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17. Mai 1996

MUZ


Vor 50 Jahren hielt der Philosoph Josef Pieper seine erste Vorlesung in Münster
Klugheit, Maß und Muße

Als er vor Jahren Hanna-Renate Laurien in Berlin wiedertraf, da wollte er sie eigentlich nur kurz begrüßen. Doch sie nahm ihn am Arm, stellte ihn einem größeren Publikum vor und erklärte: "Auf seine Vorlesungen hin bin ich katholisch geworden". Daß zu Joseph Piepers Fans auch die künftige Ehrendoktorin der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster zählt, ist nicht weiter verwunderlich. Denn der greise Philosoph hat es wie kaum anderer verstanden, Akademiker wie Nicht-Akademiker für die Philosophie zu begeistern. Griechische Antike und christlicher Geist, für die Neuzeit ausgelegt, sind die Pfeiler seines Handelns und Denkens. Seit 1946 hielt er seine Vorlesungen, die einst die meistbesuchtesten der Universität waren. In diesem Semester sagte Pieper, vor kurzem 92 Jahre alt geworden, erstmals seine Vorlesung ab: "Ich wollte die berühmte Abschiedsvorlesung vermeiden, deshalb habe ich so abrupt Schluß gemacht". Foto: Prof. Josef Pieper

"Den kann man ja verstehen"

50 Jahre Pieper-Vorlesungen in Münster, das sind auch 50 Jahre Nachkriegsgeschichte der Universität. "Anfangs gab es ja nur die Gebäude der Kliniken. Also mußte ich im großen Hörsaal der Inneren Medizin lesen. Es war ein wunderbarer Anfang für mich als Dozent, als die Baupolizei mir vorschrieb, daß die Vorlesung geteilt werden müsse, weil die Studenten auch auf den Treppen und Fensterbänken saßen". Später zog Pieper ins Fürstenberg-Haus um, aber auch hier waren die Vorlesungssäle stets überfüllt. Als die Universität in den 70er Jahren das Hörsaal-Gebäude am Hindenburgplatz plante, da nahm man sich Piepers Vorlesung, die in zwei weitere Räume übertragen werden mußte, zum Maßstab. 1500 Studenten konnte er damals zu seinen Zuhörern zählen, aber auch nach seiner Emerittierung blieben ihm die Bürger und die Studenten treu. Im H1 hat er aber selber nie gelesen.

Seine besondere Anziehungskraft, die sich auch in einer Millionenauflage seiner Bücher zeigt, erklärt sich Pieper so: "Offenbar interessierte die Leute das, was ich erzählte. Ich habe immer versucht, keine Fachphilosophie zu betreiben, sondern aufzugreifen, was die Studenten bewegte". Was heißt Feiern, Glauben, Gerechtigkeit? Was Klugheit, Maß und Muße? Daß er nicht unumstritten war, weiß Pieper: "Die Philosophen und Fachleute haben mich ignoriert, weil sie gesagt haben: "Den kann man ja verstehen'". Seine Essays über die Kardinaltugenden, deren erster - "Vom Sinn der Tapferkeit" - 1934 erschien, wurden zu Bestsellern, auch wenn die Veröffentlichung des ersten Bandes unter Hitler fast gescheitert wäre. "Weil ich das Zitat 'Das Lob der Tapferkeit hängt von der Gerechtigkeit ab' aufgenommen hatte, fand ich zuerst keinen Verleger", erinnert sich Pieper.

Foto: Prof. Josef Pieper Bis 1932 hatte er als Assistent an einem sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut an der WWU gearbeitet, dann verlor er die feste Anstellung. Nach der Machtübernahme wurden mehrere seiner Veröffentlichungen über die päpstlichen Sozialenzykliken beschlagnahmt. Er schlug sich mit journalistischen Arbeiten durch, schrieb Hunderte von Filmkritiken und hielt Vorträge im Rahmen der Erwachsenenbildung.

"Liebe ist keine bequeme Sache"

1946 habilitierte sich Pieper in Münster und erhielt hier später den Lehrstuhl für Philosophische Anthropologie der Katholisch-Theologischen Fakultät. Daß Pieper dort, nicht in der Philosophischen Fakultät angesiedelt wurde, kommt nicht von ungefähr: Sein Denken und seine Lehre sind geprägt von den Traditionen des christlichen Abendlandes, Thomas von Aquin nennt er seinen "Lehrer". Wie sein Vorbild betont der Westfale mit dem schmalen Gesicht die Nähe der Philosophie zur Theologie. Aber auch Sokrates gilt sein Philosophieren und der Weg seines Denkens, auf den der Leser in einem ständigen Frage- und Antwortspiel hineingezogen wird.

"Das klassische Seminar habe ich ziemlich bald abgeschafft, dafür habe ich lieber den Studenten im Kolloquium die Wahl gegeben zwischen drei Themen, die wir dann im Semester behandeln wollten", beschreibt Pieper seinen Umgang mit den Wissenshungrigen. Hier fand er auch den Anstoß, den letzten und schwierigsten Essay über die Tugenden zu beenden. "Ich habe mich so schwer getan mit der Liebe, 37 Jahre habe ich gebraucht, um die Reihe zu den Grundtugenden zu vollenden. Sehen Sie, Liebe ist keine bequeme Sache und es ist auch nicht harmlos gemeint, wenn die Christen beten, "Entzünde in mir das Feuer der Liebe'".

Der gebürtige Westfale erzählt gerne von Reisen, die ihn durch die ganze Welt führten. Wenn er vom Catchen in Chicago erzählt, redet er im Sinne des Wortes mit Händen und Füßen. In Indien hielt er Gastvorträge und recherchierte für seine "Theorie des Festes". Japan, das war die langweiligste Station, "da haben die Studenten kein Wort gesagt. Sie wagen es einfach nicht, den Lehrer zu kritisieren". In Taiwan allerdings waren die Studenten heiß begeistert und luden zum Dialog ein - eine Haltung, die Pieper deutlich am meisten behagt.

"Der Tod des Sokrates wird wohl bleiben ..."

Um den Dialog zu fördern, nutzte er auch die Kunst. Zum Beispiel in Essen, wo er anfangs ebenfalls lehrte. Hier richtete er einen "Dichterabend" ein. Einmal in der Woche traf er sich mit seinen Studenten - bis zum Ausgangsverbot der Briten abends um 23 Uhr - und las ihnen vor, beispielsweise Gottfried Benn. "Dann habe ich gefragt, wer findet das gut, wer findet das schlecht?" Als Antwort habe es meist drei Möglichkeiten gegeben: "Ja, Nein und Och." Wenn er später seine ehemaligen Studenten traf, dann erinnerten sie sich nicht an seine Vorlesungen - sie sprachen nur von seinen Dichterabenden.

Früh schon nutzte Pieper auch das Medium des Fernsehens, um Philosophie volksnah zu machen. In drei Fernsehspielen setzte er platonische Dialoge um. In denen mangelt es an Frauen, was den Fernsehgewaltigen nicht behagte. "Also habe ich noch eine Frau dazugeschrieben, die immer nachgefragt hat und der dann alles erklärt wurde", erinnert sich Pieper. Rückblickend meint er zu seinen drei Fernsehspielen: ",Der Tod des Sokrates' wird wohl bleiben, aber die beiden anderen ..."

"Gott wird mir schon verzeihen"

Anläßlich seines 80. Geburtstages wurde Pieper gefragt, mit welchen Gefühlen er an das näherrückende Ende seines Lebens denke. Seine Antwort damals: "Offen gestanden, denke ich noch sehr wenig an das Ende, das einen natürlich auch sehr bald treffen kann." Nun, zwölf Jahre später, spricht aus ihm die gleiche Gelassenheit, wenn er seinen ersten Verleger Jakob Hegener zitiert: "Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Gott wird mir schon verzeihen, ich verzeihe ihm ja auch." Ohne Zynismus sei das gemeint gewesen, mit dem reinen Zutrauen eines Kindes. Noch immer ist Pieper aktiv, reist zu Vorträgen im In- und Ausland. Am 20. Mai erscheint der zweite Band einer insgesamt achtbändigen Werkausgabe. Auch noch etwas schreiben will er, "Memorabilia", persönliche Erinnerungen.

Von denen finden sich auch einige an der Wand seines Wohnzimmers. Kleine Kunstwerke, eine Maske aus Japan, Familienbilder. Ein Foto der Totenmaske von Kardinal von Galen - "mit dem habe ich auch manchen Streit ausgefochten" -, ein Foto, das ihn bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes mit Bundespräsident Herzog zeigt. Darüber eine konzentrische Edelmetall-Scheibe, "in der die Welt so verrückt aussieht, wie sie ist".


Leben

  • 1904 im münsterländischen Elte geboren
  • Studium in Berlin und Münster der Philosophie, Rechtswissenschaft und Soziologie
  • 1928 Promotion
  • 1946 Habilitation für das Fach Philosophie
  • 1960 ordentlicher Professor für "Philosophische Anthropologie"
  • Rufe an die University Notre Dame (USA), Mainz und München
  • Ehrendoktor der Universitäten München, Münster, Eichstätt und der "Catholic University of America"
  • zahlreiche internationale Auszeichungen, darunter in Deutschland der Staatspreis des Landes NRW und das große Verdienstkreuz der Bundesrepublik

Werke (Auswahl)

  • "Vom Sinn der Tapferkeit"
  • "Über den Begriff der Sünde"
  • "Über die Hoffnung"
  • "Über den Glauben"
  • "Über die Gerechtigkeit"
  • "Traktat über die Klugheit"
  • "Zucht und Maß"
  • "Über die Liebe"
  • "Tradition als Herausforderung"
  • "Was heißt Philosophieren?"
  • "Begeisterung und göttlicher Wahnsinn"
  • "Zustimmung zur Welt"
  • "Tod und Unsterblichkeit"
  • "Thomas von Aquin"
  • "Muße und Kult"
  • "Noch wußte es niemand"
    "Noch nicht aller Tage Abend"
    "Eine Geschichte wie ein Strahl" (autobiographische Aufzeichnungen)
BN

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Hans-Joachim Peter
EMail: VDV12@uni-muenster.de
Informationskennung: MUZ63-3A
Datum: 22.05.1996; 21:54 Uhr