"So’ne Form halt" - Studierende sehen Skulpturen

Unter dem Titel "So’ne Form halt" - Studierende sehen Skulpturen" veröffentlicht der Senatsausschuß für Kunst und Kultur im Blick auf die Skulpturenausstellung 1997 in den kommenden Ausgaben Beiträge, die sich aus studentischer Sicht mit den Skulpturen beschäftigen, die 1977 und 1987 in einem Dialog mit der Stadt von Künstlern für Münster projektiert und realisiert worden sind. Nach Christian Seiffert folgt in dieser Ausgabe Johannes Duschner, Student der Sozialarbeit an der Fachhochschule Münster (Fachbereich Sozialwesen) mit seinem Text "Kunst der Nachahmung?". Reaktionen auf seinen Text sind erwünscht, eine Veröffentlichung nicht ausgeschlossen.


Kunst der Nachahmung?


Werden Kunstwerke nicht in den musealen, sondern in den öffentlichen Raum gestellt, so fallen die Meinungen bei den Betrachtern immer sehr unterschiedlich aus. Meistens wird das Meinungsbild von tiefster Ablehnung bis zu überschäumender Begeisterung reichen, es sei denn, es sind sich wirklich ausnahmsweise alle mal einig. Diese Differenz der Meinungen führt fast selbstverständlich zu einer öffentlichen Auseinandersetzung über Sinn oder Unsinn eines Kunstwerkes oder im weiteren der Kunst allgemein, welche aber nie wirklich zu einem Abschluß kommt, sondern im Gegenteil bei jedem weiteren Kunstwerk von öffentlichem Interesse neu entflammt. Erst 1995 ließ sich eine solche Auseinandersetzung im Zusammenhang mit der Verhüllung des Reichstags durch Christo und seine Frau quer durch die bundesrepublikanische Öffentlichkeit beobachten. Auch im Falle der Skulpturenausstellungen von 1977 und 1987 in Münster wird der Widerstreit der Meinungen zu verzeichnen gewesen sein. Meist ist ja die öffentliche Auseinandersetzung über eine Ausstellung noch spannender als die Ausstellung selbst. Verweigern sich die Betrachter allerdings der Auseinandersetzung, indem sie sich ausschließlich in Unmutsäußerungen über ein Kunstwerk ergehen, wird sie letztendlich unmöglich gemacht.

   Umgekehrt besteht aber auch die Möglichkeit, daß sich Kunstwerke der Auseinandersetzung entziehen. Das gilt im besonderen dann, wenn Kunstwerke in den öffentlichen Raum gestellt und nicht als solche kenntlich gemacht worden sind. Diese Aussage trifft auch in hohem Maße auf die Kunstwerke der Skulpturenausstellung zu. Exemplarisch möchte ich die Kunstwerke von Susana Solano - "Intervencion en Münster" - und Per Kirkeby - "Backstein-Skulptur" herausheben. Beide Kunstwerke zeichnen sich zwar durch eine optische Auffälligkeit aus, lassen aber ihr Wesen als Kunstwerke nicht erkennen. Es scheint geradezu, als handele es sich um Meisterwerke des Mimikry. Analog der Pflanzenarten, die das Aussehen von Steinen angenommen haben, versuchen die beiden Skulpturen ihre wahre Existenz zu verbergen.

[Susana Solano, Intervencion en Münster] Susana Solano, Intervencion en Münster, 1987, galvanisiertes Eisen
Foto: Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster
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  Die Skulptur von Susana Solano ahmt geschickt mit Hilfe der verwendeten Stahlplatten und Stahlträger, die scheinbar als Verstrebungen dienen, ein Baugerüst nach. Die Tarnung perfekt werden läßt jedoch erst die Umgebung in der die Skulptur angesiedelt ist. Der tarnende Untergrund ist für die Skulptur nämlich der historische Buddenturm geworden. Für mich als vormals Werktätiger in einem Baunebenberuf, der des öfteren seinen Schweiß in denkmalgeschützten Gebäuden vergossen hatte, war aufgrund dieser Kombination klar, es handelt sich um ein Gerüst, daß aus denkmalschützerischen Gründen dort aufgestellt ist.

Von dieser Einschätzung hat mich auch nicht abbringen können, daß sich an dieser vermeintlichen Baustelle zu keiner Zeit in irgendeiner Weise restaurative Tätigkeit entfaltet hätte. Vielmehr schien es sich um eine bauliche Sofortmaßnahme des Amtes für Denkmalschutz zu handeln, die zwischenzeitlich der Vergessenheit anheim gefallen war. Irgendwann bin ich aber wohl doch zu der Kenntnis gelangt, daß ich es mit einem Kunstwerk zu tun habe. Erst durch die Kenntnis steht einem aber der Weg offen, sich dem Kunstwerk durch Interpretation zu nähern. Hat man das Kunstwerk erst einmal seiner Nichtexistenz entrissen, läßt sich auch nach dem Titel des Werkes fragen, der ja derweilen ein wenig Aufschluß über den Sinn und die Bedeutung eines Kunstwerkes geben kann. Der Titel der Skulptur von Susana Solano lautet: "Intervencion en Münster" , was soviel wie "Eingriff in Münster" meint. Der Titel scheint mir zurecht so gewählt, denn tatsächlich wird an dieser Stelle in die Umgebung des Buddenturms eingegriffen.

   Und dieser schien auch dringend notwendig, denn seit der Zeit, als die Wehrmauer, in die der Buddenturm integriert war, zerstört wurde, muß der Buddenturm völlig "entwurzelt" an dieser Stelle herumgestanden haben. Augenscheinlich wird diese Deplaziertheit, wenn man den Turm von der Münzstraße aus betrachtet. Von dieser Perspektive aus erkennt man, wie der Turm durch die beiden Kreuzstraßen geradezu abgeschnitten ist von den umliegenden Gebäuden. So steht er nun da verloren wie ein Baumstumpf, dem die Wurzeln abgehackt worden sind. Die einzige Chance sich dort noch einzupassen, wäre die Grünfläche mit den daraufstehenden Bäumen. Gerade wie die Wurzeln eines Baumes, die im Untergrund Halt suchen, könnte das Mauerbruchstück den Zusammenhalt herstellen zwischen Buddenturm und Umgebung. Aber dieser Weg ist verbaut im wahrsten Sinne des Wortes, abgeriegelt durch die Skulptur, die wie ein Verband eines amputierten Gliedmaßes das Mauerbruchstück fest umschließt. Was allerdings nur im übertragenen Sinne für die Skulptur gilt, denn sie berührt den Mauerrest an keiner Stelle. Wäre diese isolierende Wirkung der Skulptur auf den Turm so gewollt, so wäre diese Intention durchaus akzeptabel. Nur wird dieser Entwurf der Skulptur und die damit verbundene Wirkung entwertet durch die Tatsache, daß es nur eine "Notlösung" gewesen zu sein scheint. Denn ursprünglich war an dieser Stelle von derselben Künstlerin die Skulptur "Muralla transitable"(durchschreitbare Mauer) geplant, die einem überdachten Weg nicht unähnlich, den Mauerrest des Buddenturms in die Grünfläche hinein verlängert hätte. Durch diesen Entwurf wäre die Verbindung zwischen Buddentum und der Umgebung hergestellt worden, die durch "Intervencion en Münster" so jäh unterbrochen worden ist. Interessanterweise konnte der erste Entwurf aus finanziellen Gründen nicht verwirklicht werden. Aus diesen beiden Tatsachen offenbart sich mir ein etwas seltsames Kunstverständnis und wieder einmal kommt die normative Kraft des Faktischen zur Entfaltung. Ich unterstelle einfach mal, daß die Skulptur in diesem Fall den finanziellen Rahmenbedingungen angepaßt worden ist, denn anderenfalls hätte die Künstlerin auf ihrem Konzept bestanden und das Projekt zu dem damaligen Zeitpunkt einfach fallengelassen und versucht, es vielleicht später zu verwirklichen.

[Per Kirkeby, Backstein-Skulpturen] Per Kirkeby, Backstein-Skulpturen, 1986
Foto: Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster
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  Auch die "Backstein-Skulptur" von Per Kirkeby drängt sich nicht als Kunstwerk in den Vordergrund, obwohl die Skulptur offen einsehbar vor dem Zoologischen Institut am Hindenburgplatz aufgestellt ist. Wie der Titel vielleicht schon verrät, besteht die Skulptur aus gemauerten Backsteinen. Das dürfte auch der Grund sein, weshalb sich dieses Kunstwerk so unauffällig hält an besagter Stelle. Die Skulptur besteht aus zwei Teilen. Der eine Teil der Skulptur befindet sich auf einem von kopfsteingepflasterten Zugangswegen umschlossenen Rasenstück, direkt vor dem Zoologischen Institut. Es handelt sich um eine quadratische Platte mit 3 - 4 m Seitenlänge, die von ca. 50 cm breiten schwach gekrümmten Bögen, die in waagerecht liegende Enden auslaufen und deren Oberkanten mit der Fläche der Platte in einer Höhe liegen, eingerahmt wird. In geschätzten 15 - 20 m Entfernung steht die zur Skulptur gehörige ca. 5m hohe, mit einer Grundfläche von etwa 2 x 2m versehene Backsteinsäule, die "wie bestellt und nicht abgeholt" dort steht. An diesem Teil der Skulptur sind etwa auf halber Höhe an allen vier Seiten nach innen laufende Stufungen und flach verlaufende Bögen gemauert, die wie Öffnungen wirken. Diese vermeintlichen Verzierungen lassen die Backstein-Säule wie einen verblendeten Lüftungsschacht erscheinen, genauso wie die Backstein-Platte als Kaschierung einer "unschönen", aber baulichen Notwendigkeit gehalten werden kann. Sehe ich diesen vermeintlichen "Lüftungsschacht" und die "Abdeck-platte" nicht mehr als solche, sondern als Kunstwerk an, erweitern sich die Interpretationsmöglichkeiten sogleich. Mit dieser veränderten Perspektive stellen sich bei mir die verschiedensten Assoziationen ein. So könnte es sich um die Darstellung architektonischer Details von Backsteingebäuden handeln. Durch die übergroße Ausführung, so wäre denkbar, sollte ähnlich der an Persönlichkeiten erinnernden Denkmäler, eine überhöhende Lobpreisung, in diesem Fall der Münsteraner Backstein-Baukunst, erreicht werden. Aber auch eine Interpretation mit gesellschaftspolitischem Bezug ließe sich denken. Vielleicht weist die Skulptur ja auf das Problem der Entwurzelung der Menschen in der heutigen Gesellschaft hin. So wie die Backstein-Säule ohne sichtbares Fundament dasteht, sind auch die Menschen ohne sicheren Grund, auf den sie sich zurückziehen könnten. Was heute noch Gewißheit ist, kann morgen schon über den Haufen geworfen sein. Immer neue Situationen brechen über die Menschen herein, die zu Verhaltensunsicherheiten führen, da keine vergleichbaren Situationen den Rückgriff auf adäquates Verhalten ermöglichen würden. Die Aufteilung der Skulptur in Sockel oder Fundament und Säule und die Aufstellung der beiden Teile in etlicher Entfernung voneinander, drücken aber noch weiter aus, daß das Erreichen des sicheren Fundamentes in der heutigen Zeit unmöglich geworden ist. Diese Bedeutung läßt sich sicherlich mit der Skulptur verbinden, unabhängig von der Intention des Kunstschaffenden.

   Welcher Sinn- oder Bedeutungsgehalt aus diesen oder anderen Kunstwerken der Skulpturenausstellung herauszulesen ist, bleibt aber letztendlich immer dem jeweiligen Betrachter überlassen. Denn unabhängig davon, welchen auch noch so umfassenden Bedeutungsgehalt ein Künstler in ein von ihm geschaffenes Kunstwerk hineinlegt, die Bedeutung setzt aber immer eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk voraus, ob es sich beim Betrachter nun um einen Kunstverständigen handelt oder nicht. Durch das Ausstellen der Skulpturen im öffentlichen Raum werden aber gerade über die Kunstverständigen hinaus jene angesprochen, die nur sehr selten oder nie den Weg in den musealen Raum finden, und zur Auseinandersetzung aufgefordert. Die Auseinandersetzung ist aber nur möglich, wenn die ein Kunstwerk Passierenden auch wissen, woran sie vorbeilaufen, und somit auch die Möglichkeit haben, stehen zu bleiben und sich mit dem Kunstwerk zu beschäftigen. Das Problem ein Kunstwerk im öffentlichen Raum auch als solches zu erkennen, scheint mir für die bisherigen Skulpturenausstellungen nicht gelöst worden sein. Deshalb ist zu hoffen, daß Lösungen für die kommende Skulpturenausstellung 1997 erarbeitet werden. Ich könnte mir vorstellen, als Hinweis in der Umgebung des Kunstwerkes ein Schild aufzustellen, auf dem in feuerroter Schrift vor giftgrünem Hintergrund steht: "Achtung! Kunst". Wem das zu sehr nach dem Wink mit dem Zaunpfahl aussieht, dem hätte ich noch den konservativeren Vorschlag anzubieten, einfach ein kleines aber unübersehbares Schild am oder in der Nähe des Kunstwerkes anzubringen, auf dem der Name des Künstlers, der Titel des Kunstwerkes und das Entstehungsjahr vermerkt sind. In einer Art Umkehrschluß könnte dann aufgrund der Existenz dieses Schildchen das Vorhandensein eines Kunstwerkes festgestellt werden, so wie auch offensichtlich ist: "Wo Museum draufsteht, ist Kunst drin."

Johannes Duschner
UniKunstKultur WS 96/97


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Datum: 29.11.1996