(A8) Katholische Kirche und moderne Staatsformen – Normen im Konflikt?

Erst auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) rang sich die Kirche dazu durch, die generelle Autonomie der weltlichen Sachbereiche und die Demokratie zu akzeptieren. Aufgrund welcher normativen Kriterien hatte das kirchliche Lehramt in der Zeit davor über die Begründung „weltlichen“ Rechts und die Legitimation „weltlicher“ Herrschaft geurteilt? Umfangreiche Quellenbestände, die in den vatikanischen Archiven seit September 2006 neu zugänglich sind, geben erstmals Einblick in kurieninterne Diskussionen über Fragen der normativen Staatstheorie in der Zeit zwischen den Weltkriegen.

Unter den Staaten, die dabei berücksichtigt werden müssen, soll beispielhaft der Österreichische „Ständestaat“ genannt sein, dem der Vatikan viel Aufmerksamkeit schenkte. Mehr noch: Am autoritären Regime des 1934 ermordeten Bundeskanzlers E. Dollfuß (1892-1934) wurden andere Staaten gemessen. Das könnte daran liegen, dass der „Ständestaat“  dem Idealtypus des katholischen Musterstaates in vielen Punkten recht nahe kam. In Österreich gingen Kirche und Staat eine Verbindung ein, wie sie enger und problematischer kaum hätte sein können. Zu seiner normativen Selbstlegitimation bediente sich das „austrofaschistische“ Regime explizit religiöser Motivkomplexe: Nicht nur verfügte die österreichische Bundesverfassung über den viel beschworenen „Präambelgott“. Mehr noch: Sie beruhe, so hieß es, auf jenen Prinzipien, die Papst Pius XI. (1922-1939) im Jahre 1931 in der Enzyklika „Quadragesimo anno“ dargelegt habe. Die Normen des politischen Handelns überließ die katholische Kirche im Gegenzug ganz ihrem ständestaatlichen Bündnispartner. Schon während des Bürgerkriegs im Februar 1934 erteilte der Papst Vertretern des Regimes seinen apostolischen Segen, als diese gewaltsam gegen sozialdemokratische Oppositionelle vorgingen. Nach dem Tode Dollfuß’ ließ Pius XI. gar eine Büste des Verstorbenen in seinem Arbeitszimmer aufstellen.

Auf der Basis der bislang unbekannten Quellen können erstmals theologische und politische Haltungen der Kurie modernen Staatsformen gegenüber untersucht werden. Welche Strategien zur Normlegitimierung beobachtete der Vatikan in welchen Staaten? Wie beurteilte er sie, wie reagierte er auf sie, und wie definierte er jeweils die Rolle der Kirche vor Ort? Welche Wechselwirkungen in der Wahrnehmung weltweiter politischer Entwicklungen gab es? Wie stand die katholische Kirche zu Monarchien und Republiken, zu kommunistischen und faschistischen Diktaturen, wie zur Demokratie? Wo wurden, wie in Österreich, normative Synergieeffekte erzielt? Welches Instrumentarium stand zur Regulierung normativer Konvergenzen und Divergenzen bereit? Welche Mechanismen zur Begründung und Durchsetzung staatstheoretischer Prinzipien des Katholizismus wurden aktiviert? Ziel ist ein umfassender, international vergleichender Blick auf das Verhältnis von Kirche und Staat in der Moderne aus Sicht des römischen Lehramts.


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