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Münster (upm/jp)

Sprengstoffexperten auf vier Beinen

Das Institut für Anorganische und Analytische Chemie hilft beim Training von Spürhunden der Polizei
Schnüffel-Training im Chemielabor: Für die Suchhunde sind die fremdartigen Gerüche eine besondere Herausforderung.<address>© WWU/Peter Grewer</address>
Schnüffel-Training im Chemielabor: Für die Suchhunde sind die fremdartigen Gerüche eine besondere Herausforderung.
© WWU/Peter Grewer

Mit ihren Pfoten kratzt Jodi auf dem Fliesenboden, die feuchte Schnauze schnüffelt. Nach einer Minute der erste Treffer: Die Hündin fiept und setzt sich, Trainer Vincent öffnet vorsichtig die Tür eines Laborschranks. Zwischen Erlenmeyerkolben, Eimern und Chemikalien hat Jodi ein gefährliches Gut entdeckt: Triacetontriperoxid, kurz TATP.

Der Sprengstoff sorgte in den vergangenen Jahren für traurige Schlagzeilen: Terroristen verwendeten das Gemisch für die Anschläge in Paris und in Brüssel, Ermittler fanden es im Oktober beim Anti-Terror-Einsatz in Halle. TATP ist hochexplosiv. "Kleine Erschütterungen, Reibung durch das Öffnen eines Gefäßes oder der Schweredruck der Substanz auf darunterliegende Kristalle können zur Detonation führen", erläutert Chemiker Dr. Martin Vogel von der Universität Münster. Auf der schnellen Suche nach der Substanz versagen herkömmliche Detektoren oftmals, nur speziell ausgebildete Hunde nehmen die Fährte rasch auf.

Glücklicherweise handelt es sich an diesem Morgen nur um eine Übung. Die Proben, mit TATP bedampfte Metallröhrchen, sind ungefährlich. Darum kümmern sich die münsterschen Chemiker aus dem Institut für Anorganische und Analytische Chemie. Seit fast 15 Jahren kooperieren Prof. Uwe Karst und Martin Vogel bei der Ausbildung von Sprengstoffhunden mit der niederländischen Polizei – eine Zusammenarbeit, die während der Zeit der Wissenschaftler an der Universität Twente in Enschede ihren Anfang nahm. Daraus wurde eine langfristige Kooperation: Etwa ein- bis zweimal jährlich kommen niederländische Polizisten ins Institut, um ihre Vierbeiner für die Sprengstoffsuche zu trainieren.

150 Suchhunde bildet die niederländische Polizei am Stützpunkt Nunspeet aus, darunter auch solche, die Drogen, Leichen oder Brandbeschleuniger erschnüffeln. Als Sprengstoffhunde setzen die Experten vor allem Malinois-Schäferhunde und verwandte Arten des Belgischen Schäferhunds ein. Sie gelten als besonders folgsam und aufmerksam, sind neugierig und haben eine feine Nase. Außerdem sind sie sehr schlank und wendig – "ideal für die Suche in Bussen oder engen Frachträumen", erklärt Verhaltensbiologin Adee Schoon, die die Übung und die Ausbildung wissenschaftlich begleitet.

Jodi ist zwar Eigentum der niederländischen Polizei, lebt aber wie ein normales Haustier bei Vincent. Der freundliche Polizist, der seinen vollen Namen aus Sicherheitsgründen nicht nennen möchte, hat seinen Job bei der Hundestaffel aus Liebe zu den Vierbeinern gewählt. Seit 20 Jahren arbeitet er mit ihnen. Das Ursprüngliche, Instinkthafte der Tiere fasziniert ihn. "Obwohl wir umgeben sind von Hightech, müssen uns Hunde bei der Sprengstoffsuche helfen!"

Im Labor hat Hündin Jodi mittlerweile die dritte Probe entdeckt. Jeder Polizist im Raum trägt eine Art Grillzange, mit der die bedampften Metallröhrchen in die Schränke gelegt werden – "damit die Hunde auf den Sprengstoff und nicht den Geruch unserer Mitarbeiter reagieren", so die Verhaltensbiologin. Um Jodi nicht zu beeinflussen, kennt Vincent die Sprengstoffverstecke nicht. In einigen Schränken hat das Team außerdem Teebeutel und Aceton deponiert, um die Geruchssicherheit der Tiere zu testen. Bei jedem Treffer ertönt ein Klackern, das Signal für die Hündin, dass sie alles richtig gemacht hat. Dann darf Jodi ein paar Sekunden auf einem Spielzeug herumkauen.

Die Zutaten für TATP sind zwar in jedem Drogeriemarkt erhältlich, die Herstellung ist jedoch sehr gefährlich und birgt ein hohes Risiko, dass bereits hierbei etwas schief geht. Die Synthese sollte daher niemals außerhalb von Forschungslabors gewagt werden.

Für Kevin Eckey, Doktorand am Institut für Anorganische und Analytische Chemie, sind die Arbeitsschritte dagegen Routine. Angst? "Nein", sagt er. In einem Kolben unter dem Abzug und ausgestattet mit der erforderlichen persönlichen Schutzausrüstung produziert er so kleine Mengen, dass selbst bei einer Explosion nichts passieren kann. Robuste Spezialhandschuhe, Schutzbrille, ein Sicherheitsschirm und eine Schutzabdeckung schützen ihn im schlimmsten Fall vor umherfliegenden Glasscherben. Über Nacht werden kleine Metallstäbe in einem Einmachglas mit der Chemikalie bedampft. Das Resultat riecht für die Hunde zwar nach TATP, ist aber nicht mehr explosiv – zum Schutz von Mensch und Tier.

Jodi hat mittlerweile die fünfte und letzte Probe in einem der vielen Laborschränke gefunden. Es klackert, zufrieden kaut sie auf ihrem Spielzeug. Drei- bis viermal pro Woche ist Vincent mit ihr unterwegs, etwa um Orte für Politiker oder Mitglieder des niederländischen Königshauses zu sichern. Doch schon der nächste Einsatz in einem Bus oder Flugzeug könnte so gefährlich sein, dass der Polizist seine Hündin allein hineinschicken muss. Er ist zuversichtlich: "Das ist ihr Job. Und Jodi ist gut ausgebildet."

Autorin: Juliette Polenz

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 1, 25. Januar 2017.

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