Lebenslauf:
| 1978 | Geboren in Stuttgart. |
| Oktober 2001 – Januar 2008 | Studium an der Universität zu Köln, Magisterstudiengang in den Fächern Mittlere und Neuere Geschichte, Ethnologie und Politik |
| 08/2005 – 08/2006 | DAAD Stipendium für einen Forschungs – und Studienaufenthalt an der „Universidad de Guadalajara“ in Mexiko |
| 09/2007 | Magisterarbeit Geschichte zum Thema: Programa Bracero – Arbeitsmigration zwischen Mexiko und den USA 1942 bis 1964. bei Prof. Dr. Barbara Potthast. |
| 01/2008 | Abschluss des Magisterstudiums |
| seit Juli 2008 | Mitglied der Graduiertenschule des Exzellenzclusters „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und Moderne“ der WWU Münster |
Promotionsprojekt:
„Zwischen Beichtstuhl und Barrikaden“
Die indigene Bevölkerung Oaxacas und die katholische Kirche vor und nach dem Zweiten Vatikanum, 1955 – 1993
„Nur Gott setzt die Regierenden ein und enthebt sie ihrer Ämter.“ Mit dieser Aussage quittierte der Gouverneur Ulises Ruiz aus Oaxaca, Mexiko, im Jahr 2006 die Forderung nach seiner Absetzung durch eine breite soziale Protestbewegung, u.a. bestehend aus einer unabhängigen Lehrergewerkschaft sowie katholischen Laiengruppen und Pfarrern. Der Gouverneur, ein bekennender Evangelikaler, versuchte damit konservative Teile der evangelikalen und katholischen Kirche für sich zu mobilisieren.
Die Rückkehr der Religion in Öffentlichkeit und Politik ist eine der bedeutendsten und folgenreichsten Veränderungen in Mexiko. Die Historiographie entdeckt trotzdem erst allmählich die Bedeutung der Religion in einem Land, in dem über die Rolle der Kirche in Gesellschaft und Politik in der jüngeren Geschichte zwei Kriege ausgefochten wurden. Diese Arbeit knüpft an einige Pionierarbeiten zum 19. und frühen 20. Jahrhundert an und untersucht das Verhältnis zwischen Macht und Religion am Beispiel des südlichen Bundesstaates Oaxaca auf Mikro- und Mesoebene. Dabei stehen zwei Fragen im Mittelpunkt: Wie und mit welchen Folgen hat sich das Verhältnis zwischen Kirche und indigenen Gemeinden durch den Wandel der katholischen Kirche in Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 – 1965) verändert, und wie positionierte sich die Katholische Kirche gegenüber dem postrevolutionären mexikanischen Staat.
Angelehnt an die Arbeit von Bourdieu wird das religiöse Feld Oaxacas von 1955 bis 1993 auf seine Akteure, deren Positionen und Handlungsfähigkeiten im Feld untersucht. Auf lokaler Ebene wird ein Muster der Beziehung von Gemeinden und katholischer Kirche erstellt, um Interessen und Motivationen beider Seiten zu erfassen. Die wechselvolle und dynamische Beziehung zwischen Gläubigen und Priestern wird in vier unterschiedlichen Rollen der Priester beschrieben: als spiritueller Fürsorger, religiöser Verwalter, politische Figur und Privatperson. Welche Veränderungen brachte das Konzil in diese Beziehung? In Oaxaca setzte Erzbischof Bartolomé Carrasco (1976 – 1993) eine befreiungstheologisch inspirierte Pastoral, eine so genannte „Option für die Armen“, durch und strebte mit der „teología india“ eine veränderte Beziehung zwischen Kirche und indigener Bevölkerung an. Die „teología india“ wurde für die Kirche zu einer neuen Praxis der bewussten Inklusion jener indigenen Glaubenspraktiken, die den „Samen Gottes Wort“ in sich tragen, führte in der Umsetzung in Oaxaca jedoch häufig zu einer verstärkten Exklusion einer sich zuvor im tolerierten Graubereich des Katholizismus abspielenden Praxis.
Das soziale und politische Engagement kirchlicher und kirchennaher Organisationen durch die „Option für die Armen“ wurden vor dem Hintergrund eines steigenden Drucks auf die ländliche und indigene Gesellschaft durch die zunehmende Integration in das kapitalistische System soziologisch gerechtfertigt. Die indigene Bevölkerung nahm die politische und soziale Allianz mit der katholischen Kirche zumeist an, in Glaubensfragen hingegen verteidigten viele Gemeinden Autonomie und Tradition. Auch der Exodus zu den anderen Kirchen konnte nicht abgewandt werden – ab den 1970er Jahren nahmen die historisch-protestantische, aber vor allem evangelikale und parachristliche Kirchen in Oaxaca sprunghaft zu.
Ein an Antonio Gramsci angebundenes und erweitertes Konzept betont die Bedeutung von drei Bedingungen, damit Religion als Ressource des Widerstandes wahrscheinlich wird: das Vorhandensein von autonomen Organisationen oder „freien Räumen“, organische Intellektuelle und eine soziale Unterstützung für die Plausibilität des Glaubens. Anhand dieses Konzepts lässt sich die widersprüchliche und komplexe Rolle der katholischen Kirche in Interaktion mit der Gesellschaft besser erklären und begreifen.
Der sich in einer Legitimationskrise befindende autoritäre mexikanische Staat mit der regierenden PRI-Partei suchte seit den 1980er Jahren verstärkt die Nähe zu konservativen Gruppen aller Konfessionen. Während des Aufstandes 2006 stellten die evangelikalen Kirche ihre Unterstützung für die Regierung erstmals eindrucksvoll unter Beweis: 100.000 Evangelikale beteten für den Gouverneur Ulises Ruiz. Sein drohender Fall wurde schließlich von oben verhindert: die Zentralregierung schickte das Militär, um den Aufstand zu beenden.
Arbeits- und Interessenschwerpunkte:
- Migration
- Geschichte Mexikos und Europas im 19./20. Jahrhundert
- soziale Bewegungen
- Sozialgeschichte
- Globalgeschichte
Funktion innerhalb des Clusters/Beteiligung an Projekten/Arbeitsgruppen:
- Mitglied der Arbeitsgruppe Grenzarbeiten am religiösen Feld
- Mitglied der Arbeitsgruppe Die (langen) 70er Jahre
Publikationen:
- Die mexikanischen „Braceros“ – Licht und Schatten der Vertragsarbeitermigration, in: Reese, Niklas; Welkmann, Judith (Hg.): Das Echo der Migration. Wie Auslandsmigration die Gesellschaft im globalen Süden verändert, Unkel am Rhein, 2010, S.123-128.
- Glaube und Migration aus mexikanischer Sicht, in: Reese, Niklas; Welkmann, Judith (Hg.): Das Echo der Migration. Wie Auslandsmigration die Gesellschaft im globalen Süden verändert, Unkel am Rhein, 2010, S. 129-132.
- Rezension zu: Ehlers, Torben, Der Aufstand der Zapatisten, Die “widerspenstige Schnecke” im Spiegel der Bewegungsforschung, Marburg 2009, in: Kommbuch, 4.5.2011.
- Rezension zu: Zimmering, Raina: Zapatismus. Ein neues Paradigma emanzipatorischer Bewegungen, in: Kommbuch, 3.10.2011.
- Rezension zu: Bellinghausen, Hermann: Acteal: Ein Staatsverbrechen, Münster 2010, in: Kommbuch, 11.10.2011.
- Mit der Jungfrau gegen die Hochmoderne. Religion als Ressource der indigenen Bevölkerung gegen staatliche Modernisierungsprojekte in Oaxaca, Mexiko, 1950 bis heute, in: Archiv für Sozialgeschichte, Band 51, 2011. S. 445-486.
Vorträge:
- Befreiungstheologie, evangelikale Kirchen und indigene "Revitalisierung" in Oaxaca, Mexiko, 1960 -1985. Nachwuchstagung der Lateinamerika-Historiker 2008. Universität Bremen, 9./10./11.10.2008.
- Disidencia religiosa y la Iglesia católica - el cambio religioso y sus implicaciones políticas en Oaxaca a partir de los años 40. Tagung des Instituto Welte para Estudios Oaxaqueños, Universidad Regional del Sureste, Oaxaca, Mexiko, 27.6.2009.
- „Zwischen Beichtstuhl und Barrikaden“: Religion als Ressource der indigenen Bevölkerung gegen staatliche Modernisierungsprojekte 1950 – 1980. Autoren-Workshop des Archivs für Sozialgeschichte, Freidrich Ebert Stiftung, Bonn, 16./17.9.2010.
- Did Liberation theology subvert gendered rule? Masculinties, race and class as performed in public Church celebrations in Oaxaca, Mexico. Tagung des Exzellenzclusters Religion und Politik: Religions and Masculinities en las Américas, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, 29./30.09.2011.
- Die katholische Kirche angesichts der aktuellen sozialen und politischen Situation. Tagung der Akademie Franz Hitze Haus: Mexiko: Wege aus der Gewalt. Münster, 27./28.1.2012.
Kontakt:
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