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Münster (upm/sb)

Mit Tränen der Freude über die Alpen

Transalp - eine Exkursion des Instituts für Sportwissenschaft
Start am Genfer See© Markus Jürgens
Fotos

Allein die Zahlen dieser Radtour lassen die sportliche Herausforderung erahnen: 600 Kilometer lang, 10.000 Höhenmeter, sieben Alpenpässe zwischen zehn und 34 Kilometern, vier davon in der höchsten Kategorie bei der Tour de France. Mehrere Sportstudierende unter Leitung von Dr. Marcel Reinold, Markus Jürgens, Jan Oshadnik und Jan-Philipp Müller haben die Strapazen auf sich genommen, als sie sich mit dem Rennrad auf den Weg von Genf nach Nizza machten - eine Exkursion des Instituts für Sportwissenschaft mit dem Titel „Transalp – mit dem Rennrad über die Alpen“. Studentin und Mitfahrerin Svenja Betz schildert ihre Erfahrungen und Erlebnisse.

Zur Vorbereitung intensives Training

Ohne eine gehörige Portion Motivation und Vorbereitung im Vorfeld lassen sich die Dächer der Tour de France nicht erobern. Daher begann unsere Vorbereitung bereits vier Monate vor der Tour. Nach dem ersten Vortreffen war uns allen klar: Der Sommer würde, ja musste, ein Rennradsommer werden, wenn diese Fahrt erfolgreich werden sollte. Unsere Dozenten vermittelten uns in zwei weiteren Vortreffen Wissenswertes zu Material, Radtraining, Fahrtechnik, Sicherheit und Erlebnispädagogik. Doch alle Theorie nützt nichts, wenn man nicht selbst die Kurbel tritt – wir trafen uns deshalb regelmäßig zu Ausfahrten.

Da fast alle das erste Mal auf einem Rennrad saßen, brauchte es einiges an Zeit, bis wir uns an das neue Sportgerät gewöhnt hatten. Gleichzeitig merkte jeder Woche für Woche die konditionellen und fahrtechnischen Fortschritte. Nach rund zwei Monaten fuhren wir auch längere Tagestouren mit mehr als 100 Kilometern im Teutoburger Wald.

Start am Genfer See

Trotz unserer guten Vorbereitung und der Vorfreude blieb bei den meisten doch ein Gefühl der Aufregung und Ungewissheit, als wir uns zum Start der Tour am Genfer See trafen. Die erste und von den Zahlen her mit Abstand einfachste Etappe sollte – laut unserer Dozenten – lediglich zum „Einrollen“, das heißt zum Aufwärmen, dienen. Am Zielort in Cluses angekommen, hatte jedoch kaum mehr jemand das Gefühl, lediglich „eingerollt“ zu sein – unser Respekt vor dem, was noch kommen sollte, wurde nicht gerade kleiner. Denn wir wussten, dass die Etappen von Tag zu Tag immer anspruchsvoller werden würden.
Wir hatten aber nicht damit gerechnet, dass wir unsere Leistungen mit den wachsenden Herausforderungen steigern würden. Die zweite Etappe von Cluses nach Albertville war mit zwei Pässen (Col de la Colombière und Col des Aravis) deutlich anspruchsvoller. Zum vorläufigen Gradmesser sollte die dritte Etappe von Albertville nach Saint-Jean-de-Maurienne werden. Mit dem Col de la Madeleine stand der erste Pass der höchsten Kategorie auf dem Programm: 27 Kilometer bergauf, 1600 Höhenmeter, geschätzte Dauer von zwei bis drei Stunden. Wer diesen Pass hochklettert, für den standen die Chancen gut, über genügend Ausdauer und Wille zu verfügen, um Nizza mit eigener Muskelkraft zu erreichen. 

Küchenteam kümmert sich auch um die Motivation

Oben auf den Pässen wartete immer ein Teil des fünfköpfigen Küchenteams. Ohne sie wäre diese Tour schlicht nicht möglich gewesen. Während der Etappen versorgten sie uns nicht nur mit Bananen, Riegeln und Wasser, sondern auch mit viel Begeisterung und Motivation. Des Weiteren kümmerten sie sich um den Transport der Zelte, kauften ein und zauberten jeden Abend auf den Campingplätzen ein wunderbares Essen für eine ausgehungerte Gruppe auf den Tisch.

Mythos der Radgeschichte

Auf der vierten Etappe stand das diesjährige Dach der Tour de France, der Col du Galibier, auf dem Programm. Dieser 2.645 Meter hohe Berg ist ein Mythos der Radsportgeschichte: ein Gigant der höchsten Kategorie, an dem jeder Fahrer die Tour gewinnen oder verlieren kann. Kein Zweifel, es war eine der härtesten Etappen. Das Prinzip bei solch sportlichen Unternehmungen ist jedoch bisweilen einfach: Je größer die Herausforderungen, desto größer auch die Freude, es geschafft zu haben. Und so kam es, dass ich auf dem Gipfel nicht nur ausgelassene Jubelstürme, sondern auch stille Tränen der Freude beobachtete. Die körperliche Anstrengung, gepaart mit der Ästhetik der Landschaft, die sich nur demjenigen erschließt, der die Strapazen des Weges hier hoch auf sich nimmt, waren überwältigend. „Das hier bedeutet mir mehr als mein Abitur“: Dieser Satz von einem meiner Kommilitonen klingt, vorsichtig formuliert, mutig - er, offenbart aber zumindest, wie viel Menschen an Selbstwirksamkeit, Sinn und Bedeutung aus einem solchen Grenzgang ziehen können.   

Die höchste Passstraße Europas

Am Ziel auf einem Campingplatz in der Nähe von Briançon angekommen, hatten wir uns einen Ruhetag redlich verdient. Schließlich standen noch zwei Etappen und drei Pässe auf dem Plan. Auf der fünften Etappe nach Jausiers überquerten wir den Col d’Izoard und den Col de Var. Am letzten Tourtag ging es hoch auf den Col de la Bonette. An seinem Fuße passierten wir ein Schild: „2802 d’altitude. Plus haute route d’Europe“. Wir befuhren also die höchste Passstraße Europas – genau das Richtige, um von dort über rund 90 Kilometer zum Mittelmeer hinunterzufahren. Dabei veränderte sich die Landschaft auf faszinierende Weise von einem kahlen Hochgebirge zu einer subtropischen Region mit Palmen, Meer und viel Wärme.

Sektempfang am Ziel

Am späten Nachmittag erreichten wir unseren Zielort Nizza. Am Ortschild empfing uns das Küchenteam mit Sekt. In jedem einzelnen Gesicht konnte man erkennen, wie die extreme Anstrengung allmählich einem überwältigenden Gefühl des Stolzes wich.
Was nehmen wir mit von dieser Transalp? Solch intensive Erlebnisse erschließen Neues im Leben – egal ob es nun die Liebe zum Radfahren, zur Natur oder zu anderen Facetten waren, die wir bei dieser Exkursion kennenlernen durften. Und vielleicht lehrte sie auch das, was man in der Erlebnispädagogik als Transfer bezeichnet: die Übertragung von spezifischen Fähigkeiten und Erkenntnissen auf andere Bereiche. Die Einsicht, dass ein tiefes Eintauchen in eine bestimmte Tätigkeit mit intensiven Erfahrungen belohnt wird, scheint mir jedenfalls auf viele Lebensbereiche übertragbar. Als angehende Lehrer nehmen wir in jedem Fall eine große Portion Faszination für sportliche Unternehmen mit. Und hoffentlich bleibt genau das so: Denn schließlich kann nur derjenige seine Schüler für Sport begeistern, der selbst davon fasziniert ist.