Konstruktion und Geltung – Zur Referentialität der Soziologie
Soziologische Begriffe und Theorien transzendieren als Formen des Wissens nicht (vollständig) die Ebene des "sozialen" Kontextes. Sie sind eingebettet in historische und soziale Prozesse der vorreflexiven und unausgewiesenen Transformation von Plausibilitätskriterien (z. B. Paradigmenwechsel) und haben deswegen – genetisch betrachtet – eine immer nur problematische Geltung. Der konstruktivistische Mainstream innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften sieht sich vor diesem Hintergrund im Recht, wenn er sozialen Sinn, Wissen, Kommunikation, aber auch Phänomene, die auf der Ebene von Bezugnahmen erster Ordnung (Akteursperspektiven, Selbstverständnisse, manifeste Semantik) Ansprüche auf Geltung stellen, als "soziale Konstruktionen" auf Abstand hält.
Was sind soziale Konstruktionen? Worauf referieren SoziologInnen, wenn sie die Konstruiertheit des Sozialen betonen? Was ist das Kriterium, das es erlaubt zu sagen, ein soziologisches Konstrukt verfehle oder treffe die "soziale Wirklichkeit"? Diese Fragen nach den Problemen der Selbstausweisung und Selbstreferenz, der Referentialität der Soziologie und ihres Zugangs zum Gegenstand verlangen danach, die Grenzen der konstruktivistischen Reflexionen nicht nur kritisch zu beleuchten, sondern zugleich Alternativen auszuweisen, die Geltungsfragen innerhalb der Sozialund Kulturwissenschaften (wieder) – ohne notwendig an Letztbegründungsprätentionen anzuknüpfen – ansprechbar machen.
Der Workshop diskutiert aus diesem Grund Theorievarianten, die die Referentialität sozialen Sinns, Wissens und Kommunikation, einschließlich wissenschaftlicher Begriffe und Theorien, stark machen. Dabei treffen pragmatistisch orientierte Theorien, die das implizite Wissen um die Materialität und Widerständigkeit der Welt betonen, auf individualistisch geprägte Handlungs- und Sozialtheorien. Die zu diskutierenden Fragen sind:
- Benötigt eine referenzoptimistisch angelegte Theoriesprache eine/ und wenn ja welche ontologische Fundierung? Muss nicht nur die Realität der Bezugnahme (pragmatischer Realismus), sondern auch die Realität des Bezugs-Gegenstandes (ontologischer Realismus) reflektiert werden?
- Wie konstituiert sich sozialer Sinn? Wie ist das Verhältnis von intentionaler Bezugnahme auf die Welt und (extern) vorhanden Deutungsschemata zu konzipieren? Holistisch oder individualistisch?
- Welche Rolle spielt die Zeit bei der sprachlichen/ repräsentierenden oder praktischen Bezugnahme auf die Welt – und wie hängen diese Bezugnahmen und ihre Zeiten zusammen?
Programm
Donnerstag, 9. Februar 2012
- 14:00–14:30 Uhr: Begrüßung/Einführung
- 14:30–16:00 Uhr: Gert Albert (Heidelberg): "Zur Bedeutung des (Anti-)Realismus in der Soziologie"
- 16:00–16:30 Uhr: Pause
- 16:30–18:00 Uhr: Joachim Renn (Münster): "Konstruktion, Explikation, Referenz"
- 19:00: gemeinsames Abendessen
Freitag, 10. Februar 2012
- 9:30–11:00 Uhr: Jens Loenhoff (Essen): "Der Körper als Generator vorreflexiver Gewissheit und Medium der Sinnkonstitution"
- 11:00–11:30 Uhr: Pause
- 11:30–13:00 Uhr: Jens Greve (Münster): "Sozialer Externalismus und Individualismus"
- 13:00–14:30 Uhr: Mittagspause
- 14:30–16:00 Uhr: Peter Isenböck (Münster): "Sinn und Materialität. Über externe rationale Kontrolle"
- 16:00–16:30 Uhr: Pause
- 16:30–18:00 Uhr: Rainer Schützeichel (Hagen): "Externalistische Soziologie"
Organisation
Lehrstuhl für Theoriebildung – gesellschaftliche Kohäsion
Prof. Dr. Joachim RennInstitut für Soziologie
Scharnhorststr. 121
48151 Münster
Raum 541Tel.: +49 251 83-29431
Fax: +49 251 83-29930
j.renn@uni-muenster.de
Sprechstunde: Mi 12:00-13:00
Veranstaltungsort
Institut für Soziologie
Scharnhorststr. 121 48151 Münster
Anmeldung
E-Mail bis zum 5. Februar an:
workshop.geltung@uni-muenster.de

