Themenfeld Zivilgesellschaftliche Verständigung zwischen Markt und Staat:
In diesem Forschungsbereich soll zum einen der Markt selbst als Teil der Zivilgesellschaft und zum anderen der Markt und die jeweilige nationale Marktordnung als Bedingung für Zivilgesellschaft untersucht werden. Ausgangsidee hier ist das umstrittene Verhältnis von Markt und Zivilgesellschaft, da wirtschaftliche Aktivität und Expansion mit einer Verdichtung zivilgesellschaftlicher Aktivität und demokratischer Partizipation einhergehen können aber nicht müssen.
Damit rückt das Selbstverständnis von Unternehmern als gesellschaftliche Akteure im Wandel der Zeit in den Blick. Als zivilgesellschaftliche Akteure traten Unternehmer als Mäzene, Stifter oder Sponsoren etwa von Wohnungsbaugenossenschaften und Werkswohnungen auf. Zwar sollten Unternehmer nicht per se zu Akteuren der Zivilgesellschaft gemacht werden. Wohl aber erscheint es sinnvoll, ihr Selbstverständnis als Unternehmer und Bürger zu untersuchen, um darüber zu einem besseren Verständnis der Entwicklung der Marktwirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert zu gelangen. Auch der Bereich der unternehmensnahen Stiftungen und die Rolle von Unternehmern als Stifter ist noch wenig untersucht. Darauf aufbauend erscheint nicht nur die Analyse einzelner Akteure, sondern ganzer Trägergruppen sinnvoll. So spielen Industrie- und Berufsverbände, aber auch die Gewerkschaften eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben, insbesondere im Verhältnis zwischen Wirtschaft und politischem System. Die Wirtschaftstheorie hat sich mit den Regulierungsvorschlägen, die von Verbänden und Institutionen ausgehen, noch wenig beschäftigt. Zu untersuchen wäre daher, ob industrielle und berufsständische Selbstorganisationen bessere wirtschaftspolitische Angebote machen als Staat oder Wissenschaft.
Andererseits wäre zu untersuchen, welche Diskurse von welchen Akteuren über Marktordnungen geführt werden und wie, der jeweiligen Marktordnung zufolge, das Verhältnis von Markt, Staat und Zivilgesellschaft oder Individuum konzipiert ist. Damit stellt sich die Frage, welche Rolle zivilgesellschaftliche Akteure im Marktgeschehen spielen. Im Vergleich zu Deutschland gelten die Niederlande als politisch aber auch ökonomisch liberaler. Bisher hatte die Politik in beiden Ländern die Aufgabe übernommen, Normen und Rahmenbedingungen für soziale Sicherung und vertikale Mobilität zu schaffen. Doch Globalisierung und auch eine notwendige Reduktion staatlicher Ausgaben führen zu einem Rückzug des Staates aus einigen bisherigen Aufgabenbereichen. Gerade in den Niederlanden wird, beispielsweise im Bereich der Integrationsförderung von Zuwanderern, von einer Übergabe dieser Aufgabe an den Zuwanderer selbst und ‚an den Markt’ gesprochen. Zivilgesellschaftliche Akteure wie Verbände, Experten oder Institutionen positionieren sich in der Debatte über solche Normensetzungen und -veränderungen und sind daran in vielfältiger Weise beteiligt. Damit ist die Übergabe von Staatsaufgaben an den Markt auch als Übergabe dieser Aufgaben an die Zivilgesellschaft zu verstehen, die zudem von staatlicher Seite, etwa durch die Förderung von Ehrenamt, unterstützt wird. Untersucht werden sollen also Akteure und deren Handeln sowie die Strukturen, innerhalb derer sie operieren, im Hinblick auf den Charakter der Marktwirtschaft, die Handlungsautonomie des Individuums und die Chancen von Bürgerinnen und Bürgern unter sich verändernden sozio-ökonomischen Bedingungen.

