WWU 
Münster
Westfälische Wilhelms-Universität
Münster


Bibelmuseum



Sammlungsbestände

Das Bibelmuseum gehört in besonderer Weise zu Münster und seiner Universität. Angegliedert an das bekannte Institut für neutestamentliche Textforschung, in dem der Urtext des Neuen Testaments verantwortlich für alle Kirchen bearbeitet und herausgegeben wird, zeigt es die Geschichte der Bibel an Originalen von den Anfängen bis heute. Dabei wird die Überlieferung der Schrift durch die Jahrhunderte sowie der Umgang mit ihr von Generation zu Generation an Bibelexemplaren erläutert und entfaltet. Man sieht sehr alte, mit der Hand beschriebene Fragmente aus Leder und Papyrus, dem "Papier" der Antike; ein erster Schwerpunkt liegt bei den vollständig erhaltenen Handschriften auf Pergament und - später - Papier vom 4. bis 15. Jahrhundert. Man erfährt von den Schwierigkeiten der Benutzung dieser Materialien, der Schriftentwicklung, die sich vollzog sowie dem uns so fremden Umgang mit handgeschriebenen Bibeln.

Der Betrachter kann sodann die Geschichte des Drucks in allen Einzelheiten verfolgen. Denn immer war es die Bibel, die die Drucker von Gutenberg als eine besondere Herausforderung für sich empfanden: für einen Bibeldruck entwarf man neue Lettern, für einen Bibeldruck setzte man auch schon einmal sein Vermögen ein. Die Bibel war ein Buch, das nicht mit anderen zu vergleichen war. Dementsprechend bietet das Museum eine repräsentative Sammlung aus diesen Anfängen des Buchdrucks. So liegen Schwerpunkte bei den deutschen Bibelausgaben von ihren ersten Anfängen vor Luther an, also vom 15. - 18. Jahrhundert, und bei den griechischen (und hebräischen) Urtextausgaben aus demselben Zeitraum. Aber auch die neue und neueste Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts kommt mit ihren Bemühungen nicht nur des Drucks, sondern vor allem der Verbreitung der Bibel in alle Sprachen und alle Welt zur Geltung.

Karten, Tabellen und Übersichtsmaterial dienen der weiteren Information. Ein originalgetreuer Nachbau der Gutenbergpresse erlaubt es, einzelne Blätter aus der Gutenberg-Bibel dem Original entsprechend zu drucken. Kundige Mitarbeiter des Instituts für neutestamentliche Textforschung führen den Besucher, wenn er es wünscht. Sie vermitteln damit zugleich der Öffentlichkeit Einblick in die Arbeit des Instituts für neutestamentliche Textforschung am Text des Neuen Testaments.

Ein Museum mit dem Ziel, die Geschichte der Bibel vollständig zu repräsentieren und durch die Mitarbeiter des Instituts auch zu erläutern, gibt es unseres Wissens sonst nicht. Selbst große Museen bieten keinen Gesamtüberblick. Ihre Sammlungsschwerpunkte sind meist auf einzelne Epochen beschränkt. So birgt Münsters Universität ein Kleinod, zwar nicht groß, aber für jeden interessant, der sich für das Buch der Bücher von der Antike bis heute oder die Geschichte des Buches überhaupt interessiert.

Foto: Codex
Leningradensis

Das Bibelmuseum wurde 1979 eröffnet und 1986 durch die Unterstützung der Universität Münster wesentlich erweitert. Es ist in einem aus dem 18. Jahrhundert stammenden Gebäude (Erbauer Joh. Conrad Schlaun) untergebracht und verteilt sich auf 6 Räume: Raum 1 - 3 sind der Bibel im hebräischen und griechischen Urtext sowie in den alten Übersetzungen in Handschriften und in Drucken gewidmet (hinzu kommen Autographen aus der Reformationszeit). Raum 4 und 5 stellen schwerpunktmäßig die Geschichte der deutschen Bibel dar, es werden aber auch Bibelillustrationen in repräsentativer Auswahl gezeigt. Raum 6 veranschaulicht die Arbeit der Bibelgesellschaften von ihren Anfängen bis heute.

Foto: Griechische
Handschrift des Neuen Testaments

In Raum 1 wird die handschriftliche Überlieferung der Bibel und ihrer frühen Übersetzungen dargestellt. Das Alte Testament wird repräsentiert u.a. durch eine an der Wand über mehrere Meter hinweg aufgerollte Thora-Rolle aus dem 14. Jahrhundert. Auch die wichtigste Handschrift für den Text des Alten Testaments, der Codex Leningradensis aus dem ll. Jahrhundert, wird (als Photo) gezeigt (vgl. Abb.). Eine millimetergetreue Nachbildung eines Tonkruges aus den Qumran-Funden (1947) und einer der wichtigsten Handschriften daraus, der Jesaja-Rolle, sind ebenfalls ausgestellt. Das Neue Testament wird durch 13 griechische Handschriften, sämtlich auf Pergament geschrieben, repräsentiert (vgl. Abb.), aber auch durch frühe Übersetzungen ins Syrische, Koptische, Lateinische usw.. Eine Sammlung von 31 Papyri zeigt, wie das Neue Testament in den ersten Jahrhunderten vervielfältigt wurde.

Raum 2 ist der gedruckten Überlieferung des griechischen Neuen Testaments gewidmet. Hier finden sich die sog. Erstausgabe des Erasmus von Rotterdam von 1516, die "Complutensische Polyglotte" (Polyglotte = mehrsprachige Ausgabe) von 1514 und die Ausgaben der bedeutendsten Drucker und Verleger aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Dabei wurde der Text des Erasmus (vgl. Abb.), der lediglich 5 späte Handschriften für seine Ausgabe benutzt hatte, tradiert und zum sog. "Textus receptus" ("von allen angenommener Text"). Zwar wurde die Handschriftenbasis in den späteren Drucken erweitert, z. B. in der "Editio regia" des Stephanus 1550 oder den Ausgaben der Gebrüder Elzevier, aber der Grundcharakter des Erasmus-Textes blieb. Die Ausgaben vom 18. Jahrhundert an zeigen die zunehmende textkritische Arbeit ihrer Herausgeber. Besonders wichtig sind die Ausgaben von Johann Albrecht Bengel (1734), C. von Tischendorf (Editio octava critica maior 1869/72) und Westcott/Hort (1881). Den Abschluß der Entwicklung bilden die heute maßgeblichen Ausgaben des Instituts für neutestamentliche Textforschung, der sog. Nestle-Aland (27. rev. Aufl. 1993) und das Greek New Testament (4. rev. Aufl. 1993). Beide Ausgaben sind im Text identisch, nur der Apparat unterscheidet sich wegen der unterschiedlichen Zielsetzung. Sie wurden aufgrund einer Vereinbarung zwischen dem Vatikan und den United Bible Societies 1987 zur Grundlage für alle modernen Übersetzungen und Revisionen bestehender Übersetzungen erklärt. Den Veröffentlichungen des Instituts für neutestamentliche Textforschung (vgl. auch Abb.) ist eine eigene Vitrine gewidmet, die die Vielfalt der hier bearbeiteten Textausgaben sowie Lexika, Konkordanzen usw. aufweist.

Raum 2 zeigt als Ergänzung zur griechischen Textüberlieferung auch zwei der großen Polyglotten des 16./17. Jahrhunderts, die sog. "Londoner Polyglotte" (1655 - 57), die neben dem jeweiligen Urtext auch die frühen Übersetzungen z. B. ins Lateinische, Syrische, Arabische und Äthiopische enthält, und die sog. "Antwerpener Polyglotte" (1571). Daneben wird ein Inkunabeldruck der Vulgata von 1481 gezeigt, der den die damalige Zeit beherrschenden Kommentar, die "Glossa ordinaria", im Erstdruck enthält. Ein Faksimileexemplar der Gutenbergbibel (1452 - 56) führt dem Besucher den ersten großen Bibeldruck Oberhaupt vor Augen (vgl. Abb.).

Foto:
Erste im Druck veröffentlichte Ausgabe des griechischen Neuen Testaments durch
Erasemus von Rotterdam Foto:
Maßgebliche Handausgabe des griechischen Neuen Testaments Foto: Der Anfang des
Johannesevangeliums aus der Gutenbergbibel

Raum 3 zeigt Autographen aus der Reformationszeit, allein von Martin Luther sind 6 Originalbriefe ausgestellt, aber auch Melanchthon, Calvin und andere Reformatoren sind vertreten. Ebenso finden sich hier Briefe der Fürsten aus der Reformationszeit von Friedrich dem Weisen bis zu Philipp von Hessen; sogar ein Brief Karls V. ist ausgestellt.

In Raum 4 wird die Geschichte der deutschen Bibel bis zur Reformationszeit dargestellt. Die Zeit vor dem Bibeldruck ist durch ein handschriftliches Fragment einer deutschen Bibelübersetzung aus dem 14. Jahrhundert vertreten. Von den 18 vorlutherischen Bibeldrucken, die 2 Übersetzungen, eine niederdeutsche und eine oberdeutsche, tradieren, sind drei ausgestellt, der Rest wird fast vollständig durch Einzelblätter an den Wänden repräsentiert. Besonders zu nennen ist die prächtig illustrierte Koberger-Bibel von 1483 (vgl. Abb.). Die Übersetzung Luthers wird von ihren Anfängen an in ihren wichtigsten Stadien dargestellt. So finden sich hier z. B. eine Ausgabe des Neuen Testaments von 1524, die erste Gesamtausgabe der Lutherbibel von 1534 (vgl. Abb.) und die sog. "Ausgabe letzter Hand" von 1545, die noch eine Eintragung Luthers aus der Zeit unmittelbar vor seinem Tod 1546 enthält. Auch die reformierten und katholischen Übersetzungen der Reformationszeit werden gezeigt, neben den Drucken der Zürcher Bibel von 1530 (Erstausgabe) und 1536 sind die Erstdrucke aller drei katholischen Übersetzungen: H. Emser 1527, J. Dietenberger 1534 (vgl. Abb.) und J. Eck 1537 zu sehen. Besonders interessant ist dabei das ausgestellte Exemplar des Neuen Testaments von Emser, das mit dem dritten Teil des Alten Testaments von 1524 in der Lutherübersetzung in einem prächtigen Einband zusammengefügt wurde. Angesichts der Tatsache, daß die Lektüre der Lutherübersetzung von der katholischen Kirche verboten war, ist diese Vereinigung von katholischer und lutherischer Übersetzung höchst erstaunlich.

Foto: Erste Seite der
Koberger-Bibel Foto: Erste
Gesamtausgabe der Bibelübersetzung Luthers Foto:
Bibelübersetzung von Johannes Dietenberger

In Raum 5 wird die Darstellung der Geschichte der deutschen Bibel fortgesetzt. Es werden Nachdrucke der Lutherbibel außerhalb Wittenbergs gezeigt. Aus dem 17. Jahrhundert sind zwei Ausgaben der damals bedeutendsten bibeldruckenden Verlage in Deutschland zu sehen, die sog. "Kurfürstenbibel" von 1641 des Verlages Endter in Nürnberg und die "Osianderbibel" von 1650 aus dem Verlag Stern in Lüneburg.

Im 18. Jahrhundert beginnt eine neue Epoche in der Geschichte der deutschen Bibel. Die Bewegung des Pietismus bewirkt Entscheidendes in Bibeldruck und -verbreitung sowie in der Arbeit am Text der Bibel. Auch Neuübersetzungen neben Luther entstehen erst im Pietismus. Das Museum zeigt die wichtigsten Drucke aus dieser Epoche. Als erstes sind die Ausgaben der 1710 in Halle gegründeten Cansteinschen Bibelanstalt zu nennen. Diese älteste Bibelgesellschaft der Welt nutzte eine damals neue Erfindung, den sog. Stehsatz, um eine Massenherstellung der Bibel zu günstigen Preisen zu erreichen. Dabei blieb der Satz für die ganze Bibel stehen und konnte für Nachdrucke sofort ohne Neusatz wieder verwendet werden, während vorher jeweils nur das Satzmaterial für einen Bogen vorhanden war, das nach dem Druck aufgelöst und für den Satz des nächsten Bogens verwendet wurde. Der Bibelpreis konnte aufgrund des neuen Druckverfahrens so gesenkt werden, daß das Neue Testament nur 2 Groschen kostete und eine Vollbibel 10 Groschen. Auch der Text der sog. Cansteinbibel ist bemerkenswert. Er wurde zum ersten Mal seit Luther anhand von originalen Lutherbibeln revidiert. Daneben entstand auf dem Boden des Pietismus eine Fülle von Neuübersetzungen, die in ihren wichtigsten Ausgaben im Museum repräsentiert sind. Dazu gehören die Ausgaben von Nikolaus von Zinzendorf (1739), Philipp Matthäus Hahn (1777) und die "Berleburger Bibel" (1726 - 42). Hinzu kommen neue katholische Übersetzungen, z. B. die des Münsteraner Neutestamentlers Johann Hyazinth Kistemaker (7 Bände, 1. Aufl. 1818 - 1823). Die Revision der Lutherbibel von 1883 an bis heute kommt ebenso zur Darstellung wie die wichtigsten modernen Übersetzungen bis hin zu Übersetzungen in die Mundart.

Von besonderem Interesse sind auch die Hilfsmittel zur Bibelauslegung aus dem 15. - 18. Jahrhundert, die ebenfalls in Raum 5 zur Darstellung kommen. Den Anfang bildet der Kommentar des Nikolaus von Lyra in einem Inkunabeldruck von 1485. Die sog."Lanckische Konkordanz" zur Lutherbibel 40 (1705) weist gleichzeitig die hebräischen und griechischen Entsprechungen der jeweiligen Stichworte nach. Sie gehört noch heute zu den Hilfsmitteln von Theologen und Germanisten. Als Beispiel für mehrsprachige Ausgaben werden die Hamburger Polyglotte von 1596 und die sog. "Biblia pentapla" (fünfsprachige Bibel) von 1711 gezeigt. Die Ausgabe der Lutherschen Kirchenpostille von Philipp Jakob Spener (1700), dem Begründer des lutherischen Pietismus in Deutschland, machte die Schriftauslegung Luthers im 18. Jahrhundert noch einmal weiten Kreisen zugänglich.

Foto: Cürieuse
Bilder-Bibel

Eine repräsentative Auswahl von Bibelillustrationen vom 16. Jahrhundert an bis heute veranschaulicht, wie sich im Laufe der Zeit die Bilder vom didaktischen Hilfsmittel zur Bibelausschmückung und heute zu "Bildern zur Bibel", d. h. zu eher der Selbstfindung der Künstler dienenden Bildern, entwickelten. Zu sehen sind z. B. die Illustrationen von Hans Sebald Beham (1511), Hans Holbein (1539), die "Icones Biblicae" von Merian (1625 - 27) und die bekannte "Historische Bilderbibel" von Ulrich Krauss (1705). Aus der Gegenwart ist besonders Marc Chagall hervorzuheben. Interessant sind aber auch Bilderbibeln, die biblische Sprüche in Form von Bilderrätseln enthalten (vgl. Abb.) und als Lernhilfe für Kinder und Jugendliche gedacht waren.

Den Blickfang in Raum 5 bildet der originalgetreue Nachbau der Gutenbergpresse (vgl. Abb.), an dem der Besucher sich die Drucktechnik Gutenbergs anschaulich vor Augen führen kann.

Foto: Der Nachbau der
Gutenbergpresse

Raum 6 zeigt die Arbeit der Bibelgesellschaften. Neben Dokumenten aus den Anfängen der deutschen Bibelgesellschaften, der Cansteinschen Bibelanstalt und der 1812 gegründeten Württembergischen Bibelanstalt, wird die internationale Wirksamkeit deutscher und ausländischer Bibelgesellschaften vorgeführt. Eindrücklich sind besonders die Vitrinen mit einer Fülle von Übersetzungen in afrikanische und osteuropäische Sprachen.

Besonderen Anklang findet ein Regal, das Bibeln nicht unter Verschluß hält, sondern heute aktuelle und auf dem Buchmarkt erhältliche Bibeln zeigt. Es bietet dem Besucher die Möglichkeit, sich über das Angebot an Bibeln zu informieren und sie an Ort und Stelle kennenzulernen und zu studieren.

Auch die "kleinste Bibel" der Welt kann in Raum 6 besichtigt werden: Auf einem einzigen Dia wird der Text der ganzen Bibel dargeboten, und zwar der englischen "King James Version". Ein Mikroskop ermöglicht es, den Text auch zu lesen.

Alle sechs Räume des Museums sind mit umfangreichem Begleitmaterial ausgestattet: Zeittafeln zur Geschichte der Bibel, Karten, Schaubilder usw. ergänzen die jeweiligen Ausstellungsstücke und bieten dem Besucher zusätzliche Informationen. Sachkundige Gruppenführungen können interessierten Besuchern einen umfassenden Gesamtüberblick über die Geschichte der Bibel vermitteln.

Zur Orientierung sind ein Führer durch das Museum erhältlich (Schnell Kunstführer Nr. 1259, 3. rev. Auflage 1994) sowie Kataloge der Sonderausstellungen. Außerdem werden Postkarten mit acht verschiedenen Motiven aus Ausstellungsstücken des Museums, im Museum gedruckte Seiten aus der Gutenberg-Bibel und Ausstellungsplakate angeboten.


Weitere Informationen finden Sie unter den Stichworten:


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Hans-Joachim Peter
EMail: VDV12@uni-muenster.de
Informationskennung: D2MUSBM1
Datum: 29.09.1995 - 04.06.1996