WWU News

|
Münster (upm/ch)

Mehr Schaden als Nutzen durch Helmpflicht

Verkehrswissenschaftler berechnet gesamtgesellschaftliche Kosten der Helmpflicht für Fahrradfahrer
Prof. Dr. Gernot Sieg<address>© WWU/Weischer</address>
Prof. Dr. Gernot Sieg
© WWU/Weischer

Niemand bezweifelt, dass Fahrradhelme vor schweren Kopfverletzungen schützen können. Eine generelle Helmpflicht in Deutschland würde dennoch mehr schaden als nutzen, da gleichzeitig die Sozial- und Gesundheitsausgaben steigen würden. Zu diesem Schluss kommt der Leiter des Instituts für Verkehrswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU), Prof. Dr. Gernot Sieg, in einer aktuellen Studie. "Selbstverständlich kann es aus Sicht eines einzelnen Radfahrers ratsam oder sinnvoll sein, einen Helm zu tragen", betont Gernot Sieg. "Volkswirtschaftlich betrachtet, wäre die Einführung einer verbindlichen Regelung für alle Radfahrer jedoch nicht sinnvoll."

Gernot Sieg hat in seine Untersuchung eine Reihe von Faktoren einberechnet – einerseits die Schutzwirkung eines Fahrradhelms. Die Überlegungen schließen aber auch weitere Effekte ein: Neben der Tatsache, dass viele Fahrradfahrer einen Helm als störend empfinden und das Fahrradfahren für diese Menschen seinen Reiz verlöre, würden andere potenzielle Radfahrer bei einer Helmpflicht ganz aufs Radfahren verzichten und beispielsweise auf ihr Auto umsteigen. Damit würden gesundheitliche Vorteile zunichtegemacht, beispielsweise die positiven Auswirkungen des Radfahrens auf das Herz-Kreislauf-System. Außerdem würde die Umweltbelastung größer. Viele müssten zunächst auch Geld ausgeben, um sich einen Kopfschutz anzuschaffen.

In Zahlen: Auf der Nutzenseite stehen nach Gernot Siegs Rechnung rund 570 Millionen Euro, die in Deutschland bei Einführung einer Helmpflicht dadurch eingespart würden, dass es weniger schwere Kopfverletzungen und Unfalltote gäbe. Dadurch, dass viele Menschen auf für sie sicherere Verkehrsmittel umstiegen, beispielsweise auf das Auto und den öffentlichen Nahverkehr, ließen sich weitere 123 Millionen Euro einsparen.

Demgegenüber ergäben sich 473 Millionen Euro an Gesundheitskosten. Diese Kosten entstünden dadurch, dass Helm-Gegner das Fahrrad stehen ließen und auf andere Verkehrsmittel umstiegen, unter anderem auf das Auto, was zu vermehrten Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen würde. Der Wissenschaftler errechnete, dass eine Helmpflicht zu einem Rückgang der Summe aller in Deutschland geradelten Kilometer um mindestens 4,5 Prozent führen würde - denkbar wäre nach Erfahrungen aus anderen Ländern sogar ein Rückgang um bis zu 20 Prozent. Hinzu kämen beispielsweise Umweltkosten (11 Millionen Euro) und die Anschaffungskosten für die Helme (315 Millionen Euro). Insgesamt ergäbe sich durch die Einführung einer Helmpflicht ein gesamtgesellschaftlicher Verlust von 278 Millionen Euro pro Jahr.

Die Verbesserung der Verkehrssicherheit, betont Gernot Sieg, sei zwar ein wichtiges politisches Ziel. Er empfiehlt jedoch, statt einer Helmpflicht über andere Aspekte nachzudenken, um das Fahrradfahren sicherer zu machen: beispielsweise weitere Geschwindigkeitsbegrenzungen, eine bessere Überwachung des Verkehrs oder den Ausbau des Fahrradwege-Netzes – eine Kosten-Nutzen-Analyse könnte zeigen, welche Instrumente sich für die Gesellschaft auszahlen würden.

Die Studie soll im Fachmagazin "Transportation" erscheinen. Nachzulesen ist sie unter http://www.wiwi.uni-muenster.de/ivm.

 

Links zu dieser Meldung