Studienprogramm der Graduiertenschule im Wintersemester 2010/11

Vertiefungsseminar für Mitglieder der Graduiertenschule:

Religion, Politik, Gewalt
Koordination: Dr. Felicity Jensz
Zeit: Montag 16-18 Uhr, Ort: Johannisstraße 1-4, Raum 116; ab Januar 2011: Geiststraße 24/26, Raum 132
Beginn: 11.10.2010

Zusätzliche Angebote der MentorInnen: 

Übung: Der 'Historikerstreit'. Die Debatte um die Einzigartigkeit des Holocaust und die Geschichtskultur der 1980er Jahre in der Bundesrepublik
Dr. Klaus Große Kracht
Zeit: Mittwoch 10-12 Uhr, Ort: Fürstenberghaus, Raum S33
Beginn: 13.10.2010

Als ‚Historikerstreit‟ wird eine sowohl öffentlich als auch fachwissenschaftlich geführte Debatte bezeichnet, die sich im Sommer 1986 hinsichtlich der Frage der Einzigartigkeit des Holocaust entfachte. Im Zuge dieser Debatte, an der sich nahezu alle namhaften deutschen Zeithistoriker, aber auch viele Publizisten und public intellectuals beteiligten, wurden grundlegende Fragen des öffentlichen Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Bundesrepublik der 1980er Jahre verhandelt. Die Übung soll auf der Grundlage der damaligen Debattenbeiträge die wichtigsten Positionen herausarbeiten, sie in ihren zeitgeschichtlichen Kontext einordnen und im Lichte neuerer Forschungsergebnisse spiegeln. Die Übung verfolgt damit das Ziel, sowohl eine Einführung in die Geschichte der zeitgeschichtlichen Forschung in der Bundesrepublik zu geben als auch eine Einführung in grundsätzliche Theorie- und Methodenfragen, die sich angesichts des forschenden Umgangs mit dem Holocaust für Historikerinnen und Historiker ergeben.

Literatur: "Historikerstreit". Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987; Richard J. Evans, Im Schatten Hitlers? Historikerstreit und Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik, Frankfurt a. M. 1991; Steffen Kailitz, Die politische Deutungskultur im Spiegel des Historikerstreits, Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2001; Norbert Frei (Hrsg.), Martin Broszat, der "Staat Hitlers" und die Historisierung des Nationalsozialismus, Göttingen 2007; Klaus Große Kracht, Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005; ders., Debatte: Der Historikerstreit, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.1.2010

Seminar: Die Ausdifferenzierung von Religion und Politik: Soziologische Annahmen und historische Befunde
Dr. habil. Christel Gärtner (in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Detlef Pollack)
Zeit: Mittwoch 10-12 Uhr, Ort: S519, Scharnhorststraße 121
Beginn: 20.10.2010

Die Säkularisierungsthese gehört zum Kernbestand soziologischer Theorieentwürfe. In den letzten Jahren und Jahrzehnten nimmt jedoch die Kritik an ihren Grundannahmen zu. In Frage gestellt werden nicht nur ihr teleologischer und deterministischer Charakter und ihre normativen und eurozentrischen Implikationen. Kritik wird auch an ihren empirischen Behauptungen und ihren theoretischen Voraussetzungen und dabei insbesondere am Theorem der funktionalen Differenzierung geübt. Ziel des Seminars ist es, eine der heute am häufigsten kritisierten Meistererzählungen der klassischen Moderne auf den Prüfstand der Historie zu stellen und in empirischer und theoretischer Hinsicht auf ihre Validität zu testen. Dieser Test soll nicht im interkulturellen Vergleich erfolgen, der für die Behandlung der aufgeworfenen Frage gleichfalls in Frage käme, sondern im historischen Vergleich, denn die Säkularisierungsthese ist zuallererst eine historische These und muss daher auch vor allem historisch überprüft werden. So bietet die historische Analyse die Gelegenheit, herauszufinden, auf welche Art und Weise sich das Verhältnis von Religion und Politik in den vergangenen Jahrhunderten verändert hat, welches die treibenden Kräfte für die Veränderungen waren und ob es in der Tat berechtigt ist, von einer zu-nehmenden Differenzierung der beiden sozialen Sphären zu sprechen. Um generalisierte soziologische Theorie und um Detailtreue bemühte historische Forschung aufeinander zu beziehen, sollen Probebohrungen zu ausgewählten Perioden in der Geschichte der Säkularisierung bzw. der theoretisch unterstellten Säkularisierung vorgenommen werden. Gedacht ist an eine intensivere Beschäftigung mit dem sogenannten Investiturstreit (1056-1122), dem konfessionellen Zeitalter (16./17. Jahrhundert), dem Ursprung der Menschenrechte im ausgehenden 18. Jahrhundert sowie dem Prozess der zunehmenden Trennung von Kirche und Staat im langen 19. Jahrhundert.

Literatur wird zu Beginn des Semesters bekannt gegeben. Zur Vorbereitung dienen: Ernst-Wolfgang Böckenförde: Staat, Gesellschaft, Freiheit. Frankfurt, 1976; Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt/M. 2009; Niklas Luhmann, Funktion der Religion, Frankfurt/M. 1977.