Laufende Forschungsprojekte
Die Ukraine und die Herausforderung Europa:
Diskursgeschichtliche und kultursemiotische Studien zu Europa-Konstrukten einer Randregion
Intellektuelle zwischen Prag und Tallin haben die politische Erneuerung ihrer Länder bereits lange vor 1989 als „Heimkehr nach Europa“ erörtert. In der Ukraine hielt diese Losung mit der „Revolution in Orange“ Einzug. Den EU-Beitritt der Nachbarn in Ostmitteleuropa vor Augen, erlebten die Ukrainer zugleich die Umtriebe der ‚russischen Partei’ im Lande und die neuerwachten Imperial-Ambitionen der Putin-Ära. Die Europa-Hoffnungen der Ukrainer im Winter 2004/05 wurden durch die Entwicklung seitdem vielfach Lügen gestraft. Allerdings kann die Frage, ob die Europa-Projektionen langfristig fruchten können, nicht durch bloße Gegenwartsanalysen entschieden werden: Was der Europa-Bezug in der Ukraine bewirken kann, wurde in geschichtlichen Zyklen immer wieder zur Frage. Deren Verlauf seit 1850, von 1917-1934 und seit der Wende 1991 sind Gegenstand des slavistischen Projekts im Rahmen des literaturwissenschaftlichen Europa-Kollegs der WWU Münster. Zur Homepage des Europa-Kollegs
Figuren der Legitimität:
Rechtskultur und Philosophie in Osteuropa, bes. Russland
Das Räsonnieren über Recht und Gesetz, keine Vorzugsgattung des öffentlichen Diskurses in Russland, findet unter den Bedingungen der Autokratie vielfach unterschwellig in der Belletristik und Literaturkritik statt. Die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sichtbaren Ansätze russischer „Rechtskunde“ werden seit dem publizistischen ‚Betriebsunfall‘ um Aleksandr Radiščevs «Reise von Moskau nach Petersburg» streng von allem öffentlichen Räsonnement abgeschnitten und bleiben – vollends nach dem Dekabristen-Aufstand von 1825 – ohne Wirkungsmacht gegenüber den offiziell geförderten legitimistischen Sozial-‚Philosophien‘. So beherrscht die rechtsnihilistische Polemik slavophiler Literaten das Feld, bevor mit der Justizreform 1864 allmählich ein professioneller Advokatenstand und eine argumentierende Rechtsphilosophie entstehen. Die liberalen Rechtsphilosophen sind ihrerseits bald mit Lev Tolstojs irrationalistischer Rechtskritik und anderen institutionen-feindlichen Lehren konfrontiert – den Symptomen einer bis in die 1930er Jahre erörterten „Krise des Rechtsbewusstseins“. Der Gegenwartsbezug von Forschungen zur Rechtstheorie des umrissenen Zeitraums liegt auf der Hand: Alle osteuropäischen Reformstaaten waren nicht nur mit Rechtstransfer aus westlichen Systemen konfrontiert, sondern auch mit der Frage, wie Rechtsstaatlichkeit durch den Rückgriff auf eigene Traditionen plausibel gemacht werden kann.
II. «Erzählte Justiz in Russland. Narrative Übersetzungen einer Rechtsordnung, 1864-1918»
Forschungsschwerpunkte am Slavisch-Baltischen Seminar
- Kultur und Geschichte des russischen Imperiums
- Ukrainistik. Forschungen und Arbeitsmittel zur Kulturgeschichte und Didaktik
- Osteuropäische (speziell polnische) Roman- und Erzählliteratur vom Ausgang des 18. Jahrhunderts bis in die jüngste Zeit
- Figuren der Legitimität: Rechtskultur und Philosophie in Osteuropa, bes. Russland
- Osteuropäische Komparatistik (vergleichende Studien zu verschiedenen slavischen sowie zur litauischen Literatur)
- Die slavische Komödie des 19. & 20. Jahrhunderts (Komparatistik I)
- Studien zur litauischen Dichtung im europäischen Kontext(Komparatistik II)
- Forschungen zu Mittelalter und Früher Neuzeit bei den Slaven. Renaissance und Humanismus in Polen und Böhmen
- Slavische Philologie und Linguistik
Zur Geschichte des Slavisch- Baltischen Seminars
1930-1947
Die Gründung des Slavischen Seminars an der Universität Münster im Jahr 1930 trug der wachsenden politischen Bedeutung der slavischen Staaten in Ost- und Mitteleuropa sowie dem erhöhten Interesse an Sprache und Kultur dieser Völker Rechnung.
Zur Vorgeschichte dieser Entscheidung gehören die Lehraufträge für Russisch und Polnisch, die auf Erlaß des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung in Berlin erstmals 1919 an der Universität Münster erteilt worden waren. Da sich die Sprachkurse der slavischen Sprachen großer Beliebtheit erfreuten, wurde 1927 im Rahmen des Instituts für Altertumskunde Karl Heinz Meyer als Privatdozent und außerordentlicher Professor mit der Vertretung des Faches "Slavische Philologie" betraut. Aus dem Institut für Altertumskunde ging 1930 auch das eigenständige Slavische Seminar hervor, dessen erster Direktor Meyer wurde.
Er vertrat in Forschung und Lehre die Sprachgeschichte des Ost- und Westslavischen ausgehend vom Altkirchenslavischen, beschäftigte sich aber auch mit der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Meyer konnte für das Russischlektorat den bedeutenden russischen Gelehrten Petr Bogatyrev (1893-1971) aus der Prager Emigration gewinnen, der das Veranstaltungsangebot durch Lehrveranstaltungen zur russischen und tschechischen Literatur ergänzte und in seinen Münsteraner Forschungen den großen Entwurf eines Grundrisses der wissenschaftlichen Folklore-Forschung weiterführte.
Nachdem Meyer 1935 einem Ruf nach Königsberg gefolgt war, übernahm Oswald Burghardt, bereits seit 1934 außerplanmäßiger Lektor für Russisch und Ukrainisch, die Vertretung des Münsteraner Lehrstuhls. Burghardts Forschungen und Veranstaltungen galten der ost- und westslavischen, schwerpunktmäßig der polnischen Literatur. Kriegsbedingt war der slavistische Lehrbetrieb seit 1941 rückläufig, kam jedoch nach Kriegsende und bis 1947 unter der Leitung von Josefine Burghardt und mit der Unterstützung des Serbokroatisch-Lehrbeauftragten Dr. Anton Knezevic sowie des Vasmer-Schülers Dr. Heinz Wissemann (Altkirchenslavisch-Kurse) wieder in Gang.
1947-1966
Von 1947 an gab es Bestrebungen, einen ordentlichen Professor für Slavische Philologie nach Münster zu berufen. Die Universität trat aus diesem Grund zunächst in Verhandlungen mit dem ukrainischen Gelehrten Dmitrij Tschizewskij; der Ruf erging 1948 jedoch an Dietrich Gerhardt, dessen großes Verdienst in der Folge der Aufbau der Bibliothek des Slavischen Seminars war.
Ab 1958 wurde der bislang außerordentliche Lehrstuhl zum Ordinariat. Als Gerhardt 1959 einen Ruf nach Hamburg annahm, wurde Ernst Dickenmann berufen, der in Forschung und Lehre sowohl die Linguistik als auch die Literaturwissenschaft vertrat, wobei sein besonderes Interesse dem 18. Jahrhundert galt.
1966-1983
In den sechziger Jahren erfreute sich das Studium der Slavischen Philologie solchen Zuspruchs, daß 1966 die Einrichtung eines weiteren Ordinariats folgte, auf das Friedrich Scholz berufen wurde. Scholz beschäftigte sich mit den Sprachen und Literaturen der slavischen Länder, aber auch des Baltikums. Seit 1968 wird am Slavischen Seminar, das seinen Namen in Slavisch-Baltisches Seminar änderte, zeitweilig als einziger Universität in der Bundesrepublik Deutschland das Studium der Baltischen Philologie angeboten.
Im Jahre 1970 kam mit Hubert Rösel, der die Nachfolge für Ernst Dickenmann antrat, ein Ordinarius nach Münster, der das Westslavische, insbesondere die Bohemistik in den Mittelpunkt seiner vorwiegend sprach- und kulturhistorisch orientierten Arbeit stellte. Ab 1978 vertrat Gerhard Ressel als C 3-Professor das Fach in der Serbokroatistik und in der synchronen Linguistik der russischen Gegenwartssprache.
Zum fünfzigjährigen Bestehen des Seminars im Jahre 1980 wurde auf Initiative von Hubert Rösel, Friedrich Scholz und Gerhard Ressel die Reihe "Studia slavica et baltica" ins Leben gerufen, in der die am Seminar entstandenen Arbeiten veröffentlicht wurden; seit 1990 wird die Reihe unter dem Titel "Veröffentlichungen des Slavisch-Baltischen Seminars der Westfälischen Wilhelms-Universität: Sprache - Literatur - Kulturgeschichte" fortgeführt.
1983-1995
Auf den Lehrstuhl des 1982 emeritierten Hubert Rösel wurde zum Sommer 1983 Gerhard Birkfellner berufen, dessen Schwerpunkte in der sprach- und kulturhistorischen Bearbeitung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Slavia liegen.
Im Jahr 1993 wurde auf Initiative der damaligen Rektorin der Universität, Frau Maria Wasna, das Institut für Interdisziplinäre Baltische Studien gegründet, das die wissenschaftliche Beschäftigung mit Problemen des Baltikums fördern und auch über den Bereich der Universität hinaus überregional koordinieren soll.
Im selben Jahr wurde Friedrich Scholz emeritiert; sein Lehrstuhl blieb zweieinhalb Jahre lang unbesetzt. Da keine Vertretung genehmigt wurde, mußten die Professoren Birkfellner und Ressel den Lehrstuhl anteilig ersetzen, was zu einer Schwächung der kleinen Slavinen und speziell des Studienganges Südslavistik führte.
seit 1995
Zum Wintersemester 1995 trat Alfred Sproede die Nachfolge des Lehrstuhls Scholz an; seine Arbeitsbereiche sind die ost- und westslavischen Literaturen von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart; ausbauend auf seinen polonistischen Forschungs- und Lehrprojekten hat er sich seit der Übernahme des Münsteraner Lehrstuhls auch mit Fragen der baltischen, speziell der vergleichenden polnisch-litauischen Literaturwissenschaft befaßt.
Wenige Monate, nachdem mit dem Dienstantritt von Sproede nach längerer Unterbrechung wieder die Besetzung aller drei Professuren erreicht war, erging ein Ruf nach Trier an Gerhard Ressel. Nach dem Weggang von Ressel zum Sommer 1996 wurde seine Professur mit den Schwerpunkten russische Linguistik und Südslavistik zunächst nicht wiederbesetzt. Im Winter 1997/98 konnte zur Überbrückung der kroatische Barockspezialist Zoran Kravar für ein Gastsemester gewonnen werden. Die Ressel-Nachfolge, eine auf sechs Jahre befristete Hochschuldozentur (C2), wurde zum Sommersemester 1998 von Frau Dr. Snjezana Kordic übernommen.
Frau Kordic vertritt die Lingustik der modernen slavischen Sprachen und die Südslavische Philologie in der Sprach- und Literaturwissenschaft. Ihre Forschungen behandeln insbesondere die Syntax der südslavischen Sprachen, die funktional-semantischen Kategorien in modernen slavischen Sprachen (Russisch, Kroatisch-Serbisch), die neuere Soziolinguistik und die Geschichte der neuesten slavischen Linguistik.
Neben dem Russischen hat das Slavisch-Baltische Seminar stets auch andere Slavinen sowie baltische bzw. finnougrische Sprachen (u.a. Estnisch) betreut. Eine gut 50jährige Tradition können die Polonistik und die Serbokroatistik aufweisen: Ein Lektorat für Polnisch existierte seit Beginn der Lehrtätigkeit bis 1989, eines für Serbokroatisch bis 1992.
Die tschechische Sprache wurde erstmals 1928 gelehrt, nach einer Pause wieder im Jahre 1938, seit 1969 durchgehend bis ins Jahr 1988, als neben der Bohemistik auch die Bulgaristik den Sparzwängen zum Opfer fiel. Lettisch und Litauisch werden im Slavisch-Baltischen Seminar seit 1967 gelehrt, seit Beginn der 70er Jahre sind Finnisch, Ungarisch und Estnisch hinzugekommen.

