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Die Bibliothek in der Kitteltasche


Information wird mobil
Noch vor zehn Jahren musste man in die Zweigbibliothek Medizin gehen, um eine vollständige Literaturrecherche zu machen: die meisten Zeitschriften, Bücher und Datenbanken waren nur dort verfügbar. In den 90ern hat die Bibliothek die neuen technischen Möglichkeiten dazu benutzt, diese Ressourcen auch für jeden vernetzten Computer in der Fakultät anzubieten - 93% aller Bibliothekszeitschriften sind mittlerweile online. Nun zeichnet sich ein weiterer Quantensprung am Horizont ab: Information wird mobil und ist damit überall dort verfügbar, wo sie benötigt wird. Gerade rechtzeitig, denn viele Fragen stellen sich nicht im Büro oder in der Bibliothek, sondern beim Patienten, auf dem Krankenhausflur, in der Teamsitzung oder unterwegs. Die Mobilisierung der Information steigert nicht nur den Komfort sondern fördert durch die allgegenwärtige Verfügbarkeit und die Integration in die Arbeitsabläufe der Klinik auch die Güte der Krankenversorgung - wie Studien aus den USA zeigen. [1]

Information wird mobil - Wie hat man sich das vorzustellen? Bereits jetzt ist es möglich, sich mit tragbaren Computern über Wireless Local Area Networks (WLAN) ins Internet einzuwählen. Nicht nur Starbucks und die Deutsche Telekom bieten immer mehr so genannte Hotspots für die Einwahl ins Internet an, auch in der WWU, der Zweigbibliothek Medizin und dem UKM existieren WLAN-Zellen. Wo Flexibilität und Mobilität wichtiger als Komfort sind, bilden Personal Digital Assistants (PDA) eine sinnvolle Alternative zu Laptops und Tablet-PCs: Im Gegensatz zu diesen sind PDAs immer zur Hand, wenn man sie braucht. Da sie in jede Kittel- oder Anzugtasche passen, kann man sie überallhin mitnehmen. Die Zeiten sind endgültig vorbei, als PDAs nichts weiter als "Organizer" mit einem furchtbaren Display waren. Für 200-300 Euro erhält man vielseitige Mini-PCs mit leistungsstarken 400 MHz-Intelprozessoren und 64.000 Farben-TFT-Bildschirm, gegen Aufpreis auch gerne mit fest eingebautem WLAN. Die Technik ist ausgereift und kompatibel mit Windows und Macs. Einmal mit Anwendungen aufgeladen bilden PDAs ein autarkes Informationsportal. Bei jeder Synchronisation mit dem Desktop-Computer werden die Ressourcen automatisch auf den neuesten Stand gebracht.

Mit der Roten Liste steht seit Ende letzten Jahres eine PDA-Killerapplikation für den deutschen Markt zur Verfügung. Zusammen mit weiteren Ressourcen wird jeder PDA zu einer kleinen "Bibliothek in der Kitteltasche" - genügend Speicher vorausgesetzt.

Bücher werden auf PDAs ausgeliehen
Das erklärte Ziel der Bibliothek ist es, alle erforderlichen Wissensquellen ortsungebunden überall dort zur Verfügung zu stellen, wo sie gebraucht werden. Mobiles Computing ist das technische Mittel zu diesem Zweck. Die Bibliothek erprobt deshalb seit Anfang des Jahres die Vor- und Nachteile, die technische Umsetzbarkeit und die Akzeptanz der Informationsressource "PDA". Dieses Projekt ist ein weiterer Schritt der Zweigbibliothek Medizin von der traditionellen „Hol- Bibliothek“ zur modernen „Bring-Bibliothek“ - Der Bibliothek, die Ihnen die Informationen auch bis in die Kitteltasche bringt, wenn's sein muss.

Die Zweigbibliothek Medizin unterstützt den Aufbau mobiler PDA-Bibliotheken zur Verbesserung der Informationsversorgung der Medizinischen Einrichtungen auf folgende Art und Weise: Zum einen verleiht sie PDAs, auf denen bereits Bücher, Zeitschriften und Arzneimittelverzeichnisse fertig installiert sind. Zum anderen werden Anwendungen für den uniweiten Gebrauch auf persönlichen Geräten lizenziert. Darüber hinaus macht sie die neuen Möglichkeiten in der Fakultät bekannt und bietet bei Bedarf Schulungen an. Zur Ausleihe von PDAs berechtigt sind Medizinstudenten, Wissenschaftler und Ärzte des Uniklinikums Münster. Die Ausleihdauer beträgt vier Wochen, alles weitere wird in einem Ausleihvertrag festgelegt[2].

Handhelds, with their instant-on ability, are a natural for the medical professions.

Literatur und Pharmaka via PDA
Unter den Betriebssystemen Palm OS und Windows Pocket PC bietet die Bibliothek auf den Ausleih-PDAs folgende Anwendungen an: Bücher: DDInnere, Harrison’s Internal Medicine, Dorland Medical Dictionary, Stedman's Illustrated Dictionary. Arzneimittelverzeichnisse: Rote Liste, Gelbe Liste, Arzneimittelpocket, Gelbe Liste Arzneimittel-Interaktionen, Drug Interaction Facts, Lexi-Comp’s Drug Information. Kodierungen: ICD-10 GM-2004, OPS-301 2004. Zeitschriften: Lippincott-Journals, BMJ-Journals. Systematische Reviews: Clinical Evidence (BMJ), UpToDate. Labor, Klinische Chemie: LaborXXL, MedCalc. (Eine vollständige Liste der verfügbaren PDAs mit den jeweils installierten Anwendungen finden Sie unter [3].)

Die Bibliothek hat zur Informierung über ihre PDA-Aktivitäten eine eigene Webseite aufgesetzt [4]. Sie enthält eine kommentierte Liste frei zugänglicher PDA-Anwendungen [5], einen Hinweis auf Zeitschriften-, Zeitungs- und Buchinhalte für den PDA [6] und einen Hinweis auf interessante Webseiten.

Clinical Evidence
Clinical Evidence (CE) von der BMJ Publishing Group ist eine ständig aktualisierte Datenbank der bestverfügbaren Evidence zu Ergebnissen von 180 wichtigen klinischen Interventionen[7]. Die Bedeutung von CE wird dadurch ersichtlich, dass der britische National Health Service es der gesamten Öffentlichkeit in England und Wales frei zur Verfügung gestellt hat. Um die Versorgung mit systematischen Reviews hoher Evidence zu verbessern, hat die ZB Med diese Datenbank für die Medizinische Fakultät Münster eingekauft.

With them you can provide more-informed patient care right at the patient’s bedside.

Clinical Evidence kann auch mit PDAs genutzt werden. Allerdings ist es nur auf den Ausleih- PDAs installiert und kann vorerst nicht für den eigenen PDA heruntergeladen werden - an einer Campus-Lizenz wird gearbeitet. Es wurde jedoch eine Übergangsvereinbarung mit BMJ getroffen, die es Benutzern der Zweigbibliothek Medizin erlaubt, ermäßigte "Student"-PDAVersionen von Clinical Evidence zu erwerben [8]. Als VAT-Nummer ist 212275725 und als Institution "Zweigbibliothek Medizin" anzugeben. Bezahlt werden dann 35,25 GBP (etwa 51 Euro) per Kreditkarte. Diese Software ermöglicht neben der Benutzung von Clinical Evidence auch Medline-Recherchen.

Ovid@Hand
Mit dem von der Bibliothek eingekauftem Produkt Ovid@Hand ist im Einzelnen folgendes möglich:

  • In den Inhaltsverzeichnissen (und Abstracts) von 100 Zeitschriften zu lesen (offline) [9]
  • Bei Bedarf den Volltext eines Artikels anzufordern (offline): bei der nächsten Synchronisation steht der Artikel in Ihrer persönlichen Online-Library parat.
  • MEDLINE-Recherchen zu formulieren (offline): bei der nächsten Synchronisation stehen die Suchergebnisse in Ihrer persönlichen Online-Library.
  • Mit dem Tool “Drug Interaction Facts” Wechselwirkungen von Arzneimitteln (bzw. ihrer Wirkstoffe) aufzuspüren (offline).

Bis zu 100 Angehörige der Medizinischen Einrichtungen können Ovid@Hand auf ihren eigenen PDA installieren. Passwort und Anleitung erhalten Sie nach der Beantwortung einer kleinen Umfrage [10].

In den USA verlangt mittlerweile jede fünfte Medizinische Fakultät von ihren Studenten in der Klinik, dass sie Handheld-Computer benutzen[ 11]. So hat z.B. die University of Louisville School of Medicine alle ihre 900 Studenten und Dozenten mit mobilen Computern ausgestattet. Auf den PDAs zu finden sind z.B. Griffith’s 5-Minute Clinical Consult 2003 und Stedman’s Concise Medical Dictionary [11]. Ray Dannenhoffer, Assistant Dean for Support Services and Director of Medical Computing an der Universität von Buffalo sagt: “Handhelds, with their instant-on ability, are a natural for the medical professions. With them you can provide more-informed patient care right at the patient’s bedside.” [12] In den USA besaß bereits 2000 jeder zweite Arzt einen PDA[13]; auch die Zahlen in Deutschland steigen kontinuierlich.

Tabelle 1

Anwendung
Wunsch
Rote Liste
83,3%
MEDLINE
72,7%
ICD-10
65,2%
Table of Contents
65,2%
Arzneimittelwechselwirkungen
65,2%
Laborwerte
60,6%
OPS 301
50,0%
Handbuch Innere Medizin
40,9%
Weitere e-Books
39,4%
Gelbe Liste
15,2%

Bei einer kürzlichen Umfrage unter 66 Ovid@Hand-Nutzern (Tab.1) war die Rote Liste die mit Abstand meistbegehrte PDA-Anwendung, gefolgt von Medline, der ICD-10, Inhaltsverzeichnissen von Zeitschriften sowie Arzneimittelwechselwirkungen. Die Bibliothek bemüht sich, die entsprechenden Produkte campusweit zu lizenzieren. Ob jedoch die Anbieter dazu bereit sind und die technischen Voraussetzungen schaffen, muss bei jedem Produkt neu geprüft werden. Ob

[1] Rothschild J. M. et. al.: Survey of Physicians’ Experience Using a Handheld DrugReference Guide. Proc AMIA Symp 2000:S.1125 http://cim.usuhs.mil/pda/why.html Rothschild and coworkers found that physicians and medical students are able to successfully incorporate PDAs into their patient care workfl ow. With the use of a drug information database (qRx, ePocrates), clinicians save time, improve knowledge for themselves and their patients, and possibly decrease preventable adverse drug effects.
[2] http://medweb.uni-muenster.de/zbm/pda/ausleihe.html
[3] http://medweb.uni-muenster.de/zbm/pda/ressourcen.html
[4] http://medweb.uni-muenster.de/zbm/pda
[5] http://medweb.uni-muenster.de/zbm/pda/free_pda_software.pdf
[6] http://medweb.uni-muenster.de/zbm/pda/litsync.html
[7] http://www.clinicalevidence.com
[8] http://clinicalevidenceonline.org/FullSubscription/productSelect.asp?M_subtype=3DFull
[9] http://medweb.uni-muenster.de/zbm/zeitschriften/info/lww.html
[10] http://medweb.uni-muenster.de/zbm/pda/php/ovid_u.html
[11] James Miller “Skyscape Health References Enter University of Louisville“ http://www.palmblvd.com/articles/ 2003/7/2003-7-22-Skyscape-Health-References.html
[12] Mary A.C. Fallon „Handheld Devices: Toward a More Mobile Campus“ Syllabus Magazine 1.11.2002 http://www.syllabus.com/article.asp?id=6896
[13] Ho W. L., Forman J., Kannry J. Portable Digital Assistant Use in a Medicine Teaching Program. Proc AMIA Symp 2000:S.1031


 


Dieser Aufsatz ist erschienen in der Zeitschrift  med information.


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 aktualisiert: 2004-09-16