Zentrum für Informationsverarbeitung (ZIV)
Röntgenstraße 7-13 48149 Münster
Tel.: +49 251 83-31600
Fax: +49 251 83-31555
ziv@uni-muenster.de

perMail

Aus: inforum Sonderausgabe 40 Jahre ZIV - 20 Jahre LAN - 20 Jahre CIP vom Dezember 2004.

Man sagt, Universitäten und damit Universitätsrechenzentren sollten keine Software entwickeln. Sie sollten die Finger davon lassen, weil sie dies nicht wirtschaftlich machen und den Betrieb nicht dauerhaft sichern könnten. Im ZIV fragen wir uns: Wer ist »man«? Wir sind nämlich überzeugt, dass diese Behauptung in der Allgemeinheit falsch ist. Vielleicht denkt »man« gelegentlich neu über seine Meinung nach, insbesondere dann, wenn die wirtschaftliche Lage in unserem Lande schwieriger werden sollte. Andere Länder haben in Universitäten sehr wohl »Software-Schmieden« eingerichtet. In unseren Universitäten verlernen die Studierenden allmählich, wie man Software entwickelt. Do it yourself kommt aus der Mode. Dies ist sicher ein sehr unguter Trend; Kompetenz lässt sich nicht käuflich erwerben.

Wir haben im ZIV durch gut durchdachte Entwicklungen wiederholt das Gegenteil bewiesen. Wir erkennen Anwendungs-Lücken manchmal recht früh, wenn kommerzielle oder freie Produkte dafür (noch) nicht verfügbar oder ungeeignet sind. Ein Beispiel dafür war das um 1990 entwickelte Campus-Informationssystem inform - es lief auf unterschiedlichen Großrechner-Systemen (VM/CMS, MVS, ...) genauso wie auf damaligen Arbeitsgruppensystemen (AIX, Solaris, ...) und Arbeitsplatzsystemen (DOS, OS/2, Windows 3.1, Atari ST, ...) und war damals erheblich leistungsfähiger als das zu diesem Zeitpunkt noch in den Windeln liegende und den Goldgräber-Charme von BTX[1] versprühende World Wide Web. Erst etliche Jahre später hatte sich das World Wide Web dann so weit entwickelt, dass es inform nahtlos ablösen konnte, und noch einige weitere Jahre lang diente inform einigen Einrichtungen der Universität als Autorensystem für WWW-Seiten.

Aktuell spielt die Eigenentwicklung perMail eine mindestens genauso bedeutende Rolle, nicht nur in der Universität Münster, sondern auch in etlichen weiteren Hochschulen.

Etwa im Jahre 2000 wurde deutlich, dass die bis dahin verfügbaren Mail-Software-Produkte oft eine Reihe von Mängeln hatten. Mal waren sie nicht bequem zu handhaben, ein anderes Mal boten sie im Zusammenspiel mit Mail-Servern (wie POP3 oder IMAP) nur eingeschränkte und mangelhafte Möglichkeiten. Daher entschloss sich das ZIV zur Eigenentwicklung des WWW-basierenden E-Mail-Programms perMail. Dieses Mail-Programm zählt in Münster inzwischen über 26.000 Nutzer; 22.000 Nutzer kommen noch einmal bei den perMail-Installationen in verschiedenen anderen Universitäten und Fachhochschulen hinzu.

Inzwischen kann man folgende Eigenschaften vermelden: Mit perMail kann man seine E-Mail von überall in der Welt bearbeiten und in zentral gelagerten Ordnern, die nach eigener Wahl eingerichtet werden können, verwalten. Alle gängigen auch in anderen Mail-Programmen zu findenden Funktionen sind vorhanden. Abwechselnder Zugriff auf die eigenen Ordner sowohl mit perMail als auch mit IMAP, POP3 oder Unix-Mailprogrammen wie Elm, Pine oder Mutt sind möglich.

Der Zugang zu perMail erfüllt alle wesentlichen Sicherheitsforderungen: Passwörter und alles andere werden zwischen dem Nutzer und dem perMail-Server verschlüsselt übertragen. Frames, Cookies, Java, VBScript und ActiveX werden überhaupt nicht verwendet, auf JavaScript kann verzichtet werden; der eigene Rechner kann also auf der höchsten Sicherheitsstufe betrieben werden. Intern wird ein hochsicheres Sitzungs-Ticket beschränkter Lebensdauer verwendet: Selbst wenn der Rechner ohne Beendigung der Sitzung verlassen wird, verliert das Ticket nach einigen Stunden seine Gültigkeit, und perMail verlangt eine erneute Anmeldung. Andererseits garantiert das Ticket eine derart sichere Wiedererkennung, dass durchaus während einer perMail-Sitzung die Internetverbindung unterbrochen und sogar der Provider gewechselt werden kann. Selbst in seriösen Internet-Cafés kann perMail eingesetzt werden: perMail teilt dem Arbeitsplatzrechner mit, dass angezeigte Seiten nicht gespeichert werden sollen. Der nächste Nutzer des eigenen Platzes kann also nicht auf die vorher dargestellten Seiten zugreifen.

Mit perMail lassen sich E-Mails besonders einfach verschlüsseln und elektronisch unterschreiben. Es integriert nahtlos die freie Software Pretty Good Privacy (PGP) und Gnu Privacy Guard (GnuPG)[2] und führt bei der Schlüsselerzeugung automatisch alle notwenigen Schritte durch, damit Sie mit einem Mausklick Ihre E-Mails vor Unbefugten schützen können. perMail bietet Ihnen aber auch umfangreiche Möglichkeiten, eigene Einstellungen vorzunehmen, insbesondere eine komplette Schlüsselverwaltung.

Auch ein leistungsfähiger Virenschutz ist eingebaut. Selbst wenn ein neues Virus zu Beginn einer Epidemie noch durch die Filter in den zentralen Mailservern durchrutschen sollte: Beim Download von Anlagen sucht perMail erneut nach Viren, so dass Sie optimal geschützt sind. Sogar beim Schreiben von E-Mails werden Ihre Anlagen auf Viren überprüft.

Da einige Versender in ihren E-Mails statt des einfachen Textformates das HTML-Format verwenden, das leider große Gefahren birgt, weil mit HTML-Elementen, die Tätigkeiten des Empfängers überwacht oder andere Dinge manipuliert werden können, wurde ein HTML-Konverter in perMail eingebaut, der nur garantiert ungefährliche HTML-Elemente durchlässt.

Im Kampf gegen die Fluten unerwünschter Werbe-E-Mails lassen sich sowohl die Spam-Markierungen der zentralen Mail-Server als auch die Ergebnisse der in perMail integrierten lernfähigen Spam-Erkennung zum Aussortieren unerwünschter Werbung verwenden; die einstellbaren Wegsortierregeln erlauben aber auch, weit komplexere Verwaltungsaufgaben mit einem Mausklick zu erledigen.

Natürlich gibt es ein Adressbuch, dass man komfortabel pflegen und nutzen kann. Mit perMail kann man die Adressbücher vieler gängiger E-Mail-Programme lesen und deren Inhalte übernehmen und auch einfach Adressen aus E-Mails ins Adressbuch übertragen.

Bis zu zehn Anhänge kann man mit jedem WWW-Programm seiner Mail anfügen, bei entsprechender Unterstützung der WWW-Programme ist die Anzahl unbeschränkt. Sehr große Mail-Anhänge, die von üblichen Providern nicht mehr weitergeleitet werden, um Überläufe in den Servern zu vermeiden, werden automatisch unter einer geheimen Web-Adresse abgelegt, die dann nur dem Empfänger anstelle des Anhangs mitgeteilt wird und die auf den üblichen Web-Wegen abgerufen werden kann.

Die E-Mail-Server sind natürlich in das Backup-System des ZIV eingebunden, so dass verloren gegangene Mails noch gerettet werden können, wenn sie zum Zeitpunkt einer Datensicherung im Postfach oder in einem Ordner des Nutzers lagen. Es kostet den perMail-Nutzer nur einen Mausklick, um alle noch vorhandenen E-Mails aus allen Sicherungskopien zurückzuholen, ohne dass es der Mitwirkung eines ZIV-Mitarbeiters bedarf.

Wesentliche Stärken zeigt perMail auch im internationalen Mailverkehr. Neben dem umfassenden Unicode-Zeichensatz kennt perMail auch fast alle üblichen Zeichensätze, so dass auch E-Mails in den meisten nah- oder fernöstlichen Schriften problemlos dargestellt werden können. Das gilt selbst dann, wenn der Rechner des Nutzers die Zeichen gar nicht kennt, denn auf Wunsch stellt perMail den Mail-Inhalt als Grafik dar, wobei dank der freien UCS-Fonts[3] über 30.000 verschiedene Schriftzeichen dargestellt werden können. Einer der nächsten Entwicklungsschritte wird auch das Schreiben solcher E-Mails ermöglichen.

Textbausteine, Fußzeilen, Ordnerhierarchien, Weiterleiten oder Nachsenden auch mehrerer E-Mails gleichzeitig, Löschen von Anlagen aus E-Mails, Extrahieren eingebetteter E-Mails, Aufbewahren eines E-Mail-Entwurfs u. v. a. m. sind für perMail Selbstverständlichkeiten; sogar eine Absatzformatierung beim Schreiben von E-Mails und eine Vorschau für solche Dateitypen, welche zumindest Textfragmente im ASCII-Format enthalten, wie es z. B. bei den meisten DOC-Dateien von Microsoft Word der Fall ist, sind vorhanden.

Auch durch seine Geschwindigkeit weiß perMail zu glänzen, wobei es sich wohltuend von den Angeboten vieler Massenprovider abhebt. Einerseits kann der Nutzer selbst durch geschicktes Ausnutzen angebotener Abkürzungen und paralleles Arbeiten in mehreren Fenstern die Anzahl der zeitintensiven Serverkontakte minimieren; andererseits wurde die Software in einer schnellen und trotzdem portablen Compilersprache geschrieben, nämlich in »C«. Ein besonderer Codierstil vermeidet von vornherein die meisten für diese Sprache typischen Programmierfehler. Und wenn tatsächlich doch mal ein Fehler auftreten sollte: Der Autor sitzt im ZIV; Wartezeiten durch das Einschalten eines Hersteller-Supports entfallen.

Wenn man weiß, dass perMail für unterschiedlich erfahrene Nutzer einstellbar ist, damit die Anfänger-Probleme leichter zu bewältigen sind, so erkennt man auch darin mögliche Gründe für die große Verbreitung der Software. Alle Funktionen werden in der zweisprachigen Online-Hilfe von perMail beschrieben. Zusammen mit etlichen einleitenden Artikeln kann diese auch über http://www.permail.uni-muenster.de abgerufen werden.

Mit der Produktentwicklung und seinem erfolgreichen Produktionsbetrieb wurde gezeigt, dass »man« doch besser umdenken sollte: Die Zukunft liegt in einem gut überlegten Nebeneinander gekaufter Software mit gezielten Eigenentwicklungen und in einer immer intensiveren Zusammenarbeit der Hochschulen. Kompetenz im eigenen Hause ist unverzichtbar. Übrigens wird diese Art der Programmerstellung in der Fachwelt als »Extreme Programming« bezeichnet[4]. Dabei werden kleine und mittlere Projekte mit wenigen Mitarbeitern mit möglichst geringem Aufwand und hoher Qualität durchgeführt. Man kann damit schnell auf wechselnde Anforderungen reagieren.


[1] Das BTX-System (Bildschirmtext) der Deutschen Bundespost stellte Textseiten auf Fernsehbildschirmen dar. Die Navigation erfolgte über das Wählen von Ziffern auf dem Telefonapparat.

[2] GnuPG, http://www.gnupg.org/, ist ein freier Nachfolger von PGP, http://www.pgp.com/, das von Phil Zimmermann, http://www.philzimmermann.com/, entwickelt wurde, einem Pionier in Sachen Bürgerrechte und Privatsphäre im Internet.

[3] UCS-Fonts von Markus Kuhn, University of Cambridge: http://www.cl.cam.ac.uk/~mgk25/ucs-fonts.html

[4] Herbert Kuchen, Prozessmodelle für die Software-Entwicklung, European Research Center for Information Systems, Münster, Oktober 2004.

Rainer Perske, Wilhelm Held


Impressum | © 2011 Universität Münster
Zentrum für Informationsverarbeitung (ZIV)
Röntgenstraße 7-13 · 48149 Münster
Tel.: +49 251 83-31600 · Fax: +49 251 83-31555
E-Mail: