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Effizient und erfolgreich Literatur suchen. Teil 3


Im Heft 1.2002 endete der zweite Teil der Literatursuche-Reihe mit einer Darstellung von Metasuchmaschinen. In letzter Zeit sind mit MedPilot und DIMDI (s. Glossar) zwei weitere nützliche Tools hinzugekommen. Kommerzielle Anbieter wie z.B. Infoball sind nicht zu empfehlen, da sie selbst für die Suche in kostenfreien Datenbanken Geld verlangen. Darüber hinaus kann die Recherche in jeder dieser Suchmaschinen im Vergleich zu der Suche in jeder einzelnen Datenbank nur unvollkommen durchgeführt werden. Eine Metasuche kann also nur dann empfohlen werden, wenn man sich einen schnellen Überblick über die vorhandene Literatur oder potenzielle Treffermengen verschaffen möchte.

Suchstrategien von A bis C
Unterteilen Sie Ihr Thema in einige Unterthemen wie z.B. den Patienten oder das Sachgebiet, das Problem, die Intervention, das Resultat und/oder die Art der Studie.
Ein Beispiel: Der Patient ist eine Frau mit einer umfangreichen Colitis ulcerosa. Sie möchte wissen, wie wahrscheinlich es für sie ist, Krebs zu bekommen. Die relevanten Teile der Frage sind also:
- ulcerative colitis
- colon or bowel cancer
- risk or prognosis

A. Freitextsuche (s.a. Glossar)

  1. Die einzelnen Teile der Frage werden möglichst erschöpfend mit Synonymen abgedeckt, die man dann mit OR verknüpft. Beispiel: colon cancer OR colon tumor OR colon neoplasms.
  2. Die einzelnen Suchen werden sinnvoll verknüpft. Beispiel: Synonyme ulcerative colitis AND ( ( Synonyme colon cancer OR Synonyme bowel cancer ) AND ( risk OR prognosis ) )

B. MeSH-Suche
Da die obige Art von Suchanfragen schnell unübersichtlich wird, sollte man sie nur für Fragestellungen benutzen, für die (noch) keine MeSH-Begriffe existieren. Die wesentlich effizientere Suche mit dem medizinischen Schlagwortvokabular der amerikanischen MeSH-Begriffe wird im Folgenden dargestellt.

In Heft 1.2002 wurde eine PubMed-Recherche zum Vergleich von Kernspin- und Computertomographie als Diagnoseverfahren beim Bandscheibenvorfall vorbereitet. Die deutschen Stichwörter wurden bereits in die englischen MeSH-Schlagwörter übersetzt (mittels eines Wörterbuches und des MeSH-Browsers von PubMed). Zu den einzelnen Begriffen findet man im Nov. 2002 folgende Treffermengen:

#1 Tomography, X-Ray Computed 134.000
#2 Magnetic Resonance Imaging 100.000
#3 Intervertebral Disk Displacement 9.000

Die Schnittmenge aller drei Begriffe ('History' anklicken: #1 AND #2 AND #3) führt zu etwa 400 Treffern.

7. Sichtung der gefundenen Literatur
Einer der ersten Treffer gibt die Fragestellung ziemlich genau wieder: Goscinski I, Ulatowski S, Urbanik A. "Comparison of the clinical usefulness of magnetic resonance, computer tomography and radiculography in diagnosing lumbar discopathy". Przegl Lek. 2001;58(10):885-8 (PubMed Abstract).

C. Erhöhung der Relevanz
Man könnte nun mit dem Tool LIMITS diese 400 Treffer eingrenzen auf Übersichtsartikel (Publication Types: Review), Klinische Studien (Publication Types: Clinical Trial) oder deutschsprachige Publikationen (Languages: German). Doch beim aktuellen Beispiel bietet sich zunächst an, den Anteil der relevanten Treffer weiter zu erhöhen. Dazu gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten:

  1. Es wird mit spezifischeren MeSH-Begriffen gesucht. Dazu wird der 'Display'-Modus des obigen Zitats von 'Abstract' zu 'MEDLINE' geändert. Nun werden die MeSH-Schlagworte des Artikels angezeigt: Intervertebral Disk Displacement/*diagnosis, *Tomography, X-Ray Computed und *Magnetic Resonance Imaging (Artikel im MEDLINE-Format). Das Sternchen vor den beiden letzten MeSH-Begriffen gibt an, dass das Hauptgewicht dieses Artikels auf Tomography und MRI liegt. Nun kann man die Suche mit dem MeSH-Browser "fein-tunen", indem man bei beiden Begriffen den "Detailed Display" auswählt und "Restrict Search to Major Topic headings only" (dies entspricht dem Sternchen *) und "Do not explode this term" anklickt (um untergeordnete Sachgebiete wie z.B. Echo-Planar-Imaging oder Colonography auszuschließen).
    Zum Begriff Intervertebral Disk Displacement wird ebenfalls im "Detailed Display" der Suchaspekt *diagnosis angehängt. Auf diese Art kann die Trefferzahl nicht nur eingeschränkt werden - die resultierenden Zitate sind auch sehr viel relevanter als bei der ersten Suche.
  2. Optional kann man auch auf den Link "Related Articles" klicken. Daraufhin werden 100 Artikel angezeigt, die ebenfalls hochrelevant sind.

Bei der Benutzung von MeSH-Begriffen ist auf zwei Dinge besonders zu achten:

  1. Das Einführungsdatum eines MeSH-Begriffs. So wurde der Begriff Tomography, X-Ray Computed erstmalig 1980 zum Indexieren verwendet, Magnetic Resonance Imaging acht Jahre später, 1988. D.h. vor diesen Stichjahren können keine Artikel mit diesen Begriffen gefunden werden. Nach Artikeln vor diesem Zeitraum müßte im Freitext recherchiert werden.
  2. Die aktuellsten PubMed-Zitate sind noch nicht mit MeSH-Begriffen verschlagwortet. Diese "PreMEDLINE"-Zitate sind mit dem Hinweis "PubMed - in process" gekennzeichnet. Ihre Zahl beträgt etwa 100.000 und kann zu Jahresende auf 250.000 ansteigen

8. Ausweitung der Recherche

Vollständigkeit erwünscht?
Als erstes erhebt sich die Frage, ob es überhaupt zwingend notwendig ist, die obige Recherche auf andere Datenbanken als MEDLINE auszuweiten. Obwohl weniger als ein Viertel der weltweit vorhandenen biomedizinischen Zeitschriften von MEDLINE indexiert wird, werden alle angloamerikanischen Titel und die wichtigsten in Übersee abgedeckt. Durch zusätzliche Recherchen in EMBASE und weiteren Datenbanken kann die Suche allerdings - je nach Fachgebiet - meistens erheblich vervollständigt werden, auch wenn nie 100% zu erreichen sind [1]. In der Zahnmedizin besitzt MEDLINE die beste Fachabdeckung, doch auch hier fehlen wichtige deutschsprachige Fachzeitschriften wie z.B. die Zahnärztliche Mitteilungen.
Die Impact Faktoren (IF) scheinen auf den ersten Blick ein ganz anderes Bild von der Vollständigkeit MEDLINE’s zu zeichnen: Von den 63 kardiologischen Titeln mit IF sind die "besten" 61 in MEDLINE nachgewiesen [2]. Diese vereinigen 99,9% aller Zitierungen in der Kardiologie auf sich (EMBASE kommt auf 93,1%). Doch Vorsicht: Diese 99,9% beweisen erstmal nur, dass sich die Hersteller von MEDLINE und IF in der Auswahl der aufgenommenen Titel einig waren. Die Forscher folgen dieser Quasi-Norm, denn wer nicht in einer "Impact-Zeitschrift" publiziert, kann seine Karriere meist abhaken. Die Auswahl produziert somit die eigene Rechtfertigung.

Die Sache mit den Äpfeln ...
Anhand der Tabelle in [1] kann für jedes Fachgebiet festgestellt werden, welche Datenbank zusätzlich zu MEDLINE durchsucht werden muß, um die bestmögliche Abdeckung der Literatur zu erhalten. Hier gilt: Jede Datenbank enthält Zitate, die nur dort gefunden werden können. Je mehr man also durchsucht, desto mehr Treffer findet man. Das ist so ähnlich, wie wenn man möglichst viele verschiedene Apfelsorten kaufen möchte: In den Supermärkten findet man schnell viele verschiedene Sorten (aber auch immer dieselben), einige Spezialgeschäfte bieten aber noch die ein oder andere unbekanntere Sorte an. Die vier wichtigsten Ergänzungen zu MEDLINE sind die folgenden vier Datenbanken (in der Reihenfolge der Wichtigkeit):

  1. EMBASE (EMBASE ALERT): Nur Zitate der jeweils letzten beiden Monate
  2. Chemical Abstracts: Installation und Freischaltung einer speziellen Software erforderlich
  3. Current Contents: Current Contents entspricht inhaltlich dem Web of Science
  4. BIOSIS: Nur Zitate von 1993 bis 2002
TIPP: Um einen groben Überblick über die zu erwartenden Treffermengen zu bekommen, kann man eine Schnellsuche ("Datenbankvorschau") bei DIMDI durchführen. Diese liefert Trefferzahlen in EMBASE (ab '90), BIOSIS (ab '93), MEDLINE (ab '90) und SCISEARCH (ab '90 ~ Web of Science).

Die Reihenfolge, in der die Datenbanken durchsucht werden sollten, richtet sich stark nach dem Fachgebiet. Soll die Recherche vollständig sein, darf EMBASE nicht fehlen. Da nur die letzten beiden Monate kostenfrei zugänglich sind, müssen für die Jahrgänge davor externe Information Broker bemüht werden.

Spezialsuche evidenz-basierte Literatur und klinische Studien
Hier bietet die Cochrane Library (CL) einige Vorteile:

  1. Die Literatur wurde vorausgewählt, bewertet und systematisch zusammengefaßt
  2. Diese systematischen Reviews liegen im Volltext vor, brauchen also nicht mehr beschafft zu werden
  3. In CL ist mit CENTRAL die größte Datenbank für publizierte klinische Studien enthalten. Hier finden Sie alle klinischen Studien aus MEDLINE, EMBASE und einer Vielzahl weiterer Quellen (die dank Hand Searching teilweise bis in die 40er Jahre zurückreichen).

Suche nach deutschsprachiger und fachübergreifender Literatur
Viele der von MEDLINE und EMBASE - oft aus gutem Grund - links liegen gelassenen deutschsprachigen Zeitschriften werden von der Datenbank Current Contents Medizin erschlossen. Diese bietet aber nur rudimentäre Inhaltsrecherchen: Es kann lediglich nach Stichworten im Titel gesucht werden. Die Metasuchmaschine MedPilot bietet (ähnlich wie die in Teil 2 besprochene Digitale Bibliothek) durch die Simultansuche in den Verlagsdatenbanken von Springer, Kluwer und Thieme einen Zugriff auf hunderttausende Zitate von Zeitschriftenaufsätzen. Spezialkataloge zu ethischer, gerontologischer, toxikologischer und Tierversuchsliteratur ergänzen die Recherche.

Für interdisziplinäre oder fachübergreifende Themen können die jeweiligen fachspezifischen Datenbanken hinzuzogen werden. So z.B. für pyschologische Fragestellungen PsycLIT, für wirtschaftliche ABI/Inform und WISO, für juristische JURIS usw. (Datenbankliste).

Verdoppelung der Ausbeute
Am Erfolgversprechendsten ist die Nutzung von professionellen Rechercheuren [3], die doppelt soviel relevante Artikel finden können wie Amateure [1]. Leider wurde die "zuständige" Informationsvermittlungstelle der Universitäts- und Landesbibliothek am 31.12.2003 geschlossen. Sie können aber beim DIMDI selber kostenpflichtige Recherchen durchführen oder Information Broker beauftragen. Die Bibliothek kann Ihnen lediglich Recherchen in den kostenfreien Datenbanken innerhalb der Literatursprechstunde anbieten.

Trotz aller benutzten Datenbanken gibt es jedoch immer noch Zeitschriften, die in toto oder mit bestimmten Jahrgängen nirgendwo nachgewiesen sind. Hier hilft eine Suche per Hand in den gedruckten Bänden oder man hat das Glück, und es gibt ein Zeitschriftenarchiv auf der jeweiligen Homepage. Ob

[1] Obst O. "Datenbanken auf dem Prüfstand. Teil 2: Literatur im Bermudadreieck” In: med info 4(2):2-4 (2000)

[2] Obst O. "Die Grenzen der Literaturdatenbanken" In: Cardio-News 4(11):22-24 (2001)

[3] ... there is clear evidence a majority of the research investigators [at Mayo Clinic, Rochester, MN] are satisfied with and prefer mediated service because of convenience, retrieval specialist knowledge, and lack of time to perform the search themselves. Buntrock J.D., Chute C.G. "An Evaluation of unmediated versus mediated retrieval services" In: Proceedings of the American Medical Informatics Association 2002 Symposium (November 9-13) 81-85


 


Dieser Aufsatz ist erschienen in der Zeitschrift  med information.


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 aktualisiert: 2004-09-16