„Syriens Kulturschätze in Gefahr“

Forscher rechnen mit Zerstörung von Zeugnissen einer der ältesten Kulturen der Menschheit – 32. Deutscher Orientalistentag untersucht Geschichte des Alten Orients

Gipsabguss des Codex Hammurapi, einer Sammlung von Rechtssätzen aus dem 18. Jahrhundert v. Chr.

Gipsabguss des Codex Hammurapi

Wissenschaftler warnen vor der Zerstörung und Plünderung jahrtausendealter Kulturgüter als Folge des Bürgerkriegs in Syrien. „Durch die Gefechte sterben unzählige Menschen, und auch ihre 5.000 Jahre alte Kultur geht verloren, zu der die ältesten Texte der Menschheit gehören“, sagt Altorientalist Prof. Dr. Hans Neumann vom Komitee des 32. Deutschen Orientalistentags (DOT), zu dem im September gut 1.000 Orientforscher aus aller Welt an der Uni Münster erwartet werden. Die Fachrichtung der Altorientalistik rechne in Syrien mit unwiederbringlichen Verlusten. „Auch viele Syrer leiden unter den Zerstörungen und Raubgrabungen. Sie sind stolz auf historische Welterbe-Stätten wie Aleppo, Damaskus und Palmyra und gründen ihre Identität auch auf der altorientalischen Geschichte.“

Die UNESCO hatte syrische Stätten jüngst auf die Liste des bedrohten Welterbes gesetzt. Verlässliche Informationen über den Zustand der Orte gebe es derzeit nicht. „Wir haben es in Syrien wie in Irak und Afghanistan sicher mit massiven Kriegsschäden an historischen Bauten, archäologischen Ausgrabungsstätten und in Museen zu tun“, so Prof. Neumann, „auch wenn über das konkrete Ausmaß kriegsbedingt noch wenig bekannt ist.“

Schmuggler bringen historische Zeugnisse wie Keilschrifttexte, Siegel, Metallgegenstände oder Keramiken, die aus alten Palästen, Tempeln oder Privathäusern stammen, außer Landes und verkaufen sie auf dem Schwarzmarkt, wie der Experte für sumerische und akkadische Keilschrifttexte mit Blick auf die Erfahrungen seit dem Irak-Krieg erläutert. „Selbst wenn die Stücke beschlagnahmt werden, fehlt uns Forschern der Grabungszusammenhang: In welcher Siedlung, in welchem Haus und in welchem Raum wurden die Stücke gefunden? So lässt sich der komplexe historische und gesellschaftliche Zusammenhang, in dem die Funde standen, nicht mehr rekonstruieren.“

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Prof. Dr. Hans Neumann

Das Rad erfunden

Um die Tragweite der Verluste einschätzen zu können, sei zu bedenken, dass die Hochkultur des Alten Orients schon im 4. Jahrtausend vor Christus mit den ältesten Texten der Menschheit, geschrieben in Keilschrift, in Mesopotamien im heutigen Irak begonnen habe, so der Experte. Während es in Europa zu dieser Zeit keine entsprechenden Kulturzeugnisse gegeben habe, seien in den altorientalischen Kulturen der Sumerer, Babylonier und Assyrer bereits die ersten Staaten entstanden. „Errungenschaften wie die Schrift, das Rad, die Bronzeherstellung, die Großarchitektur, aber auch die ältesten Gesetze – darunter der Codex Hammurapi – sind dem Alten Orient zu verdanken.“ Umso dramatischer sei der Verlust archäologischer Hinterlassenschaften und Textüberlieferungen durch Kriege in Syrien, Irak und Afghanistan. Die Wissenschaft in solchen Krisenregionen brauche Unterstützung durch europäische Einrichtungen wie das Deutsche Archäologische Institut (DAI), das etwa irakische Forscher für die Sicherung von Exponaten ausbilde.

Ehrengast Jean-Jacques Glassner

Auf dem 32. Deutschen Orientalistentag (DOT) vom 23. bis 27. September in Münster präsentieren nationale und internationale Vertreter der Altorientalistik und der Vorderasiatischen Archäologie in ihrer Sektion neueste Forschungen zur „Gesellschaftsgeschichte des Alten Orients“. Als Ehrengast spricht der renommierte Altorientalist Prof. Dr. Jean-Jacques Glassner aus Paris über das Geschichtsverständnis von Gelehrten in Mesopotamien. Prof. Neumann leitet die Sektion, zu der Forscher aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Iran und den USA erwartet werden, gemeinsam mit dem Professor für Vorderasiatische Altertumskunde der Uni Münster, Reinhard Dittmann.

Die Altorientalistik untersucht die Sprachen, Geschichte und Kulturen des Alten Orients vom Auftreten der ersten Keilschrifttexte im späten 4. Jahrtausend vor Christus bis zum Erlöschen dieser Schrift um die Zeitenwende. Ihre wichtigsten Quellen sind die vielen tausend Texte, die in Keilschrift auf Tontafeln geschrieben sind und die Jahrtausende überdauert haben. Die Texte stammen vornehmlich aus den Regionen im heutigen Irak, Syriens, des Iran und der Türkei, zu einem geringeren Teil auch aus der Levante und sogar aus Ägypten.

Plakat

Plakat des 32. Deutschen Orientalistentages

Prof. Neumann vertritt im DOT-Komitee die Altertumswissenschaften im Bereich der Orientalistik. Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Orient-Gesellschaft (DOG) ist seit 1999 Professor in Münster und seit 2010 Vorstandsmitglied des Centrums für Geschichte und Kultur des östlichen Mittelmeerraums an der WWU Münster. Er gibt die renommierte „Orientalistische Literaturzeitung“ heraus und ist Verfasser der alljährlich in Rom erscheinenden „Keilschriftbibliographie“. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Bearbeitung sumerischer und akkadischer Keilschrifttexte aus dem Berliner Vorderasiatischen Museum sowie aus kleineren in- und ausländischen Sammlungen. Außerdem arbeitet er an Keilschrifttexten aus den Assur-Grabungen der DOG und aus der Uruk-Grabung des DAI mit und befasst sich schwerpunktmäßig mit der Wirtschafts-, Rechts- und Sozialgeschichte des Alten Vorderasiens. (vvm)