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Wissenschaftliches Konzept

Forschungsgegenstand

Der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ untersucht das Verhältnis von Religion und Politik in verschiedenen Machtkonstellationen und Konfliktlagen – vom Altertum bis zur Gegenwart. Die Bandbreite reicht vom Polytheismus der Antike über die Religionen Afrikas und Ostasiens bis zu den schriftbasierten monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam in ihren vielfältigen Ausprägungen und Wechselbeziehungen. Rund 200 Forscherinnen und Forscher aus mehr als 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern befassen sich mit dem Thema im interdisziplinären Austausch.

Die Zuspitzung verschiedener politisch-religiöser Konflikte auf der Welt hat die Aktualität des Themas in den vergangenen Jahren weiter verschärft. Die Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass die heutigen Probleme nur in historischer und kulturvergleichender Perspektive angemessen beurteilt werden können. Sie äußern sich deshalb regelmäßig zu öffentlichen Debatten mit dem Ziel, eine größere reflexive Distanz zur Gegenwart zu ermöglichen. Dazu dienen neben intensiver Medienarbeit auch öffentliche Ringvorlesungen, Vorträge, Workshops, Dialog- und Kulturveranstaltungen, darunter Ausstellungen, Kino- und Konzertreihen. Das Zentrum für Wissenschaftskommunikation vermittelt die Expertise der Forscherinnen und Forscher an die Öffentlichkeit jenseits der Universitäten.

Methoden

In der internationalen Forschungslandschaft nimmt der Exzellenzcluster nicht nur aufgrund seiner Größe und Fächervielfalt eine Sonderstellung ein: Er verbindet auch Disziplinen und Methoden auf eine Weise, die andere Einrichtungen der Religionsforschung nicht aufweisen. So arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler epochen- und kulturübergreifend zu allen monotheistischen Religionen. In rund 80 Einzelprojekten forschen sie historisch ebenso wie gegenwartsbezogen, empirisch ebenso wie normativ, analytisch ebenso wie hermeneutisch. „Religion“ und „Politik“ behandeln sie als historisch veränderliche soziale und kulturelle Felder, deren Wechselverhältnis das Ergebnis von Konflikten, Aushandlungsprozessen und symbolischer Konstruktion ist.

Forschungsfelder

Um das komplexe Thema systematisch zu untersuchen, haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler es in vier Forschungsfelder unterteilt: Normativität (A), Medialität (B), Integration (C) und Gewalt (D). In der zweiten Förderphase ab 2012 sind als Querverbindung Arbeitsplattformen hinzugekommen, die übergreifende Fragen behandeln: die Differenzierung von Religion und Politik (E), transkulturelle Verflechtungen (F), das Verhältnis von Religion und Geschlecht (G) und Fragen der kulturellen Ambiguität (H). Weitere Schwerpunkte bilden das Verhältnis von Religion und Wirtschaft, Märtyrertum und normative Krisen.

Forschungsfelder A-D und Arbeitsplattformen E-H

Organisational Chart Fields Of Research And Interconnecting Platforms

Organigramm zum Download im pdf-Format

Forschungsergebnisse und Publikationen

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit der ersten Förderphase von 2007 bis 2012 ergab bereits eine Fülle an Forschungsergebnissen zum Spannungsfeld von Religion und Politik von der Antike bis heute. Sie schlugen sich in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen nieder. Neue Erkenntnisse gewannen die Forscherinnen und Forscher zum Beispiel zum Verhältnis von Religion und Gewalt, zur Integration religiöser Vielfalt, zum Umgang mit kultureller Mehrdeutigkeit, zur umstrittenen Säkularisierungstheorie, zur Frage politischer und religiöser Inszenierungen und zur Durchsetzung von Normen in säkularen Gesellschaften.

Leitfragen

Ausgangspunkt der Arbeit des Exzellenzclusters war die Erfahrung, dass die moderne Trennung von Religion und Politik, die lange Zeit für selbstverständlich gehalten wurde, mittlerweile durch globale Prozesse der ökonomischen, politischen, kulturellen und medialen Verflechtung irritiert ist. Historische Meistererzählungen wie die Modernisierungstheorie wurden ihrerseits relativiert und historisiert. Es zeigte sich, dass die an westlich-liberalen Gesellschaften orientierte Säkularisierungsthese modifiziert und erweitert werden muss. Die Arbeit daran setzen die Mitglieder des Exzellenzclusters in der zweiten Förderphase bis 2017 fort – im Hinblick auf gegenwärtige Entwicklungen, auf nicht-westliche Gesellschaften und auf vormoderne Epochen.

Das breite Spektrum historischer Epochen und Kulturen, die der Exzellenzcluster behandelt, schärft den Blick dafür, dass die Rede von „Religion“ und „Politik“ immer eine begriffliche und sachliche Trennung beider Felder voraussetzt, die keineswegs in allen Zeiten und Kulturen in gleicher Weise gegeben ist. Die Aufmerksamkeit des Forschungsverbundes richtet sich daher auch in der zweiten Förderphase von 2012 bis 2017 auf die Frage, inwiefern in verschiedenen Gesellschaften eine solche Grenzziehung überhaupt existiert, wo sie verläuft und wie sie in der Praxis aufrechterhalten, angegriffen, verändert und neu austariert wird.