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Münster (upm/ja)

Orgelstunden als Mittel gegen Lampenfieber

Vor 30 Jahren ließ Joachim Dorfmüller nervöse Studierende zum ersten Mal in die Tasten greifen – ein Porträt
Der passionierte Organist Joachim Dorfmüller und sein Lieblingsinstrument.<address>© WWU/Peter Leßmann</address>
Der passionierte Organist Joachim Dorfmüller und sein Lieblingsinstrument.
© WWU/Peter Leßmann

Auslöser für die erste "Akademische Orgelstunde" war nicht etwa ein bevorstehendes Konzert an der Universität Münster, für das Extra-Übungsstunden für Studierende nötig waren. Es war einfach nur Aufregung, erinnert sich Joachim Dorfmüller, einer ihrer Begründer, an das Jahr 1987: "Die Nervosität machte die meisten Musik-Studierenden regelmäßig fertig. Also musste Hilfe her." Dieser Gedanke, er selbst spricht von einer "Maßnahme gegen Lampenfieber", war die Geburtsstunde für eine besondere Lehrveranstaltung, die am 4. November ihren 30. Geburtstag feiert.

Bis heute versammelt der emeritierte Professor der Musikwissenschaft am Institut für Musikpädagogik im Semester regelmäßig Studierende zu seiner Orgelstunde in der Dominikanerkirche in der münsterschen Innenstadt: frühere Absolventen mit wenig und junge Nachwuchs-Musiker mit viel Aufregung vor dem öffentlichen Auftritt an der Orgel. "Die akademische Orgelstunde bietet aber auch anderen Sängern und Musikern der Universität eine Bühne – ob mit Geige oder Flöte", erzählt der dynamische 78-Jährige.

Ohne dass es geplant war, ist der regelmäßige Treff mittwochs zur Mittagszeit in der früheren katholischen Universitätskirche in der Fußgängerzone zu einem beliebten 45-Minuten-Konzert geworden. "Einige Zuhörer kommen immer wieder. Im Durchschnitt sind es 40 Gäste, manchmal sogar 100 treue Anhänger", meint Joachim Dorfmüller.

Tasteninstrumente hatten es ihm schon früh angetan. Mit sechs Jahren lernte der in Wuppertal geborene Sohn eines Organisten und Privatmusiklehrers Klavier, keine zwei Jahre später schon die Orgel. Die übliche Reihenfolge? "Nicht unbedingt, aber zweifelsohne die beste", sagt der Musikpädagoge, "pianistische Übungen sind eine gute Grundlage für das Erlernen des Orgelspiels."

Zur Leidenschaft für die Musik gesellte sich die pädagogische Ader; Joachim Dorfmüller war vor seiner akademischen Karriere an der Universität als Lehrer am Gymnasium tätig. Immer wieder beobachtete er dabei, dass jungen Menschen – wenn es um Darbietungen vor einem größeren Publikum geht – ihr dünnes Nervenkostüm arg zu schaffen machte. "Manchen beben die Hände", erinnert er sich.

Joachim Dorfmüller: Noch hab‘ ich es in den Fingern.<address>© WWU/Peter Leßmann</address>
Joachim Dorfmüller: Noch hab‘ ich es in den Fingern.
© WWU/Peter Leßmann
Den Ausschlag zur Gründung der besonderen Übungsstunde gab vor 30 Jahren sein Bekannter Heribert Woestmann. Joachim Dorfmüller arbeitete seinerzeit bereits seit drei Jahren als Oberstudienrat am Institut für Musikpädagogik. Der Theologe und Akademische Direktor an der Katholisch-Theologischen Fakultät blickt zurück: "Mit den Lehrerbildungsreformen wollte man erreichen, dass sich die Wissenschaft nicht zu sehr von der Praxis entfernt. Da passte die Orgelstunde genau hinein." Bis heute ist der Freund bei einigen Orgelstunden als Lektor mit dabei.

Heribert Woestmann (75), der sich früher an der Universität Münster um die Lehrerausbildung kümmerte, brachte Joachim Dorfmüllers Idee und die ehemals im Hörsaal F 1 des Fürstenberghauses stehende Orgel (seit 1975 in der Dominikanerkirche) zusammen. Fortan nutzten Studierende die Möglichkeit, bei den öffentlichen Konzerten Praxiserfahrungen zu sammeln. "Gerade vor dem Examen brauchen Studenten das: Wer konzertiert, bekommt Sicherheit. Das klappt nicht, wenn man nur für sich allein übt", weiß Joachim Dorfmüller aus jahrzehntelanger Erfahrung. Als Pianist und Organist gab er schon mehr als 4000 Konzerte in der ganzen Welt.

Wenn der Musikpädagoge die Pfeifen mit dem typischen "Orgelwind" selbst zum Klingen bringt, blüht er auf. "Noch hab' ich es in den Fingern", schmunzelt er und lässt die Finger behände über die Tastaturen sausen, während seine Fußspitzen die Pedale drücken. An der Orgel spielt er am liebsten den Barockmusiker Johann Sebastian Bach, am Flügel eher Mozart, Mendelssohn Bartholdy und den norwegischen Komponisten Edvard Grieg.

Letzterem widmet Joachim Dorfmüller in seiner Funktion als Präsident der deutschen Edvard-Grieg-Gesellschaft seit 1993 das gleichnamige Festival. Die Norwegen-Verbindung bekam Anfang 2017 ihr Sahnehäubchen: Joachim Dorfmüller wurde "Ritter 1. Klasse" und nahm den norwegischen Orden in seiner Heimatstadt Wuppertal vom Berliner Botschafts-Gesandten entgegen.

Für den Organisten ist die Empore in der Dominikanerkirche über die vielen Jahre zu seinem Spieltisch geworden, denn die unter Denkmalschutz stehende Orgel ist enorm vielseitig und vieltönig. In dem Tasteninstrument sind neben den vertrauten sakralen Klängen auch Töne einer Posaune oder Trompete versteckt: "Mit den verschiedenen Orgelregistern lässt sich vieles imitieren. Den Ausschlag geben die einzelnen Register und die Zahl der gezogenen", erläutert Joachim Dorfmüller. Zieht man wenige dezente Register, klingt es sanft und erinnert an ein Kammermusikkonzert. Sind es viele, ist der ganze Raum erfasst.

Ende des Jahres wird die Dominikanerkirche profaniert, die kirchliche Nutzung wird damit beendet. Es folgt die Sanierung des Gebäudes, mit dem Ergebnis, dass die Akademische Orgelstunde zunächst nicht mehr dort stattfinden kann. "Wann und wo es einen Neustart geben wird, weiß ich noch nicht", betont Joachim Dorfmüller. Das vorläufige Ende der "Akademischen Orgelstunde" ist schon lange durchgeplant: Am Mittwoch, 8. November, laden die beiden Gründer der "wohl umfassendsten Konzertreihe der Universität Münster" zur vorerst letzten, 1309. Musikstunde in die Kirche in der Salzstraße ein. Ab 12.15 Uhr werden Werke unter anderem von Mozart, Bach und Mendelssohn Bartholdy sowie Lesungen aus Texten von bedeutenden münsterschen Theologen zu hören sein.

Autorin: Juliane Albrecht

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 6, Oktober/November 2017

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