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Vor 50 Jahren hielt der Philosoph Josef Pieper seine erste Vorlesung in
Münster
Klugheit, Maß und Muße
Als er vor Jahren Hanna-Renate Laurien in Berlin wiedertraf,
da wollte er sie eigentlich nur
kurz begrüßen. Doch sie nahm ihn am Arm, stellte ihn einem
größeren Publikum vor und erklärte: "Auf seine Vorlesungen hin bin ich
katholisch geworden". Daß zu Joseph Piepers Fans auch die künftige
Ehrendoktorin der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster zählt,
ist nicht weiter verwunderlich. Denn der greise Philosoph hat es wie kaum anderer
verstanden, Akademiker wie Nicht-Akademiker für die Philosophie zu begeistern.
Griechische Antike und christlicher Geist, für die Neuzeit ausgelegt, sind die Pfeiler
seines Handelns und Denkens. Seit 1946 hielt er seine Vorlesungen, die einst die
meistbesuchtesten der Universität waren. In diesem Semester sagte Pieper, vor kurzem
92 Jahre alt geworden, erstmals seine Vorlesung ab: "Ich wollte die berühmte
Abschiedsvorlesung vermeiden, deshalb habe ich so abrupt Schluß gemacht".
"Den kann man ja verstehen"
50 Jahre Pieper-Vorlesungen in Münster, das sind auch 50 Jahre Nachkriegsgeschichte
der Universität. "Anfangs gab es ja nur die Gebäude der Kliniken. Also
mußte ich im großen Hörsaal der Inneren Medizin lesen. Es war ein
wunderbarer Anfang für mich als Dozent, als die Baupolizei mir vorschrieb, daß
die Vorlesung geteilt werden müsse, weil die Studenten auch auf den Treppen und
Fensterbänken saßen". Später zog Pieper ins Fürstenberg-Haus um,
aber auch hier waren die Vorlesungssäle stets überfüllt. Als die
Universität in den 70er Jahren das Hörsaal-Gebäude am Hindenburgplatz
plante, da nahm man sich Piepers Vorlesung, die in zwei weitere Räume
übertragen werden mußte, zum Maßstab. 1500 Studenten konnte er damals
zu seinen Zuhörern zählen, aber auch nach seiner Emerittierung blieben ihm die
Bürger und die Studenten treu. Im H1 hat er aber selber nie gelesen.
Seine besondere Anziehungskraft, die sich auch in einer Millionenauflage seiner
Bücher zeigt, erklärt sich Pieper so: "Offenbar interessierte die Leute das, was
ich erzählte. Ich habe immer versucht, keine Fachphilosophie zu betreiben, sondern
aufzugreifen, was die Studenten bewegte". Was heißt Feiern, Glauben, Gerechtigkeit?
Was Klugheit, Maß und Muße? Daß er nicht unumstritten war, weiß
Pieper: "Die Philosophen und Fachleute haben mich ignoriert, weil sie gesagt haben: "Den
kann man ja verstehen'". Seine Essays über die Kardinaltugenden, deren erster - "Vom
Sinn der Tapferkeit" - 1934 erschien, wurden zu Bestsellern, auch wenn die
Veröffentlichung des ersten Bandes unter Hitler fast gescheitert wäre. "Weil ich
das Zitat 'Das Lob der Tapferkeit hängt von der Gerechtigkeit ab' aufgenommen hatte,
fand ich zuerst keinen Verleger", erinnert sich Pieper.
Bis 1932 hatte er als Assistent an einem sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut an der
WWU gearbeitet, dann verlor er die feste Anstellung. Nach der Machtübernahme
wurden mehrere seiner Veröffentlichungen über die päpstlichen
Sozialenzykliken beschlagnahmt. Er schlug sich mit journalistischen Arbeiten durch, schrieb
Hunderte von Filmkritiken und hielt Vorträge im Rahmen der Erwachsenenbildung.
"Liebe ist keine bequeme Sache"
1946 habilitierte sich Pieper in Münster und erhielt hier später den Lehrstuhl
für Philosophische Anthropologie der Katholisch-Theologischen Fakultät.
Daß Pieper dort, nicht in der Philosophischen Fakultät angesiedelt wurde,
kommt nicht von ungefähr: Sein Denken und seine Lehre sind geprägt von den
Traditionen des christlichen Abendlandes, Thomas von Aquin nennt er seinen "Lehrer". Wie
sein Vorbild betont der Westfale mit dem schmalen Gesicht die Nähe der Philosophie
zur Theologie. Aber auch Sokrates gilt sein Philosophieren und der Weg seines Denkens, auf
den der Leser in einem ständigen Frage- und Antwortspiel hineingezogen wird.
"Das klassische Seminar habe ich ziemlich bald abgeschafft, dafür habe ich lieber den
Studenten im Kolloquium die Wahl gegeben zwischen drei Themen, die wir dann im
Semester behandeln wollten", beschreibt Pieper seinen Umgang mit den Wissenshungrigen.
Hier fand er auch den Anstoß, den letzten und schwierigsten Essay über die
Tugenden zu beenden. "Ich habe mich so schwer getan mit der Liebe, 37 Jahre habe ich
gebraucht, um die Reihe zu den Grundtugenden zu vollenden. Sehen Sie, Liebe ist keine
bequeme Sache und es ist auch nicht harmlos gemeint, wenn die Christen beten,
"Entzünde in mir das Feuer der Liebe'".
Der gebürtige Westfale erzählt gerne von Reisen, die ihn durch die ganze Welt
führten. Wenn er vom Catchen in Chicago erzählt, redet er im Sinne des Wortes
mit Händen und Füßen. In Indien hielt er Gastvorträge und
recherchierte für seine "Theorie des Festes". Japan, das war die langweiligste Station,
"da haben die Studenten kein Wort gesagt. Sie wagen es einfach nicht, den Lehrer zu
kritisieren". In Taiwan allerdings waren die Studenten heiß begeistert und luden zum
Dialog ein - eine Haltung, die Pieper deutlich am meisten behagt.
"Der Tod des Sokrates wird wohl bleiben ..."
Um den Dialog zu fördern, nutzte er auch die Kunst. Zum Beispiel in Essen, wo er
anfangs ebenfalls lehrte. Hier richtete er einen "Dichterabend" ein. Einmal in der Woche traf
er sich mit seinen Studenten - bis zum Ausgangsverbot der Briten abends um 23 Uhr - und
las ihnen vor, beispielsweise Gottfried Benn. "Dann habe ich gefragt, wer findet das gut, wer
findet das schlecht?" Als Antwort habe es meist drei Möglichkeiten gegeben: "Ja, Nein
und Och." Wenn er später seine ehemaligen Studenten traf, dann erinnerten sie sich
nicht an seine Vorlesungen - sie sprachen nur von seinen Dichterabenden.
Früh schon nutzte Pieper auch das Medium des Fernsehens, um Philosophie volksnah
zu machen. In drei Fernsehspielen setzte er platonische Dialoge um. In denen mangelt es an
Frauen, was den Fernsehgewaltigen nicht behagte. "Also habe ich noch eine Frau
dazugeschrieben, die immer nachgefragt hat und der dann alles erklärt wurde", erinnert
sich Pieper. Rückblickend meint er zu seinen drei Fernsehspielen: ",Der Tod des
Sokrates' wird wohl bleiben, aber die beiden anderen ..."
"Gott wird mir schon verzeihen"
Anläßlich seines 80. Geburtstages wurde Pieper gefragt, mit welchen
Gefühlen er an das näherrückende Ende seines Lebens denke. Seine
Antwort damals: "Offen gestanden, denke ich noch sehr wenig an das Ende, das einen
natürlich auch sehr bald treffen kann." Nun, zwölf Jahre später, spricht
aus ihm die gleiche Gelassenheit, wenn er seinen ersten Verleger Jakob Hegener zitiert: "Ich
habe keine Angst vor dem Sterben. Gott wird mir schon verzeihen, ich verzeihe ihm ja auch."
Ohne Zynismus sei das gemeint gewesen, mit dem reinen Zutrauen eines Kindes. Noch
immer ist Pieper aktiv, reist zu Vorträgen im In- und Ausland. Am 20. Mai erscheint
der zweite Band einer insgesamt achtbändigen Werkausgabe. Auch noch etwas
schreiben will er, "Memorabilia", persönliche Erinnerungen.
Von denen finden sich auch einige an der Wand seines Wohnzimmers. Kleine Kunstwerke,
eine Maske aus Japan, Familienbilder. Ein Foto der Totenmaske von Kardinal von Galen -
"mit dem habe ich auch manchen Streit ausgefochten" -, ein Foto, das ihn bei der Verleihung
des Bundesverdienstkreuzes mit Bundespräsident Herzog zeigt. Darüber eine
konzentrische Edelmetall-Scheibe, "in der die Welt so verrückt aussieht, wie sie ist".
Leben
- 1904 im münsterländischen Elte geboren
- Studium in Berlin und Münster der Philosophie,
Rechtswissenschaft und Soziologie
- 1928 Promotion
- 1946 Habilitation für das Fach Philosophie
- 1960 ordentlicher Professor für "Philosophische
Anthropologie"
- Rufe an die University Notre Dame (USA), Mainz und
München
- Ehrendoktor der Universitäten München,
Münster, Eichstätt und der "Catholic
University of America"
- zahlreiche internationale Auszeichungen, darunter in
Deutschland der Staatspreis des Landes NRW und das
große Verdienstkreuz der Bundesrepublik
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Werke
(Auswahl)
- "Vom Sinn der Tapferkeit"
- "Über den Begriff der Sünde"
- "Über die Hoffnung"
- "Über den Glauben"
- "Über die Gerechtigkeit"
- "Traktat über die Klugheit"
- "Zucht und Maß"
- "Über die Liebe"
- "Tradition als Herausforderung"
- "Was heißt Philosophieren?"
- "Begeisterung und göttlicher Wahnsinn"
- "Zustimmung zur Welt"
- "Tod und Unsterblichkeit"
- "Thomas von Aquin"
- "Muße und Kult"
- "Noch wußte es niemand"
"Noch nicht aller Tage Abend"
"Eine Geschichte wie ein Strahl" (autobiographische
Aufzeichnungen)
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BN
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