Professur für Religionssoziologie

  • Profil

    Überkommene Meistererzählungen wie etwa die von der Säkularisierung oder der Modernisierung wurden durch Erkenntnisse der neueren Religionssoziologie und Religionsgeschichte weitgehend dekonstruiert. An die Stelle verbreiteter Konvergenz- und Linearitätsannahmen über Prozesse der Säkularisierung und funktionalen Differenzierung sind Vorstellungen der historischen Kontingenz der Moderne, der Pfadabhängigkeit historischer Entwicklungen, der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ sowie der Entdifferenzierung und Grenzüberschreitung getreten. Neuere religionssoziologische und religionshistorische Arbeiten gehen nicht mehr von der Inkompatibilität von Religion und Moderne aus, von dem Anpassungsdruck, den moderne Gesellschaften auf religiöse Sinnformen und Praktiken ausüben, und der Determination religiöser Vergemeinschaftungs- und Sinnformen durch die als Einheit vorgestellte Moderne. Vielmehr stellen sie mehr und mehr die Vereinbarkeit zwischen Religion und Moderne und die religionsproduktiven Momente der Moderne heraus und konzeptualisieren Religion selbst als einen wichtigen Motor gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Statt einen scharfen Gegensatz zwischen Moderne und Tradition zu behaupten und Religion allein auf der Traditionsseite zu verorten, arbeiten sie die interne Vielfalt moderner Kulturen (multiple modernities) sowie die fließenden Grenzen sowohl zwischen Tradition und Moderne als auch zwischen Moderne und Religion heraus. Das Anliegen dieser neuartigen Religionsforschung läuft in vielerlei Hinsicht darauf hinaus, nicht nur die gesellschaftlichen Außenwirkungen religiöser Ideen, Symbole und Praktiken zur Geltung zu bringen, sondern auch die auf dem religiösen Feld ablaufenden Transformationsprozesse, die Prozesse der Individualisierung und Pluralisierung des Religiösen, des Formenwandels und der Selbstmodernisierung der Religion ins Auge zu fassen.

    Die Arbeit des Lehrstuhls Religionssoziologie knüpft an diese Entwicklungstendenz an, gibt ihr aber noch einmal eine andere Wendung, denn so berechtigt die Kritik an der Säkularisierungstheorie ist, sofern sie sich auf die Konstruktion teleologischer Geschichtsmodelle, den Entwurf einer deterministischen Ableitungslogik und das Denken in verallgemeinerbaren Containerbegriffen bezieht, so sehr droht sie doch zugleich in einen unkritischen Relativismus zu führen, der den Einzelfall zur einzigen Untersuchungseinheit aufwertet, das Kontingente verabsolutiert, den Vergleich von Konstellationen behindert und die Herausarbeitung übergreifender Strukturen unter den Generalverdacht des Eurozentrismus stellt. Ob Religion und Moderne vereinbar sind, ob Tradition und Moderne keinen Gegensatz bilden, ob die interne Vielfalt der Moderne gegenüber ihrer Einheit überwiegt, darf nicht ideologisch vorentschieden, sondern muss historisch und empirisch untersucht werden. Die Kritik an der klassischen Säkularisierungstheorie ist wichtig, denn religiöse Vorstellungen und Handlungsweisen können nicht nur als abhängige Variable behandelt und nur aus strukturellen Bedingungen erklärt werden. In der Tat ist es erforderlich, religiöse Kulturen in ihrer Eigendynamik zu würdigen, ihre strukturellen Wirkungen in Blick zu nehmen und die innerhalb von religiösen Gemeinschaften ablaufenden Veränderungsprozesse herauszuarbeiten. Sozialwissenschaftliche Strukturanalyse und Kulturgeschichte der Religion sollten aber nicht in Gegensatz zueinander gebracht werden; vielmehr gilt es, die Chancen ihrer Vermittlung auszuloten und sowohl die produktiven Wirkungen religiöser Gemeinschaften und Vorstellungen als auch ihre Abhängigkeit von äußeren Umständen, sowohl die Vereinbarkeit zwischen Religion und Moderne als auch die zwischen ihnen liegenden Spannungen, sowohl die historische Kontingenz moderner Veränderungsprozesse als auch ihre Regelhaftigkeit in Betracht zu ziehen. Um eine solche Vermittlung bemüht sich der Lehrstuhl für Religionssoziologie und die ihm angehörenden Mitarbeiter. Die Erforschung religiöser Wandlungsprozesse in der Moderne kann sich nicht damit begnügen, Religion lediglich als abhängige Variable zu erfassen, sondern muss auch die von ihr ausgehenden Wirkungen religionsintern und religionsextern untersuchen. Sie kann sich nicht mit makrosoziologisch ansetzenden Erklärungen zufrieden geben, sondern hat auch mikrosoziologische Veränderungsprozesse ins Auge zu fassen. Sie muss strukturelle Variablen in ihre Analysen ebenso einbeziehen wie semantische, diskursive und kulturgeschichtliche Bestände und erklärende Ansätze ebenso verfolgen wie hermeneutische, historische Besonderheiten. Sie wird allerdings nicht darauf verzichten können, über mikrosoziologische, die historische Kontingenz betonende, die Eigendynamik und das Selbstverständnis der Religionen herausstellende Ansätze hinauszugehen und auch auf im Rücken der Akteure liegende strukturelle und kulturelle Einflussfaktoren, allgemeine Regelmäßigkeiten sowie gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge abzuheben. Soziologie erschöpft sich nicht in Deskription, sondern hat einen erklärenden Anspruch, ohne den sie sich nicht von den Geschichtswissenschaften unterscheiden würde. Deshalb kommt es in der soziologischen und natürlich auch in der religionssoziologischen Arbeit immer wieder darauf an, theoretische Erklärungsmodelle den Analysen zugrunde zu legen, ohne die empirische Analyse in ein deduktives Geschäft abgleiten zu lassen, die gewonnenen empirischen Untersuchungsergebnisse im Licht von theoretischen Modellen zu interpretieren und sie dazu zu benutzen, um theoretische Entwürfe weiterzuentwickeln. Theoriearbeit und empirische Arbeit sind insofern eng verknüpft. Außerdem ist es für die soziologische Arbeit am Lehrstuhl für Religionssoziologie entscheidend, dass für den Umgang mit den empirischen Phänomenen ein reflexives Methodenbewusstsein sowie handwerkliche Methodenkenntnis ausgebildet werden. Nur durch den Gebrauch hoch entwickelter Methoden der empirischen Sozialforschung wird es möglich sein, zu intersubjektiv überprüfbaren, allgemeingültigen und falsifizierbaren Aussagen über die zu erforschende soziale Wirklichkeit zu kommen. Aussagen, die nicht falsifizierbar und mit dem Anspruch auf übersubjektive Gültigkeit ausgestattet sind oder sich der der intersubjektiven Überprüfung entziehen, können nicht als wissenschaftliche Aussagen bezeichnet werden. Unter den Methoden besitzt der Vergleich aufgrund seiner heuristischen Qualitäten zweifellos einen privilegierten Status.

    Inhaltlich stellen die religiösen Veränderungsprozesse in den Ländern Ost- und Ostmitteleuropas einen ersten Schwerpunkt dar. Daneben stehen – auch und nicht zuletzt unter vergleichenden Gesichtspunkten – die Länder Westeuropas im Fokus der Aufmerksamkeit. Die Erforschung des religiösen Wandels in den unterschiedlichen Regionen Europas erfolgt unter Einbeziehung des sozialen, politischen, ökonomischen, rechtlichen und kulturellen Kontextes, wobei jene oben angedeutete Vermittlung zwischen Sozialstrukturanalyse und Kulturgeschichtsschreibung, makro- und mikrosoziologischer Betrachtung, erklärendem und hermeneutischem Ansatz angestrebt wird. Die in Münster betriebene Religionssoziologie ist kontextuale Religionssoziologie. Deswegen werden neben den religiösen Wandlungsprozessen immer auch Veränderungen im wirtschaftlichen Bereich, im Staat/Kirche-Verhältnis, in der Religionspolitik, in den kulturellen Semantiken und Diskursen sowie in der öffentlichen und politischen Kultur beachtet. Gerade eine methodenbewusst betriebene Religionssoziologie wird dabei sowohl die Falle des Szientismus als auch der bloßen Paraphrase vermeiden können und darf es sich zutrauen, zu über den Einzelfall hinausgehenden Einsichten zu gelangen.

 

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