Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff.
[31] Die Kinder melden sich auf der Homepage mit ihrem Vornamen an. Die Webseite setzt dann diesen Namen automatisch an allen Textstellen ein, an denen der Platzhalter X steht, so dass die lesenden Kinder direkt und persönlich angesprochen werden. Vgl. zu diesem Verfahren: http://www.zauberlesen.de (14. August 2013).
[32] Vgl. zum Beispiel: Enid Blyton: Fünf Freunde und Du auf der Felseninsel, München u.a.1997, S. 5 sowie diverse andere Rätselkrimiformate.
[33] Vgl. KMK 2005, S. 11-12. Siehe auch: Rosebrock/Nix 2008, 59-89 u. 114-124.
[34] Spinner 2006, S. 9-10.
[35] KMK 2005, S. 11. Siehe zudem auch: Spinner 2006, S. 8.
[36] Der besondere Vorteil ist, dass die Kinder mit dem Rätselkrimi eigenständig und in ihrer Freizeit ein didaktisiertes Stück Literatur rezipieren, das sie gleichsam wie eine Lehrerin oder ein Lehrer an die Hand nimmt und ihnen ebenso fordernde wie fördernde Lese- und Kombinationsaufgaben stellt, wodurch auf spielerische Weise die in den KMK-Bildungsstandards geforderten Kompetenzen trainiert werden.
[37] Dabei wäre zum Beispiel zu denken an: „Verfahren zur ersten Orientierung über einen Text nutzen“; „gezielt einzelne Informationen suchen“; „Texte genau lesen“; „bei Verständnisschwierigkeiten Verstehenshilfen anwenden: nachfragen, Wörter nachschlagen, Text zerlegen“; „Texte mit eigenen Worten wiedergeben“; „zentrale Aussagen eines Textes erfassen und wiedergeben“; „Aussagen mit Textstellen belegen“; „eigene Gedanken zu Texten entwickeln“; „bei der Beschäftigung mit literarischen Texten Sensibilität und Verständnis für Gedanken und Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen zeigen“. KMK 2005, S. 12.

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