Professur für Religionssoziologie (Detlef Pollack)

Profil

Überkommene Meistererzählungen wie etwa die von der Säkularisierung oder der Modernisierung wurden durch Erkenntnisse der neueren Religionssoziologie und Religionsgeschichte weitgehend dekonstruiert. An die Stelle verbreiteter Konvergenz- und Linearitätsannahmen über Prozesse der Säkularisierung und funktionalen Differenzierung sind Vorstellungen der historischen Kontingenz der Moderne, der Pfadabhängigkeit historischer Entwicklungen, der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ sowie der Entdifferenzierung und Grenzüberschreitung getreten. Neuere religionssoziologische und religionshistorische Arbeiten gehen nicht mehr von der Inkompatibilität von Religion und Moderne aus, von dem Anpassungsdruck, den moderne Gesellschaften auf religiöse Sinnformen und Praktiken ausüben, und der Determination religiöser Vergemeinschaftungs- und Sinnformen durch die als Einheit vorgestellte Moderne. Vielmehr stellen sie mehr und mehr die Vereinbarkeit zwischen Religion und Moderne und die religionsproduktiven Momente der Moderne heraus und konzeptualisieren Religion selbst als einen wichtigen Motor gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Statt einen scharfen Gegensatz zwischen Moderne und Tradition zu behaupten und Religion allein auf der Traditionsseite zu verorten, arbeiten sie die interne Vielfalt moderner Kulturen (multiple modernities) sowie die fließenden Grenzen sowohl zwischen Tradition und Moderne als auch zwischen Moderne und Religion heraus. Das Anliegen dieser neuartigen Religionsforschung läuft in vielerlei Hinsicht darauf hinaus, nicht nur die gesellschaftlichen Außenwirkungen religiöser Ideen, Symbole und Praktiken zur Geltung zu bringen, sondern auch die auf dem religiösen Feld ablaufenden Transformationsprozesse, die Prozesse der Individualisierung und Pluralisierung des Religiösen, des Formenwandels und der Selbstmodernisierung der Religion ins Auge zu fassen.

Die Arbeit des Lehrstuhls Religionssoziologie knüpft an diese Entwicklungstendenz an, gibt ihr aber noch einmal eine andere Wendung, denn so berechtigt die Kritik an der Säkularisierungstheorie ist, sofern sie sich auf die Konstruktion teleologischer Geschichtsmodelle, den Entwurf einer deterministischen Ableitungslogik und das Denken in verallgemeinerbaren Containerbegriffen bezieht, so sehr droht sie doch zugleich in einen unkritischen Relativismus zu führen, der den Einzelfall zur einzigen Untersuchungseinheit aufwertet, das Kontingente verabsolutiert, den Vergleich von Konstellationen behindert und die Herausarbeitung übergreifender Strukturen unter den Generalverdacht des Eurozentrismus stellt. Ob Religion und Moderne vereinbar sind, ob Tradition und Moderne keinen Gegensatz bilden, ob die interne Vielfalt der Moderne gegenüber ihrer Einheit überwiegt, darf nicht ideologisch vorentschieden, sondern muss historisch und empirisch untersucht werden. Die Kritik an der klassischen Säkularisierungstheorie ist wichtig, denn religiöse Vorstellungen und Handlungsweisen können nicht nur als abhängige Variable behandelt und nur aus strukturellen Bedingungen erklärt werden. In der Tat ist es erforderlich, religiöse Kulturen in ihrer Eigendynamik zu würdigen, ihre strukturellen Wirkungen in Blick zu nehmen und die innerhalb von religiösen Gemeinschaften ablaufenden Veränderungsprozesse herauszuarbeiten. Sozialwissenschaftliche Strukturanalyse und Kulturgeschichte der Religion sollten aber nicht in Gegensatz zueinander gebracht werden; vielmehr gilt es, die Chancen ihrer Vermittlung auszuloten und sowohl die produktiven Wirkungen religiöser Gemeinschaften und Vorstellungen als auch ihre Abhängigkeit von äußeren Umständen, sowohl die Vereinbarkeit zwischen Religion und Moderne als auch die zwischen ihnen liegenden Spannungen, sowohl die historische Kontingenz moderner Veränderungsprozesse als auch ihre Regelhaftigkeit in Betracht zu ziehen. Um eine solche Vermittlung bemüht sich der Lehrstuhl für Religionssoziologie und die ihm angehörenden Mitarbeiter. Die Erforschung religiöser Wandlungsprozesse in der Moderne kann sich nicht damit begnügen, Religion lediglich als abhängige Variable zu erfassen, sondern muss auch die von ihr ausgehenden Wirkungen religionsintern und religionsextern untersuchen. Sie kann sich nicht mit makrosoziologisch ansetzenden Erklärungen zufrieden geben, sondern hat auch mikrosoziologische Veränderungsprozesse ins Auge zu fassen. Sie muss strukturelle Variablen in ihre Analysen ebenso einbeziehen wie semantische, diskursive und kulturgeschichtliche Bestände und erklärende Ansätze ebenso verfolgen wie hermeneutische, historische Besonderheiten. Sie wird allerdings nicht darauf verzichten können, über mikrosoziologische, die historische Kontingenz betonende, die Eigendynamik und das Selbstverständnis der Religionen herausstellende Ansätze hinauszugehen und auch auf im Rücken der Akteure liegende strukturelle und kulturelle Einflussfaktoren, allgemeine Regelmäßigkeiten sowie gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge abzuheben. Soziologie erschöpft sich nicht in Deskription, sondern hat einen erklärenden Anspruch, ohne den sie sich nicht von den Geschichtswissenschaften unterscheiden würde. Deshalb kommt es in der soziologischen und natürlich auch in der religionssoziologischen Arbeit immer wieder darauf an, theoretische Erklärungsmodelle den Analysen zugrunde zu legen, ohne die empirische Analyse in ein deduktives Geschäft abgleiten zu lassen, die gewonnenen empirischen Untersuchungsergebnisse im Licht von theoretischen Modellen zu interpretieren und sie dazu zu benutzen, um theoretische Entwürfe weiterzuentwickeln. Theoriearbeit und empirische Arbeit sind insofern eng verknüpft. Außerdem ist es für die soziologische Arbeit am Lehrstuhl für Religionssoziologie entscheidend, dass für den Umgang mit den empirischen Phänomenen ein reflexives Methodenbewusstsein sowie handwerkliche Methodenkenntnis ausgebildet werden. Nur durch den Gebrauch hoch entwickelter Methoden der empirischen Sozialforschung wird es möglich sein, zu intersubjektiv überprüfbaren, allgemeingültigen und falsifizierbaren Aussagen über die zu erforschende soziale Wirklichkeit zu kommen. Aussagen, die nicht falsifizierbar und mit dem Anspruch auf übersubjektive Gültigkeit ausgestattet sind oder sich der der intersubjektiven Überprüfung entziehen, können nicht als wissenschaftliche Aussagen bezeichnet werden. Unter den Methoden besitzt der Vergleich aufgrund seiner heuristischen Qualitäten zweifellos einen privilegierten Status.

Inhaltlich stellen die religiösen Veränderungsprozesse in den Ländern Ost- und Ostmitteleuropas einen ersten Schwerpunkt dar. Daneben stehen – auch und nicht zuletzt unter vergleichenden Gesichtspunkten – die Länder Westeuropas im Fokus der Aufmerksamkeit. Die Erforschung des religiösen Wandels in den unterschiedlichen Regionen Europas erfolgt unter Einbeziehung des sozialen, politischen, ökonomischen, rechtlichen und kulturellen Kontextes, wobei jene oben angedeutete Vermittlung zwischen Sozialstrukturanalyse und Kulturgeschichtsschreibung, makro- und mikrosoziologischer Betrachtung, erklärendem und hermeneutischem Ansatz angestrebt wird. Die in Münster betriebene Religionssoziologie ist kontextuale Religionssoziologie. Deswegen werden neben den religiösen Wandlungsprozessen immer auch Veränderungen im wirtschaftlichen Bereich, im Staat/Kirche-Verhältnis, in der Religionspolitik, in den kulturellen Semantiken und Diskursen sowie in der öffentlichen und politischen Kultur beachtet. Gerade eine methodenbewusst betriebene Religionssoziologie wird dabei sowohl die Falle des Szientismus als auch der bloßen Paraphrase vermeiden können und darf es sich zutrauen, zu über den Einzelfall hinausgehenden Einsichten zu gelangen.

Forschungsprojekte

  • EXC 212 C2-15 - Zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Kulturelle und soziale Integration im Selbstbild türkischstämmiger Muslime in Deutschland

    Angesichts der zunehmenden Pluralisierung des Religiösen in Deutschland stellt sich die Frage nach den übergreifenden Normen des sozialen Zusammenhalts sowie nach der Integration kulturell und religiös von der Mehrheitsgesellschaft differierender Bevölkerungsgruppen nicht nur auf der politischen und rechtlichen, sondern auch auf der sozialen Ebene. Um diese Ebene zu erfassen, ist der Blick auf die Einstellungen, Haltungen, Bewertungsmaßstäbe und Deutungsmuster der Bevölkerung erforderlich, da rechtliche und politische Regelungen nur in dem Maße zu greifen vermögen, wie sie auf gesellschaftliche Unterstützung stoßen, und häufig unter Berücksichtigung bestehender sozialer Spannungs- und Konfliktlinien entworfen werden. Aufgrund der Tatsache, dass diese Spannungslinien nicht selten zwischen Mehrheitsgesellschaft und religiösen bzw. ethnischen Minderheiten verlaufen, reicht es nicht aus, nur die entsprechenden Orientierungen der Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft zu erfassen. Vielmehr ist es angezeigt, auch die Haltungen, Situationsdeutungen, Wünsche und Abneigungen von Minderheiten sorgfältig zu analysieren. Das Projekt nimmt sich vor, diesen Fragen anhand einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage unter türkischen Muslimen in Deutschland nachzugehen.

    Die forschungsleitenden Fragen lauten dabei unter anderem:

    • Was verstehen die Muslime selbst unter einer geglückten Integration?
    • Wie stellen sie sich die Einbindung in die Gesellschaft vor?
    • Überwiegt eher das Bestreben nach weitgehender Assimilation, nach einer „selbstbewussten" Integration unter Beibehaltung der eigenen kulturellen Identität oder lässt sich im Gegenteil eine Tendenz zur Segregation bzw. Abschottung erkennen?
    • Über welche Integrations- bzw. Desintegrationserfahrungen berichten die befragten Muslime?
    • Als wie integriert schätzen sie sich selbst ein (kulturell, sprachlich, politisch, in Bezug auf den Arbeitsmarkt usw.)?
    • IIn welchem Zusammenhang stehen Erfahrungen mit der christlich (bzw. säkular) verfassten Mehrheitsgesellschaft zur eigenen religiösen Identität, zur Identifikation mit der nationalen Herkunft oder zur Zugehörigkeit zu einem bestimmten lokalen oder sozialen Umfeld?
    • Welche Haltungen nehmen die Muslime in Bezug auf die normativen Grundlagen der westlichen Demokratie, im Hinblick auf die Prinzipien Freiheit und Gleichheit, der sozialen Gerechtigkeit, der Rechtsstaatlichkeit, der Trennung von Religion und Politik usw. ein?
    • Welche Einstellungen lassen sich hinsichtlich der Rolle der Religion in der Gesellschaft (Verhältnis von Religion und Staat, Religion und Recht, Religion und Wissenschaft oder Religion und Erziehung) feststellen?
    • Welche Orientierungen bestehen mit Blick auf die Familien- und Geschlechterordnung (Stellung der Frau, Familienformen, Erziehung der Kinder u.ä.)?

    Projekt in der WWU-Forschungdatenbank

  • EXC 212 - Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne

    Der Exzellenzcluster untersucht die Erscheinungsformen und den Wandel des Verhältnisses von Religion und Politik in historischer Tiefendimension vom Altertum bis zur Gegenwart. Das Gegenstandsfeld reicht von den altorientalischen, griechischen und römischen Formen des Polytheismus über die schriftbasierten monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam in ihren vielfältigen Ausprägungen und Wechselbeziehungen bis hin zu Religionen Afrikas und Ostasiens. Die gegenwärtige Zuspitzung verschiedener politisch-religiöser Konfliktlagen hat die Aktualität des Themas in den letzten Jahren noch verschärft. Die beteiligten Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass eine angemessene Beurteilung der heutigen Konflikte nur in historischer und kulturvergleichender Perspektive möglich ist. Nach wie vor verstehen es die Mitglieder des Forschungsverbunds als eine wesentliche Aufgabe, mit der Öffentlichkeit einen Dialog zu führen und zu den aktuellen Debatten einen Beitrag zu leisten, der eine größere reflexive Distanz zu den aktuellen Problemen ermöglicht.

    Ausgangspunkt der Arbeit des Exzellenzclusters war die Erfahrung, dass die lange Zeit für selbstverständlich gehaltene moderne Trennung von Religion und Politik mittlerweile infolge globaler Prozesse der ökonomischen, politischen, kulturellen und medialen Verflechtung irritiert ist. Die historischen Meistererzählungen sind inzwischen ihrerseits historisch relativiert worden. Es hat sich gezeigt, dass die Vorstellung einer säkularisierten Moderne der Modifikation und Erweiterung bedarf, und zwar im Hinblick auf gegenwärtige Entwicklungen, auf nicht-westliche Gesellschaften und auf vormoderne Epochen. Dazu leistet der Exzellenzcluster einen weiterführenden Beitrag, indem er Religion und Politik als historisch veränderliche soziale und kulturelle Felder thematisiert, deren Verhältnis stets das Ergebnis variabler Machtkonstellationen, Konflikte, Aushandlungsprozesse und symbolischer Konstruktionen ist.


    Projekt in der WWU-Forschungdatenbank

  • Erfassung der kirchenstatistischen Zeitreihen 1949-2010 in Westdeutschland


    Projekt in der WWU-Forschungdatenbank

  • EXC 212 C21 - Die Legitimität des religiösen Pluralismus: Wahrnehmung und Akzeptanz religiöser Vielfalt in der europäischen Bevölkerung

    Das Projekt setzt sich zum Ziel, die Wahrnehmung und Akzeptanz religiöser Vielfalt in der Bevölkerung in ausgewählten europäischen Gesellschaften zu untersuchen und dabei insbesondere zu beleuchten, welche Bedingungen die Art des Umgangs mit religiösem Pluralismus auf den Ebenen der Einstellungen und der religiösen Praxis prägen. Dieses Vorhaben gliedert sich in die Struktur der Forschungsschwerpunkte des Exzellenzclusters in das Feld C „Integrative Verfahren“ ein. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt darin zu klären, wie die Bevölkerung auf die Probleme zunehmender religiöser Pluralität reagiert, welche Vorstellungen sie von der Konsens stiftenden Kraft der Religionen besitzt und wie sie das Verhältnis von Kirche und Staat bzw. Religion und Politik geregelt wissen will. Das Forschungsprojekt nimmt sich vor, diesen Fragen auf Basis einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage nachzugehen. Die noch nicht abschließend festgelegte Länderauswahl erfolgt anhand von Überlegungen in Bezug auf jeweils vorliegende Kontextbedingungen, wobei das tatsächliche Ausmaß an religiöser Pluralität in den einzelnen Ländern und die jeweils vorfindbare religiös-konfessionelle Tradition als Kriterien herangezogen werden.


    Materialien: Codebuch, Filmbeitrag, weitere Informationen


    Projekt in der WWU-Forschungdatenbank

  • EXC 212 - Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne

    Der Exzellenzcluster "Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und Moderne" besteht seit 2007 an der WWU Münster. Rund 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern und 11 Nationen beschäftigen sich mit dem sensiblen Verhältnis von Religion und Politik, das alle Epochen und Kulturen geprägt hat. Es ist der bundesweit größte Forschungsverbund dieser Art und von den 37 Exzellenzclustern in Deutschland der einzige zum Thema Religionen. Das Spektrum der 60 Forschungsprojekte und 47 Dissertationen reicht von der Antike bis zur Gegenwart und von Lateinamerika über Europa bis in die arabische und asiatische Welt. Beteiligt sind HistorikerInnen, katholische, evangelische und muslimische TheologInnen, JuristInnen, JudaistInnen, EthnologInnen, ArchäologInnen, PolitologInnen, ReligionssoziologInnen sowie Literatur-, Sozial- und IslamwissenschaftlerInnen. Sie kooperieren über Epochen- und Fächergrenzen hinweg.


    Projekt in der WWU-Forschungdatenbank

  • Befragung der Mitglieder der kath. Kirchengemeinde Anna Katharina in Coesfeld


    Projekt in der WWU-Forschungdatenbank

  • EXC 212 C14 - Transnationale Netzwerke in der pfingstlich-evangelikalen Bewegung

    Die pfingstlich-evangelikale Bewegung zählt weltweit schätzungsweise 500 Millionen Anhänger. Pfingstliche und evangelikale Gruppen und Individuen agieren auf globaler wie lokaler Ebene und bewegen sich dabei in fluiden transnationalen Netzwerken und glokalen Zwischenräumen. Transnationale evangelikale Netzwerke besitzen die Eigenschaft, religiöse Identitäten über lokale und nationalstaatliche Grenzen hinweg in einem „dritten Raum“ (H. Bhabha) neu zu verhandeln und zu verorten und zugleich Relokalisierungen von Identitäten aufgrund sakraler Topographien mit Evangelisationsansprüchen zu verbinden. Die seit 1999 existierende Gebetskette „24-7 Prayer“ soll daher als ein markantes Beispiel transnationaler evangelikaler Vernetzung Ausgangspunkt des Forschungsprojektes werden. Die Gebetskette 24-7 Prayer wurde von dem Pastor Pete Greig in Südengland gegründet. Ziel war es in kleinen Gruppen einen Monat lang ununterbrochen (24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche) zu beten. Die Idee wurde von anderen pfingstlichen Gemeinden adaptiert und es wurden immer mehr so genannter Prayer-Rooms eröffnet. Mittlerweile sind mehr als 3.000 solcher Gebetsräume in 65 Ländern an diesem Netzwerk beteiligt. Im Durchschnitt beten jeweils 20-30 Gruppen aus etwa zehn verschiedenen Ländern gleichzeitig. Das Netzwerk wird über eine internationale Homepage und jeweils weiteren nationalen Internetseiten virtuell organisiert. Transnationale Netzwerke wie 24-7 Prayer dienen dabei sowohl der Inszenierung globaler religiöser Identitäten (24-7 Prayer als Marke) sowie der Integration lokaler Identitäten in globale religiöse Gemeinschaften, die ein universelles Zugehörigkeitsgefühl vermitteln. Somit erzeugt die Gebetskette transnationale Identitäten, die einerseits Teil einer diachronen religiösen (Gebets-)Bewegung und andererseits die eines synchronen Netzwerks werden. Durch Prozesse der Transnationalisierung werden lokale religiöse Kontexte enträumlicht und Identitäten in virtuellen und realen Interaktionsketten (Randall Collins) neu vernetzt, wobei kulturelles (religiöses) Kapital (P. Bourdieu) zum treibenden Faktor transnationaler Netzwerkidentitäten (M. Castells) wird. Auf diese Weise generieren transnationale evangelikale Netzwerke „sakrale“ Identitätspolitiken (Stuart Hall) wobei die Idee der Etablierung des „Reichs Gottes“ durch Gebet und Evangelisation eine wesentliche politische und strategische Rolle einnimmt. Der Globalisierungsprozess von Religionen und die Transnationalisierung von religiösen und sozialen Netzwerken bieten religiösen Individuen und Gruppen daher nicht zuletzt durch technische Innovationen und virtuelle Netzwerke immer mehr Flexibilität und Mobilität für religiöse Praxis und Formen religiöser Vergemeinschaftung. Prozesse transnationaler Vernetzung im Kontext pfingstlich-evangelikaler Gruppen generieren aber nicht nur unifizierende religiöse Visionen im Sinne einer „imagined global community“, sondern auch neue sakrale Landschaften. So werden durch sakrale Topographien noch zu evangelisierende Regionen der Welt wie etwa das „10/40 Window“ diskursiv erzeugt und verbreitet. Insbesondere pfingstlich-evangelikale Gruppen nutzen dabei die Möglichkeiten einer Re-sakralisierung säkularer Räume durch transnationale Kooperationen der Evangelisation. Auch werden dem fundamental-evangelikalen Gedankengut dabei nur noch wenige nationale und kulturelle Grenzen gesetzt. Das Projekt soll daher nicht nur auf politische und religiöse Institutionen als Voraussetzungen für religiöse Netzwerke rekurrieren, sondern den Entstehungsprozess von integrativen religiösen Netzwerken analysieren, die sich als transnationale Handlungsverknüpfungen oder Handlungsräume erst diskursiv manifestieren. Religiöse Akteure nutzen fluide Netzwerke, um neue soziale Räume in ihrer alltäglichen Glaubenspraxis und Identitätspolitik zu kreieren und sind dadurch selbst an transnationalen Institutionalisierungs- und Integrationsprozessen beteiligt. Das geplante Projekt greift damit den dynamischen Prozess transnationaler Identitätsbildung auf und fragt, wie religiöse Alltagshandlungen und globale evangelikale Vorstellungen in transnationale Netzwerke eingebettet und dabei integrative und zugleich exklusivistische religiöse Identitätspolitiken verhandelt werden.


    Projekt in der WWU-Forschungdatenbank

  • Zwischen Öffnung und Schließung: Reformbemühungen ausgewählter evangelischer Landeskirchen, katholischer Diözesen und protestantischer Freikirchen/evangelikaler Gemeindebünde im Vergleich

    Das Forschungsprojekt vergleicht am Beispiel ausgewählter katholischer Bistümer, evangelischer Landeskirchen und protestantischer Freikirchen/ evangelikaler Gemeindebünde in Deutschland kirchliche Reformprozesse nach 1990 miteinander und interpretiert sie vor dem Hintergrund der gesellschaftlich-religiösen Wandlungsprozesse der letzten Jahrzehnte. Dabei ist die Frage leitend, inwieweit die ausgewählten Kirchen auf die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte mit Öffnung oder Schließung, Liberalisierung oder Zentralisierung, Ökonomisierung oder Theologisierung, Strukturwandel oder Strukturbewahrung reagieren oder ob sie eine Entscheidung zwischen diesen Alternativen bewusst oder unbewusst vermeiden.

    Zur Klärung dieser Leitfrage werden die strategischen Zielsetzungen der Kirchen sowie die ihnen zugrunde liegenden Wirklichkeitsbeschreibungen und Problemdefinitionen und die ins Auge gefassten Entscheidungsalternativen und angewandten Entscheidungskriterien herausgearbeitet. Es werden aber auch die organisatorischen Bedingungen, unter denen die Reformprozesse stattfinden, sowie die kommunikativen Formen ihrer Realisierung untersucht. Dabei kommt es darauf an, die mit den jeweils verfolgten Zielen verknüpften Diskurse und die darin sichtbar werdenden Positionen und Kontroversen zu rekonstruieren. Außerdem wird überprüft, mit Hilfe welcher Mittel und Ressourcen die angestrebten Ziele erreicht werden sollen und welche organisatorischen Umsetzungsprozesse den beschlossenen Zielen folgen. Auf diese Weise sollen sowohl die Ziele der Reformbemühungen erfasst werden und die dahinter liegenden Situationsdeutungen, Problemwahrnehmungen und Diskurse als auch die Anstrengungen zur Implementierung der Reformbemühungen in der Praxis. Es soll mithin nicht nur die semantische Ebene der Reformdiskussion, sondern auch die strukturelle Ebene der organisationalen Entscheidungsprozesse untersucht werden, um Aussagen darüber treffen zu können, auf welche Weise die Kirchen auf gesellschaftlich-religiöse Wandlungsprozesse tatsächlich reagieren.

    Als Untersuchungsmaterial dienen kirchliche Reformpapiere, Synodenentscheidungen, Kirchenleitungsbeschlüsse, Rechtstexte, Haushaltspläne sowie Protokolle von Ausschüssen und anderen Gremien. Außerdem werden halbstandardisierte, leitfadengestützte Interviews mit für die Reformprozesse wichtigen Personen (leitende Geistliche und Verwaltungsbeamte, Generalvikare, mit der Planung der Reformprozesse beauftragte Stabsstellen, Synodale usw.) geführt, um Einblicke in die hinter den Texten stehenden kirchenpolitischen Interessenkonstellationen und Kräfteverhältnisse sowie die unausgesprochenen Kontroversen, Widerstände und emotionalen Dynamiken zu erhalten.


    Laufzeit

    • 2011–2014

    Drittmittelgeber

    Wissenschaftliche Leitung

    Mitarbeit:

  • Kirche und Religion im erweiterten Europa. Eine Studie zur gesellschaftlichen Bedeutung von Religion in Ost und West (C&R)

    Mit der Frage nach der Bedeutung von Religion in west- und osteuropäischen Gesellschaften beleuchtet das Projekt einen zentralen kulturellen Aspekt des europäischen Erweiterungsprozesses. In diesem Zusammenhang soll vor allem untersucht werden, in welchen Ländern eher Tendenzen eines gesellschaftlichen Bedeutungsverlustes von Religion (Säkularisierung) festzustellen sind, und in welchen Gesellschaften Religion noch eine bedeutsame Rolle spielt bzw. sogar im Aufschwung begriffen ist. Dabei werden zum einen das Ausmaß und die Entwicklung von Kirchlichkeit und Religiosität in der Bevölkerung analysiert. Neben dem individuellen Glauben und der Kirchenbindung wird dabei auch erforscht, inwieweit das Prinzip der Emanzipation der gesellschaftlichen Teilbereiche von der Vorherrschaft religiöser Vorgaben und Normen von den Menschen akzeptiert wird, und in welchem Maße deren Denken und Handeln durch religiöse Bindungen und Traditionen bestimmt wird. In Bezug auf die Ebene der religiösen Organisationen wird danach gefragt, inwieweit die großen Kirchen von den veränderten Bedingungen der Moderne betroffen sind, und wie sie auf diese Herausforderungen reagieren. Insbesondere sollen hier Veränderungen des Selbstverständnisses und des Tätigkeitsprofils im Sinne des Wandels "von der Überzeugungs- zur Dienstleistungsorganisation" (Michael N. Ebertz) betrachtet werden. Auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene schließlich wird untersucht, in welcher Weise die Kirchen und religiösen Gruppierungen in die Gesellschaft eingebunden sind und in diese hineinwirken. Hier stehen etwa die Staat-Kirche-Beziehungen oder die Rolle der Kirchen in den Medien und im Bildungssystem im Blickpunkt des Interesses. Ein weiteres zentrales Ziel dieses Projektes ist es, mögliche Faktoren zu identifizieren, welche die Entwicklung hinsichtlich der gesellschaftlichen Bedeutung von Religion bestimmen. Hierbei sollen u.a. der Einfluss von Modernisierungsprozessen, der Effekt politischer Repression in Osteuropa vor 1989/90, die Bedeutung der nationalen konfessionellen Tradition und das Gewicht der staatlichen Regulierung des religiösen Sektors analysiert werden.


    Laufzeit

    • 2004–2009

    Downloads

    Drittmittelgeber

    Wissenschaftliche Leitung

    Bearbeitung und Koordination

    Kooperationspartner

    • Estland: Eva-Liisa Jaanus
    • Kroatien: Prof. Dr. Sinisa Zrinscak,Dr. Krunoslav Nikodem
    • Polen: Dr. Tadeusz Doktór (†2007), Dr. Dorota Hall
    • Russland: Dr. Marat Shterin
    • Ungarn: Dr. Gergely Rosta
    • Finnland: Dr. Kimmo Kääriäinen, Dr. Kati Niemelä
    • Irland: Prof. Dr. Tom Inglis, Dr. Karen Andersen
    • Portugal: Dr. Helena Vilaça

Aktuelle Veröffentlichungen

Veranstaltungen

Lehre

Lehrveranstaltungen vorheriger Semester finden Sie im Archiv.

Tagungen und Workshops