Kalām, Islamische Philosophie und Mystik
Profil
Die islamische Geistesgeschichte ist facettenreich; weder lässt sie sich auf eine Disziplin reduzieren noch sind die Grenzen der jeweiligen Wissenschaften derart einzugrenzen, dass die einzelnen Bereiche abgeschlossen nebeneinander einzuordnen wären, wie einst Andronikos von Rhodos die Schriften von Aristoteles neben- und nacheinander aufgestellt hat. Nicht nur die tradierten Schriften der islamischen Tradition geben Zeugnis davon ab, sondern auch die prägenden Gelehrten derselben sind sowohl in ihrer Grundausbildung als auch in ihrer intellektuellen Arbeit vielfältig; dabei sind Ibn Sīnā, Ibn Rušd, al-Ġazālī, Ibn al-‛Arabī, Rūmī und Iqbāl nur einige Beispiele. Deshalb ist die Verflechtung zwischen Kalām, Islamischer Philosophie und Mystik keine äußerliche Tat. Die Rezeption und Weiterführung der platonischen und aristotelischen Tradition ist sowohl in methodischer als auch in inhaltlicher Hinsicht mit gleicher Intensität philosophisch und theologisch aufgenommen worden. Spätestens der Diskurs zwischen Ibn Rušd und al-Ġazālī zeigt – wie sehr auch die Gedanken und Prämissen voneinander differieren mögen –, dass beide Gebiete dieselbe Herkunft und den einen Gegenstand teilen. Selbst die Grundzüge der islamischen Mystik sind schwerlich denkbar, ohne die fruchtbare Rezeption der plotinischen und neuplatonischen Tradition. Und doch stehen Kalām, Islamische Philosophie und Mystik selbstständig auf einem jeweils eigenen Fundament, ja sie fungieren gleichsam als Herausforderung füreinander. Die Professur für Kalām, islamische Philosophie und Mystik beinhaltet also drei Disziplinen der islamischen Gelehrsamkeit. In ihrer Einheit bilden sie insofern eine Grunddisziplin am Zentrum für islamische Theologie, als die systematische Theologie, ihre philosophische Grundlegung und spirituelle Fundierung die religiösen Fundamentalfragen historisch einordnen, systematisieren und ihre Bedeutung und Normativität für unsere Gegenwart erarbeiten.
Die Bedeutung dieser Grunddisziplin ist für die Etablierung der islamischen Theologie an den deutschen Universitäten überhaupt von zentraler Bedeutung. Die Kalām-Wissenschaft als Inbegriff der systematischen Theologie in Verflechtung mit der islamischen Philosophie und Mystik ist zu einem Themenressort avanciert, der die Genese und die Realität eines höchst intellektuellen und rational geführten Diskurses hinsichtlich der Grundfragen der Religion benennt, hat sie doch spätestens vom 8.-12. Jhd. die intellektuelle Landschaft des Islam grundlegend bestimmt. Wird in der Gegenwart die Kalām-Wissenschaft betrieben, so kann sie keinesfalls als eine Wissenschaft fungieren, die das tradierte Wissen bloß verwaltet und konserviert. Diese antiquarische Sicht verkennt das Vermögen, welches dieser Wissenschaft in ihrer eigentümlichen Dynamik innewohnt. Keine Frage, die im Rahmen der Wissenschaft vom Kalām zu situieren ist, gilt für endgültig beantwortet. Zumal eine jede Frage erst aus dem Kontext ihrer Zeit verstanden werden kann. Ferner kommt noch hinzu, dass unsere Zeit uns mit Fragen konfrontiert, die zuvor nicht gestellt wurden, ja unsere Zeit fordert die Muslime in ihrem Glauben derart heraus, dass sie sich und das Ganze überhaupt erneut bestimmen müssen. Diese Herausforderung nimmt die Wissenschaft vom Kalām an, indem sie im gleichen Atemzug den Glauben und die damit zusammenhängenden Gegenstände im Denken, also mit dem Vermögen der kritischen Vernunft, zu erringen versucht.
Was Gegenstand des Denkens ist, möchte stets gedacht werden. Erkenntnisse lassen sich nicht nacherzählen, sondern sie werden im Akt der Erkenntnis selbst gewonnen. Darin ist die Philosophie mit dem Glauben verwandt. Auch der Glaube lässt sich nicht indirekt vermitteln; vielmehr ist der Glaube allein im Akt des Glaubens selbst wahrhaft beheimatet. Wenn der Glaube wahrhaft Glauben ist, so ist die Philosophie Philosophieren. Die Philosophie gewinnt also insofern das Prädikat "islamisch", als sie sich in ihrer epistemologischen Fundierung in Bezug auf den Islam generiert; sie ist wesentlich Religionsphilosophie. Aus dieser Verwobenheit heraus kommt erneut das spannende Verhältnis, ja die Wechselwirkung zwischen der Rationalität und der Spiritualität des Islam zum Vorschein, welche durch Grundfragen der Wissenschaft vom Kalām Ausdruck findet.


