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Münster (upm)

Spielen, staunen, lachen

35 Jahre Schnüffelspiele: Beim Hochschulsport gibt es jede Woche etwas Neues zu entdecken – eine Reportage
Bei den Schnüffelspielen probieren die Teilnehmer die unterschiedlichsten Sportarten aus. Hier testen Obmann Thomas Lilge (links), Johannes Diedenhofen (schwarzes T-Shirt) und Autor Thomas Austermann (hellgrünes T-Shirt) das dem Hockey ähnliche &quot;Speedball&quot;.<address>© WWU/Peter Grewer</address>
Bei den Schnüffelspielen probieren die Teilnehmer die unterschiedlichsten Sportarten aus. Hier testen Obmann Thomas Lilge (links), Johannes Diedenhofen (schwarzes T-Shirt) und Autor Thomas Austermann (hellgrünes T-Shirt) das dem Hockey ähnliche "Speedball".
© WWU/Peter Grewer

Welche Voraussetzungen gelten für dieses Angebot des Hochschulsports? Keine. So steht‘s geschrieben für alle, die sich für Schnüffelspiele interessieren. In der Ballsporthalle am Horstmarer Landweg tummelt sich eine bunte Truppe, wenn Obmann Thomas Lilge zur kurzen Begrüßung vortritt. Das Prozedere der folgenden zwei Sportstunden ist allen bekannt, auch wenn es nie festgelegt ist. Nur ich kenne mich nicht aus. Ich schnuppere als Gast mal rein in diesen Kurs. Und folge einer mir selbst auferlegten Voraussetzung: Neugier.

Wer sich diesem Schnüffeln widmet, ist nicht als unerwünschter Detektiv unterwegs, der seine Nase in anderer Leute Angelegenheiten hält. Auch wird hier keineswegs der Geruchssinn trainiert. Vor 35 Jahren wählte WWU-Student Johannes Diedenhofen als studentische Hilfskraft den ungewöhnlichen Namen für den neuen Kurs, den er als praktische Umsetzung seiner Examensarbeit zu den sogenannten "Kleinen Spielen" anbot. "Wir hätten das auch als Schnupperkurs bezeichnen können. Aber wir wollten von Anfang an etwas anderes", sagt der als Sonderpädagoge an einer LWL-Förderschule tätige Gründungsvater. "Ich habe mich damals intensiv mit der Erlebnispädagogik beschäftigt und vieles daraus in dieses Angebot einfließen lassen."

Ganz oben stand und steht seither ununterbrochen das gemeinsame Interesse an der vielfältigen Bewegung. Abseits der üblichen (Sport-)Normen. Johannes Diedenhofen formulierte es seinerzeit so: "Spielen, staunen, lachen – da wo unsere Sinne Sprünge machen." Ich springe motiviert los und bekomme eine kurze Einweisung nebst dem Speedball-Schläger, der einen Meter lang und dessen Ende mit Schaumstoff ummantelt ist. Zwei Teams rangeln um den kleinen Kunststoffball, der ins Tor gepfeffert werden soll. Niemand zählt mit, wie oft das gelingt. Fairness ist Trumpf. Man gönnt dem Gegner auch mal den Vorteil. Irgendwann stoppt Übungsleiterin Julia Hatting das Spiel und ruft zur Trinkpause.

Die Lehramtsstudentin gehört zum siebenköpfigen Leiterteam, das Obmann Thomas Lilge und der stellvertretende Obmann Jan Schrader zusammengestellt haben, um die 120 Teilnehmer – per Quote stehen jedem Geschlecht 50 Prozent der Plätze zu – in vier Kursen Woche für Woche auf Trab halten zu können. Der gebürtige Emsländer Lilge nahm als Student 1990 dieses Angebot wahr und wurde drei Jahre später Obmann. Die Obmannwahl findet jährlich statt. "Die wollen mich seitdem nicht loswerden", sagt der selbstständige Architekt. Er ist so etwas wie die Seele des Ganzen. Er achtet aufs Klima, gemeinsam mit Jan Schrader wählt er die passenden Leiter aus: "Deren Intention muss passen." Ohne Affinität zur Gruppe gehe es nicht. Ohne den Ehrgeiz, das Miteinander zu pflegen, auch nicht.

Thomas Lilge hat überprüft, an welchen deutschen Hochschulen ein vergleichbares Angebot zu finden ist. Und fand nur fünf an der Zahl. Wer in Münster mitmacht, darf sich als "Schnüffler" bezeichnen. Wer ausscheidet, wird "Alt-Schnüffler". 1999 organisierte Thomas Lilge ein erstes Wiedersehen und begrüßte 90 Ehemalige. "Der Kontakt untereinander ist so gut, dass ich Studierende von einst auch dazu bewegen kann, den aktuellen Kursteilnehmern zu helfen", hat er Praktika oder juristischen Rat vermittelt.

Faktisch ist dieser Kurs abseits der Massenabfertigung viel mehr als nur Sport ohne verbissenen Ehrgeiz. Hochschulsportleiter Jörg Verhoeven weiß das zu schätzen. "Unsere Schnüffelspiele zeigen sehr vorbildlich die pädagogischen Potenziale des Breitensports, denn hier ist jeder willkommen, völlig unabhängig von seinem Leistungsvermögen. Auch viele internationale Studierende fühlen sich schnell wohl. Der Fairplay-Gedanke wird gelebt, das soziale Miteinander gepflegt. Dadurch entsteht ein besonderer Zusammenhalt, der diese Gruppe seit 35 Jahren trägt", sagt er.

"Unsere vielen Events gehören unbedingt dazu", erzählt Julia Hatting von Kabinengesprächen und Kneipenabenden, vom gemeinsamen Kochen und Kanufahrten. "Hier treffen sich die unterschiedlichsten Menschen. Das ist ja das Schöne, dass man sich über alles Mögliche austauscht." Denn die Teilnehmer haben eines im Sinn: das Miteinander, stressfrei und in guter Laune dank eines enorm abwechslungsreichen Angebots. Diverse Ballsportarten in interessanten Abwandlungen gibt es im 80 Spiele starken Repertoire der Schnüffelspiele, ebenso aus der Phantasie geschöpfte Angebote und ausgedachte Kreationen. Seit 2016 bietet Thomas Lilge im Sommersemester einen Outdoor-Kurs an und nutzt die Uni-Sportplätze.

"Ich gehe auch zur Powerfitness, aber echten Teamsport und tolle Interaktion erlebe ich in dieser Gruppe", wertet Lisa Pallaks, die in diesem Jahr dazu stieß. Steffi Prange und ihr Freund Jonas Kochinke sind schon seit dreieinhalb Jahren dabei. "Wir haben ein Angebot gesucht, das wir gemeinsam wahrnehmen können, um Sport auf einem Level betreiben zu können. Hier hatten wir sofort schöne Gespräche und fühlten uns direkt aufgenommen", urteilt Steffi Prange – und macht sich auf in den Hallentrakt, in dem Zitronenball gespielt wird.

Autor: Thomas Austermann

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 5, Juli/August 2017.

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