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Kunst der Nachahmung?
Werden Kunstwerke nicht in den musealen, sondern in den öffentlichen Raum gestellt,
so fallen die Meinungen bei den Betrachtern immer sehr unterschiedlich aus. Meistens wird das
Meinungsbild von tiefster Ablehnung bis zu überschäumender Begeisterung
reichen, es sei denn, es sind sich wirklich ausnahmsweise alle mal einig. Diese Differenz der
Meinungen führt fast selbstverständlich zu einer öffentlichen
Auseinandersetzung über Sinn oder Unsinn eines Kunstwerkes oder im weiteren der
Kunst allgemein, welche aber nie wirklich zu einem Abschluß kommt, sondern im
Gegenteil bei jedem weiteren Kunstwerk von öffentlichem Interesse neu entflammt. Erst
1995 ließ sich eine solche Auseinandersetzung im Zusammenhang mit der
Verhüllung des Reichstags durch Christo und seine Frau quer durch die
bundesrepublikanische Öffentlichkeit beobachten. Auch im Falle der
Skulpturenausstellungen von 1977 und 1987 in Münster wird der Widerstreit der
Meinungen zu verzeichnen gewesen sein. Meist ist ja die öffentliche Auseinandersetzung
über eine Ausstellung noch spannender als die Ausstellung selbst. Verweigern sich die
Betrachter allerdings der Auseinandersetzung, indem sie sich ausschließlich in
Unmutsäußerungen über ein Kunstwerk ergehen, wird sie letztendlich
unmöglich gemacht.
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Umgekehrt besteht aber auch die Möglichkeit, daß sich Kunstwerke der
Auseinandersetzung entziehen. Das gilt im besonderen dann, wenn Kunstwerke in den
öffentlichen Raum gestellt und nicht als solche kenntlich gemacht worden sind. Diese
Aussage trifft auch in hohem Maße auf die Kunstwerke der Skulpturenausstellung zu.
Exemplarisch möchte ich die Kunstwerke von Susana Solano - "Intervencion en
Münster" - und Per Kirkeby - "Backstein-Skulptur" herausheben. Beide Kunstwerke
zeichnen sich zwar durch eine optische Auffälligkeit aus, lassen aber ihr Wesen als
Kunstwerke nicht erkennen. Es scheint geradezu, als handele es sich um Meisterwerke des
Mimikry. Analog der Pflanzenarten, die das Aussehen von Steinen angenommen haben,
versuchen die beiden Skulpturen ihre wahre Existenz zu verbergen.
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![[Susana Solano, Intervencion en Münster]](../image/ku0003a.jpg) |
Susana Solano, Intervencion en Münster, 1987,
galvanisiertes Eisen
Foto: Westfälisches Landesmuseum für Kunst und
Kulturgeschichte Münster
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Die Skulptur von Susana Solano ahmt geschickt mit Hilfe der verwendeten Stahlplatten und
Stahlträger, die scheinbar als Verstrebungen dienen, ein Baugerüst nach. Die
Tarnung perfekt werden läßt jedoch erst die Umgebung in der die Skulptur
angesiedelt ist. Der tarnende Untergrund ist für die Skulptur nämlich der
historische Buddenturm geworden. Für mich als vormals Werktätiger in einem
Baunebenberuf, der des öfteren seinen Schweiß in denkmalgeschützten
Gebäuden vergossen hatte, war aufgrund dieser Kombination klar, es handelt sich um ein
Gerüst, daß aus denkmalschützerischen Gründen dort aufgestellt
ist.
Von dieser Einschätzung hat mich auch nicht abbringen können, daß sich an
dieser vermeintlichen Baustelle zu keiner Zeit in irgendeiner Weise restaurative Tätigkeit
entfaltet hätte. Vielmehr schien es sich um eine bauliche Sofortmaßnahme des
Amtes für Denkmalschutz zu handeln, die zwischenzeitlich der Vergessenheit anheim
gefallen war. Irgendwann bin ich aber wohl doch zu der Kenntnis gelangt, daß ich es mit
einem Kunstwerk zu tun habe. Erst durch die Kenntnis steht einem aber der Weg offen, sich
dem Kunstwerk durch Interpretation zu nähern. Hat man das Kunstwerk erst einmal
seiner Nichtexistenz entrissen, läßt sich auch nach dem Titel des Werkes fragen,
der ja derweilen ein wenig Aufschluß über den Sinn und die Bedeutung eines
Kunstwerkes geben kann. Der Titel der Skulptur von Susana Solano lautet: "Intervencion en
Münster" , was soviel wie "Eingriff in Münster" meint. Der Titel scheint mir
zurecht so gewählt, denn tatsächlich wird an dieser Stelle in die Umgebung des
Buddenturms eingegriffen.
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Und dieser schien auch dringend notwendig, denn seit der Zeit, als die Wehrmauer, in die der
Buddenturm integriert war, zerstört wurde, muß der Buddenturm völlig
"entwurzelt" an dieser Stelle herumgestanden haben. Augenscheinlich wird diese
Deplaziertheit,
wenn man den Turm von der Münzstraße aus betrachtet. Von dieser Perspektive
aus erkennt man, wie der Turm durch die beiden Kreuzstraßen geradezu abgeschnitten ist
von den umliegenden Gebäuden. So steht er nun da verloren wie ein Baumstumpf, dem
die Wurzeln abgehackt worden sind. Die einzige Chance sich dort noch einzupassen,
wäre die Grünfläche mit den daraufstehenden Bäumen. Gerade wie
die Wurzeln eines Baumes, die im Untergrund Halt suchen, könnte das
Mauerbruchstück den Zusammenhalt herstellen zwischen Buddenturm und Umgebung.
Aber dieser Weg ist verbaut im wahrsten Sinne des Wortes, abgeriegelt durch die Skulptur, die
wie ein Verband eines amputierten Gliedmaßes das Mauerbruchstück fest
umschließt. Was allerdings nur im übertragenen Sinne für die Skulptur gilt,
denn sie berührt den Mauerrest an keiner Stelle. Wäre diese isolierende Wirkung
der Skulptur auf den Turm so gewollt, so wäre diese Intention durchaus akzeptabel. Nur
wird dieser Entwurf der Skulptur und die damit verbundene Wirkung entwertet durch die
Tatsache, daß es nur eine "Notlösung" gewesen zu sein scheint. Denn
ursprünglich war an dieser Stelle von derselben Künstlerin die Skulptur "Muralla
transitable"(durchschreitbare Mauer) geplant, die einem überdachten Weg nicht
unähnlich, den Mauerrest des Buddenturms in die Grünfläche hinein
verlängert hätte. Durch diesen Entwurf wäre die Verbindung zwischen
Buddentum und der Umgebung hergestellt worden, die durch "Intervencion en Münster"
so jäh unterbrochen worden ist. Interessanterweise konnte der erste Entwurf aus
finanziellen Gründen nicht verwirklicht werden. Aus diesen beiden Tatsachen offenbart
sich mir ein etwas seltsames Kunstverständnis und wieder einmal kommt die normative
Kraft des Faktischen zur Entfaltung. Ich unterstelle einfach mal, daß die Skulptur in
diesem Fall den finanziellen Rahmenbedingungen angepaßt worden ist, denn anderenfalls
hätte die Künstlerin auf ihrem Konzept bestanden und das Projekt zu dem
damaligen Zeitpunkt einfach fallengelassen und versucht, es vielleicht später zu
verwirklichen.
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![[Per Kirkeby, Backstein-Skulpturen]](../image/ku0003b.jpg) |
Per Kirkeby, Backstein-Skulpturen, 1986
Foto: Westfälisches Landesmuseum für Kunst und
Kulturgeschichte Münster
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Auch die "Backstein-Skulptur" von Per Kirkeby drängt sich nicht als
Kunstwerk in den
Vordergrund, obwohl die Skulptur offen einsehbar vor dem Zoologischen Institut am
Hindenburgplatz aufgestellt ist. Wie der Titel vielleicht schon verrät, besteht die Skulptur
aus gemauerten Backsteinen. Das dürfte auch der Grund sein, weshalb sich dieses
Kunstwerk so unauffällig hält an besagter Stelle. Die Skulptur besteht aus zwei
Teilen. Der eine Teil der Skulptur befindet sich auf einem von kopfsteingepflasterten
Zugangswegen umschlossenen Rasenstück, direkt vor dem Zoologischen Institut. Es
handelt sich um eine quadratische Platte mit 3 - 4 m Seitenlänge, die von ca. 50 cm
breiten schwach gekrümmten Bögen, die in waagerecht liegende Enden auslaufen
und deren Oberkanten mit der Fläche der Platte in einer Höhe liegen, eingerahmt
wird. In geschätzten 15 - 20 m Entfernung steht die zur Skulptur gehörige ca. 5m
hohe, mit einer Grundfläche von etwa 2 x 2m versehene Backsteinsäule, die "wie
bestellt und nicht abgeholt" dort steht. An diesem Teil der Skulptur sind etwa auf halber
Höhe an allen vier Seiten nach innen laufende Stufungen und flach verlaufende
Bögen gemauert, die wie Öffnungen wirken. Diese vermeintlichen Verzierungen
lassen die Backstein-Säule wie einen verblendeten Lüftungsschacht erscheinen,
genauso wie die Backstein-Platte als Kaschierung einer "unschönen", aber baulichen
Notwendigkeit gehalten werden kann. Sehe ich diesen vermeintlichen "Lüftungsschacht"
und die "Abdeck-platte" nicht mehr als solche, sondern als Kunstwerk an, erweitern sich die
Interpretationsmöglichkeiten sogleich. Mit dieser veränderten Perspektive stellen
sich bei mir die verschiedensten Assoziationen ein. So könnte es sich um die Darstellung
architektonischer Details von Backsteingebäuden handeln. Durch die
übergroße Ausführung, so wäre denkbar, sollte ähnlich der an
Persönlichkeiten erinnernden Denkmäler, eine überhöhende
Lobpreisung, in diesem Fall der Münsteraner Backstein-Baukunst, erreicht werden. Aber
auch eine Interpretation mit gesellschaftspolitischem Bezug ließe sich denken. Vielleicht
weist die Skulptur ja auf das Problem der Entwurzelung der Menschen in der heutigen
Gesellschaft hin. So wie die Backstein-Säule ohne sichtbares Fundament dasteht, sind
auch die Menschen ohne sicheren Grund, auf den sie sich zurückziehen könnten.
Was heute noch Gewißheit ist, kann morgen schon über den Haufen geworfen sein.
Immer neue Situationen brechen über die Menschen herein, die zu
Verhaltensunsicherheiten führen, da keine vergleichbaren Situationen den
Rückgriff auf adäquates Verhalten ermöglichen würden. Die
Aufteilung der Skulptur in Sockel oder Fundament und Säule und die Aufstellung der
beiden Teile in etlicher Entfernung voneinander, drücken aber noch weiter aus, daß
das Erreichen des sicheren Fundamentes in der heutigen Zeit unmöglich geworden ist.
Diese Bedeutung läßt sich sicherlich mit der Skulptur verbinden, unabhängig
von der Intention des Kunstschaffenden.
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Welcher Sinn- oder Bedeutungsgehalt aus diesen oder anderen Kunstwerken der
Skulpturenausstellung herauszulesen ist, bleibt aber letztendlich immer dem jeweiligen
Betrachter überlassen. Denn unabhängig davon, welchen auch noch so
umfassenden Bedeutungsgehalt ein Künstler in ein von ihm geschaffenes Kunstwerk
hineinlegt, die Bedeutung setzt aber immer eine persönliche Auseinandersetzung mit dem
Kunstwerk voraus, ob es sich beim Betrachter nun um einen Kunstverständigen handelt
oder nicht. Durch das Ausstellen der Skulpturen im öffentlichen Raum werden aber
gerade über die Kunstverständigen hinaus jene angesprochen, die nur sehr selten
oder nie den Weg in den musealen Raum finden, und zur Auseinandersetzung aufgefordert. Die
Auseinandersetzung ist aber nur möglich, wenn die ein Kunstwerk Passierenden auch
wissen, woran sie vorbeilaufen, und somit auch die Möglichkeit haben, stehen zu bleiben
und sich mit dem Kunstwerk zu beschäftigen. Das Problem ein Kunstwerk im
öffentlichen Raum auch als solches zu erkennen, scheint mir für die bisherigen
Skulpturenausstellungen nicht gelöst worden sein. Deshalb ist zu hoffen, daß
Lösungen für die kommende Skulpturenausstellung 1997 erarbeitet werden. Ich
könnte mir vorstellen, als Hinweis in der Umgebung des Kunstwerkes ein Schild
aufzustellen, auf dem in feuerroter Schrift vor giftgrünem Hintergrund steht: "Achtung!
Kunst". Wem das zu sehr nach dem Wink mit dem Zaunpfahl aussieht, dem hätte ich
noch den konservativeren Vorschlag anzubieten, einfach ein kleines aber unübersehbares
Schild am oder in der Nähe des Kunstwerkes anzubringen, auf dem der Name des
Künstlers, der Titel des Kunstwerkes und das Entstehungsjahr vermerkt sind. In einer Art
Umkehrschluß könnte dann aufgrund der Existenz dieses Schildchen das
Vorhandensein eines Kunstwerkes festgestellt werden, so wie auch offensichtlich ist: "Wo
Museum draufsteht, ist Kunst drin."
Johannes Duschner
UniKunstKultur WS 96/97
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