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Münster (web)

Studierende forschen bei der Feuerwehr

Masterarbeiten am Institut für Psychologie befassen sich mit Evaluation eines neuen Ausbildungskonzepts
Exkursion zur Feuerwehr: Im Rahmen eines Vertiefungsseminars Wirtschaftspsychologie besuchten Studierende der WWU das Außengelände des Instituts der Feuerwehr in Münster-Handorf. Dozent Thomas Löchteken gab ihnen einen Einblick in die Ausbildung der Führungskräfte.<address>© WWU/Julia Schwekendiek</address>
Exkursion zur Feuerwehr: Im Rahmen eines Vertiefungsseminars Wirtschaftspsychologie besuchten Studierende der WWU das Außengelände des Instituts der Feuerwehr in Münster-Handorf. Dozent Thomas Löchteken gab ihnen einen Einblick in die Ausbildung der Führungskräfte.
© WWU/Julia Schwekendiek

Einsätze können für Feuerwehrleute mitunter sehr stressig sein. Sei es ein brennendes Haus oder ein schwerer Verkehrsunfall: Um Menschenleben zu retten und größeren Schaden abzuwenden, ist schnelles und zielsicheres Handeln gefragt. Eine entscheidende Rolle kommt dabei den Führungskräften zu. Ihnen obliegt es, Teams von zum Teil mehreren Dutzend Einsatzkräften zu koordinieren. In Münster werden pro Jahr rund 1500 Führungskräfte am Institut der Feuerwehr Nordrhein-Westfalen (IdF NRW) ausgebildet. Doch wie effektiv sind die Lehrgänge dort wirklich? Werden die Teilnehmer bestmöglich auf ihre Aufgabe vorbereitet? Dieser Frage gehen mehrere Studierende des Instituts für Psychologie in ihren Masterarbeiten nach.

"Wir entwickeln Instrumente für ein Evaluationssystem, mit der sich die Qualität der Ausbildung beurteilen lässt", erklärt Niklas Schulte. In seiner Masterarbeit validiert er derzeit einen Fragebogen, der im Rahmen einer früheren Masterarbeit gemeinsam mit den Dozenten des IdF und dem Evaluationsexperten PD Dr. Meinald Thielsch von der Arbeitseinheit Organisations- und Wirtschaftspsychologie entstanden ist. Vier Arbeiten sind bereits abgeschlossen, zwei laufen aktuell, vier weitere sollen folgen. Geht es nach Meinald Thielsch, könnte sich aus dem Projekt eine langfristige Zusammenarbeit entwickeln. "Wir streben eine feste Kooperation mit dem IdF an", erklärt er. Ansatzpunkte dafür gebe es genügend.

"Theorie und Praxis sind jetzt enger verzahnt"

Entstanden ist die Zusammenarbeit auf Initiative des IdF NRW. "Wir hatten bisher keinerlei Grundlage dafür, ob unsere Ausbildung gut oder verbesserungswürdig ist", berichtet Dozent Thomas Löchteken. Wegen neuer Vorgaben des Ministeriums für Inneres und Kommunales NRW hatte das Institut im Jahr 2015 den Auftrag erhalten, die Lehrgänge für Führungskräfte zu verändern. Die Basisausbildung für Gruppenführer, die bisher für hauptamtliche und ehrenamtliche Einsatzkräfte unterschiedlich war, wurde vereinheitlicht, die Zugführer-Ausbildung für Ehrenamtliche von drei auf zwei Wochen verkürzt. Diese Veränderung nahmen die IdF-Dozenten zum Anlass, ihr Lehrkonzept grundlegend zu überarbeiten – und diese Umstellung extern durch das Institut für Psychologie begleiten zu lassen. "Früher bestand der Lehrgang aus einer Woche Theorie und zwei Wochen Praxis. Jetzt wechseln sich theoretische und praktische Einheiten täglich ab, beides ist enger miteinander verzahnt", erklärt Thomas Löchteken.

Haben diese Veränderungen tatsächlich zu einer Verbesserung der Ausbildung beigetragen? "Bei den Teilnehmern hat das neue Format deutlich besser abgeschnitten. Vor allem die zahlreichen praktischen Übungen wurden positiv bewertet", resümiert Linda Loberg, die mittlerweile am Lehrstuhl für Unternehmensführung promoviert. Über einen Zeitraum von einem Jahr wurden am IdF beide Varianten der Lehrgänge parallel angeboten, in ihrer Masterarbeit hat sie die Konzepte miteinander verglichen. Dafür hat sie rund 250 Teilnehmer beider Kursarten befragt – und wie Niklas Schulte einige Tage am IdF NRW hospitiert. "Es war sehr interessant zu erfahren, wie viel Verantwortung Feuerwehrleute tragen und wie wichtig eine gute Ausbildung ist", berichtet sie.

"Unsere größte Befürchtung war, dass der Zugführer-Lehrgang durch die Verkürzung an Qualität verliert", sagt IdF-Dozent Matthias Wegener. "Zu unserer Überraschung stellte sich dann heraus, dass die neue Ausbildung sogar besser bei den Teilnehmern ankam." Die engere Verknüpfung von Theorie und Praxis habe die Effektivität der Ausbildung gesteigert, ohne dass sich die Verkürzung negativ ausgewirkt habe. Zudem sei die wissenschaftliche Begleitung durch die Studierenden eine wichtige Grundlage für politische Diskussionen. "Durch die Studienergebnisse stützen wir uns nicht mehr nur auf Vermutungen, sondern können belegen, was gut ist und was weiter verbessert werden muss", betont Matthias Wegener.

"Die Ergebnisse verstauben nicht irgendwo, sondern werden genutzt"

Aus Sicht von Meinald Thielsch profitieren beide Seiten von der Zusammenarbeit: "Es gibt viele Synergieeffekte." Ziel sei es, das Instrumentarium der Studierenden weiterzuentwickeln und zu publizieren. "Es gibt bisher keine wissenschaftlichen Publikationen zur Evaluierung von Führungslehrgängen bei der Feuerwehr. Durch eine Veröffentlichung würde unser Basisinstrumentarium auch anderen Wissenschaftlern zur Verfügung stehen." Perspektivisch könne er sich vorstellen, ein weiteres Beurteilungssystem für Lehrgänge zu entwickeln, die vor Ort in den Kommunen und nicht am IdF stattfinden. Die Feuerwehr werde schließlich zu einem großen Teil von ehrenamtlichen Kräften getragen.

Für Niklas Schulte ist die Masterarbeit in Kooperation mit dem IdF zugleich eine Möglichkeit, etwas wissenschaftlich Relevantes zu erarbeiten. "Die Ergebnisse verstauben nicht irgendwo, sondern werden genutzt", sagt er. Die Herausforderung sei es, sich zugleich in der Forschung und in der Praxis zu beweisen. Wenngleich er mit seiner Arbeit nur einen kleinen Teil beitragen könne, sei diese doch ein wichtiger Baustein im gesamten Projekt, bei dem qualitative und quantitative Ansätze verbunden werden. Weitere Masterarbeiten, die demnächst gemeinsam mit dem Institut der Feuerwehr entstehen sollen, werden sich unter anderem mit der Evaluierung besonderer Lehrformate, mit den Prüfungen und den Rahmenbedingungen am IdF befassen.

Autorin: Julia Schwekendiek

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 8, 14. Dezember 2016.

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