Forschungsprogramm des SFB 1150 „Kulturen des Entscheidens“

Entscheiden und die damit zusammenhängenden Probleme spielen für die Selbstwahrnehmung unserer Gesellschaft eine wesentliche und in den letzten Jahren zunehmend größere Rolle. Wir erleben gegenwärtig mehr denn je, welche Zumutung das Entscheiden darstellt: Es müssen immer mehr Entscheidungen von immer größerer Tragweite getroffen werden, während gleichzeitig das Abwägen aller relevanten Umstände immer aussichtsloser wird und die Entscheidungsfolgen immer weniger abschätzbar sind.

Die Virulenz des Themas legt es nahe, durch kulturwissenschaftliche und historische Analysen eine größere reflexive Distanz zum Gegenstand ‚Entscheiden‘ zu gewinnen. Jedoch ist Entscheiden in den Kulturwissenschaften und speziell in der Geschichtswissenschaft bisher kaum in konzeptioneller und disziplinübergreifender Weise reflektiert worden. Vielmehr wird zumeist stillschweigend vorausgesetzt, dass das Handeln der Akteure auf Entscheidungen beruht und dass diese im Normalfall aus rationalen oder zumindest nachvollziehbaren Erwägungen und Motiven erfolgen. Dass Entscheiden eine ausgesprochen voraussetzungsvolle Form des sozialen Handelns ist, gerät dabei kaum in den Blick.

Hier setzt der SFB 1150 an. Das langfristige Forschungsziel ist demnach auch ein doppeltes: Zum einen soll auf der Grundlage eines die Analyse strukturierenden Forschungsprogramms in historisch vergleichender und interdisziplinärer Perspektive untersucht werden, wie Entscheiden als soziale Praxis in unterschiedlichen historischen und sozialen Kontexten gerahmt, modelliert, inszeniert und reflektiert wurde, auf welchen kulturspezifischen Bedingungen es jeweils beruhte, wie es seinerseits die institutionelle Struktur der Gesellschaft und die sozialen Machtverhältnisse prägte, aber auch, wie und warum sich Kulturen des Entscheidens langfristig veränderten. Damit soll zum anderen ein Anstoß dazu gegeben werden, Entscheiden zu einem zentralen Gegenstand der Historischen Kulturwissenschaften zu machen, nicht zuletzt um den gegenwärtigen, tendenziell geschichtsfernen öffentlichen wie wissenschaftlichen Diskursen über Entscheiden eine andere Perspektive zur Seite zu stellen. Angesichts eines verbreiteten unterkomplexen Verständnisses von Entscheiden in Politik und Alltagsleben erscheint uns das als ein wichtiger Beitrag der Historischen Kulturwissenschaften zur gesellschaftlichen Selbstreflexion.

Entscheiden und Entscheidung

Der SFB 1150 versteht Entscheiden nicht als mentalen Vorgang, der dem Handeln individueller Akteure vorausgeht, sondern als eine keineswegs selbstverständliche, voraussetzungsvolle und historisch veränderliche Formung sozialen Handelns, die sich aus der Notwendigkeit ergibt, soziale Komplexität zu bewältigen. Wir fassen Entscheiden als prozessuales Geschehen, das auf das Fällen einer Entscheidung bezogen ist und an dem unterschiedliche Akteure beteiligt sind. Unter Entscheidung verstehen wir den kontingenten Akt, in dem eine der im Prozess des Entscheidens hervorgebrachten Entscheidungsmöglichkeiten ausgewählt und fixiert wird. Dabei muss Entscheiden keineswegs notwendigerweise zu einer Entscheidung führen; vielmehr kann man sich dem Entscheiden und den damit verbundenen Zumutungen durch dilatorisches Handeln und durch die Weigerung, sich auf eine Alternative festzulegen, entziehen. Das Treffen einer Entscheidung kann vermieden, aufgeschoben oder verlagert werden; der Prozess des Entscheidens kann mit einer expliziten Nicht-Entscheidung enden oder auch einfach im Sande verlaufen. Der SFB 1150 stellt dabei Entscheiden als soziales Prozessgeschehen und die historisch variablen Formen des Entscheidens in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen und weniger die Entscheidung oder den Inhalt von Entscheidungen.

Kulturen des Entscheidens

Wir gehen davon aus, dass es nicht selbstverständlich ist, dass soziales Handeln als Entscheiden gerahmt und gestaltet wird, und zwar schon aufgrund der mannigfaltigen Zumutungen, die mit Entscheiden und dem Treffen von Entscheidungen u. a. aufgrund ihres kontingenten Charakters verbunden sind. Vielmehr ist es kulturell bedingt, ob und inwieweit soziales Handeln als Entscheiden gerahmt wird und sich Entscheiden aus dem alltäglichen Handlungsfluss ausdifferenziert. Von ‚Kulturen des Entscheidens‘ zu sprechen heißt demnach: Nicht nur was und wie entschieden wird, kann je unterschiedlich modelliert sein, sondern grundsätzlicher: schon was überhaupt als Entscheiden und Entscheidungssituation identifiziert wird, was als entscheidungsbedürftig und entscheidbar gilt und erst recht, was als richtige rationale Entscheidung angesehen wird – all das ist Ergebnis historisch gewachsener und kulturell variabler Umstände. Entscheiden kann daher nur im Kontext der je spezifischen sozialen Ordnungsstrukturen, Machtkonstellationen und Semantiken angemessen verstanden werden, auf die es seinerseits zurückwirkt. Durch eine solche Herangehensweise werden Aspekte des Entscheidens sichtbar, die herkömmlichen Zugängen entweder entgehen oder als unwichtig abgetan werden, etwa Raum, Materialität, Visualität, Medialität, Expressivität oder Sprache.

Ob und wie soziales Handeln als Entscheiden wahrgenommen, beschrieben und gestaltet wird, so unsere Prämisse, ist Ergebnis sozialer Konstruktions- und Zuschreibungsvorgänge, mit anderen Worten: ist kultur- und geschichtsabhängig. Mit Kulturen des Entscheidens ist gemeint, dass die Praxis des Entscheidens je unterschiedlichen kulturellen Mustern folgt, das heißt spezifischen, mehr oder weniger stabil institutionalisierten Verhaltenserwartungen, Sinnzuschreibungen und Handlungsprogrammen, die historischem Wandel unterliegen. ‚Kultur‘ wird also nicht als ein separates gesellschaftliches Feld unter anderen (etwa im Unterschied zu Politik, Wirtschaft usw.), nicht als eine dem sozialen Handeln entzogene, übergeordnete Sphäre ‚idealer Geltung‘ und nicht in einem essentialistischen Sinne als invariante Gegebenheit verstanden. Vielmehr gehen wir im Sinne konstruktivistischer Ansätze davon aus, dass Kulturen – hier Kulturen des Entscheidens – sich in und durch soziale Praktiken und Diskurse bilden, reproduzieren und verändern.

Dimensionen des Entscheidens

Um im Einzelnen herauszuarbeiten, worin Kulturen des Entscheidens sich unterscheiden und wie sich diese entwickeln, richten wir den Blick auf die folgenden fünf miteinander verbundenen Dimensionen:

  1. Konstituierung des Entscheidens. Wenn sich nicht von selbst versteht, dass das Entscheiden als distinkte Handlungsform ausdifferenziert ist, dann fragt sich, wie das geschieht: ob und wie Entscheiden begrifflich gefasst wird, wie Entscheidungsbedarf identifiziert wird, was überhaupt Gegenstand des Entscheidens sein kann bzw. was nicht und wie es dazu gemacht wird.
  2. Modi des Entscheidens. Der Prozess des Entscheidens kann in unterschiedlicher Weise institutionalisiert sein und sich in verschiedenen formalen und informalen Modi abspielen. Dabei sind der Prozess und sein Ergebnis, die Entscheidung, auseinanderzuhalten. Die Frage ist, wie jeweils Entscheidungsoptionen erzeugt, bewertet und ausgewählt werden, wie Entscheidbarkeit gewährleistet wird – oder auch nicht – und wie sich Entscheiden und Entscheidung zueinander verhalten.
  3. Ressourcen des Entscheidens. Als normative und kognitive Ressourcen, die im Prozess des Entscheidens mobilisiert werden können, gelten etwa Alltagswissen, Erfahrung, Informationen, Expertise, normativer Konsens, historische Exempla, transzendente Offenbarung, Emotionen usw. Zu fragen ist, was in verschiedenen historischen Kontexten jeweils zur Begründung ‚guter‘, ‚richtiger‘, als ‚rational‘ angesehener Entscheidungen herangezogen wird und welche sozialen Folgen das hat.
  4. Darstellung des Entscheidens. Alles soziale Handeln hat immer auch eine symbolisch-expressive Dimension. Es fragt sich daher, in welcher Art und Weise und mit welchen Effekten das Entscheiden selbst in seinem Vollzug als ‚soziales Drama‘ inszeniert wird.
  5. Externe Beobachtung und Narrative des Entscheidens. Das Entscheiden wird in der Regel auch von außen beobachtet, beschrieben und reflektiert. Es fragt sich, inwiefern kulturspezifische (etwa literarische und wissenschaftliche) Narrative die Wahrnehmung des Entscheidens prägen, über welches Repertoire an ‚Entscheidungsgeschichten‘ eine Gesellschaft verfügt und inwiefern diese auf die Praxis zurückwirken.